Am 6. November 2026 blickt die Universität Leipzig auf eine Debatte, die längst in fast jedem Alltag steckt: Facebook, Snapchat, YouTube, WhatsApp, Telegram, TikTok und Instagram gehören für viele Menschen einfach dazu. Nebenbei beim Frühstück, im Bus, zwischen zwei Seminaren. Und immer wieder steht die Frage im Raum: Werden soziale Medien zur Gefahr für die Demokratie?

In Bad Lauchstädt startet dazu ein neues Format des Goethe-Forums. Premierengast ist der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Christian Pieter Hoffmann. In einem angekündigten Interview erläutert er, warum er gängigen Thesen zur Wirkung sozialer Medien widerspricht und welchen Nutzen die Plattformen für die Demokratie haben können. Das Motiv zum Beitrag zeigt Menschen bei der Nutzung sozialer Medien. Veröffentlicht wurde der Artikel am 5. November 2026 um 15:46 Uhr aktualisiert.

Zwischen Protest und Filterblase

Kritiker sehen soziale Medien als einen Grund für die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Ein häufiger Vorwurf lautet, Nutzer bewegten sich politisch immer öfter nur noch in abgeschotteten sozialen Blasen. Algorithmen könnten vor allem Beiträge anzeigen, die die eigene Weltsicht bestätigen. Wer ständig mit Gleichgesinnten spricht, bekommt womöglich weniger Widerspruch zu hören – und soziale wie politische Unterschiede können sich verstärken.

Ganz so geradlinig ist die Forschung allerdings nicht. Seit dem Aufkommen sozialer Medien um die Jahrtausendwende ist es deutlich leichter geworden, Inhalte zu erstellen, zu veröffentlichen und auszutauschen. Lance Bennett und Alexandra Segerberg unterscheiden deshalb zwischen „collective action“, also gemeinsamem Handeln mit festen Strukturen, und „connective action“: vernetztem Handeln über soziale Medien, häufig ohne zentrale Leitung oder feste Abläufe.

Eine Rolle spielten soziale Medien etwa bei den Protesten nach der iranischen Wahl 2009, die teilweise als „Twitter-Revolution“ bezeichnet wurden, beim Arabischen Frühling, bei der Occupy-Bewegung und bei der Verbreitung und Vernetzung der Black-Lives-Matter-Proteste. Kritische Stimmen bezweifeln allerdings teilweise die politische Wirksamkeit von Hashtags und anderer Online-Beteiligung oder sehen soziale Medien nur als nachrangigen Bestandteil politischen Handelns.

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Seit dem Brexit-Referendum und der US-Präsidentschaftswahl 2016 ist zugleich deutlich geworden, dass digitale Plattformen demokratieunterstützend wie demokratiefeindlich eingesetzt werden können. Empörung, absichtlich falsche Informationen und Hassrede lassen sich verbreiten; bestehende Konflikte und gesellschaftliche Spaltungen können sich verschärfen. Beim politischen Microtargeting werden Nutzerinnen anhand ihrer veröffentlichten Informationen in kleine Zielgruppen eingeteilt und erhalten maßgeschneiderte, möglicherweise manipulative Wahlwerbung. Wer soziale Medien wie nutzt, macht also einen erheblichen Unterschied.

Wer erreicht wird – und wer nicht

2022 nutzte in Deutschland durchschnittlich etwa jede zweite Person ab 14 Jahren mindestens einmal wöchentlich soziale Medien. Bei den 14- bis 29-Jährigen lag der Anteil bei 88 Prozent, bei den über 70-Jährigen bei 10 Prozent. Demokratische Informations- und Beteiligungsmöglichkeiten erreichen die Bevölkerung deshalb nicht gleichmäßig. Nutzungshäufigkeit und bevorzugte Plattformen unterscheiden sich zudem nach Alter und Geschlecht.

Rund 60 Prozent der Personen, die Facebook beziehungsweise Instagram bevorzugen, hatten den Eindruck, dort gut informiert zu werden. Im Bundestagswahlkampf 2021 gaben knapp 50 Prozent der Erstwählerinnen an, die meisten Informationen über politische Ereignisse aus sozialen Medien zu erhalten. Auf Facebook, YouTube, Twitter und Instagram stammen Nachrichten überwiegend aus etablierten Medien, direkt von Journalistinnen, aus kleineren journalistischen Angeboten oder von Privatpersonen. Entsprechend stark unterscheiden sich Themen, politische Positionen und die Qualität der wahrgenommenen Inhalte.

Untersuchungen zeigen außerdem Unterschiede zwischen politischen Milieus. Einige Nutzerinnengruppen haben besonders homogene politische Kontaktnetzwerke und könnten dadurch eher einseitige Inhalte angezeigt bekommen. Andere verfügen über vielfältigere Kontakte. In einer repräsentativen Studie nutzten 15 Prozent der Befragten kaum traditionelle journalistische Angebote und bezogen Nachrichten, wenn überhaupt, vor allem über Facebook. Selbst eine sporadische Facebook-Nutzung kann politikferne Menschen mit aktueller Berichterstattung in Kontakt bringen.

Freiwillig bereitgestellte Browserdaten aus Deutschland von 2012 und 2018 weisen darauf hin, dass der Besuch von Facebook oder Twitter die Wahrscheinlichkeit erhöhte, anschließend eine journalistische Website aufzurufen. Dieser Zusammenhang wurde im Zeitverlauf stärker. Eine Untersuchung US-amerikanischer Nutzungsdaten von 2015 und 2016 ergab zudem: Die meisten Nutzerinnen konsumierten überwiegend Nachrichten aus der politischen Mitte zwischen den beiden großen Parteien – unabhängig von ihrer eigenen politischen Position. Nur kleine Gruppen an den politischen Rändern nutzten häufig Inhalte, die vor allem bei Gleichgesinnten beliebt waren.

Eine allgemeine Entpolitisierung oder eine vollständige Fragmentierung der Gesellschaft in gleichgesinnte Gruppen belegen die Studien nicht. Ältere, politikferne Menschen und kleine radikale Teilgruppen nutzen soziale Medien jedoch anders oder gar nicht. Dort können deshalb andere Wirkungen auftreten – oder eben keine.

Mehr Wissen, härtere Fronten?

Die Forschung kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen, auch weil sie verschiedene Wirkungsarten untersucht. Regelmäßige Nutzung sozialer Netzwerke erhöht die Wahrnehmung unterhaltender und online besonders beliebter Beiträge. Für die Wahrnehmung von Nachrichten wurde ein entsprechender Zusammenhang nicht festgestellt. Menschen nennen heute mehr Themen als aktuell wichtig als in den 1990er Jahren vor dem Aufkommen sozialer Medien. Trotz dieser größeren Themenvielfalt gibt es weiterhin große Überschneidungen bei den Themen, über die Menschen miteinander sprechen. Die Medienwahrnehmung wurde breiter, aber nicht insgesamt fragmentierter.

Beim politischen Wissen zählt politisches Interesse stärker als die Nutzung sozialer Medien. Außerdem unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Plattform. In einer Studie wirkten Twitter und YouTube stärker positiv auf das selbst eingeschätzte politische Wissen als Facebook.

Auch bei politischen Meinungen bleibt das Bild uneinheitlich. Ein Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und einer extremeren Selbsteinschätzung der eigenen politischen Meinung konnte in einer Untersuchung nicht bestätigt werden. Eine Überblicksstudie von 2021 zu sieben Experimenten zeigte jedoch, dass Meinungsbeiträge aus sozialen Medien bestehende Unterschiede zwischen politischen Lagern vertiefen können. Wie dieser Effekt genau entsteht, wie lange er anhält und ob er sich auf die alltägliche Mediennutzung übertragen lässt, ist offen.

Bei politischem Verhalten untersuchen Forschende unter anderem Wahlteilnahme, Demonstrationen und Boykotte. Mediennutzung ist dabei nur einer von mehreren Einflussfaktoren. Alter, Geschlecht, politisches Interesse sowie konkrete Hürden oder Hilfen bei Beteiligungsangeboten spielen ebenfalls eine Rolle. In einem Vergleich von 36 Studien fand Shelley Boulianne in vier von fünf Untersuchungen einen positiven Zusammenhang zwischen sozialer Mediennutzung und politischer Beteiligung.

Ob soziale Medien diese Beteiligung tatsächlich verursachen, lässt sich aus vielen Studien allerdings nicht eindeutig ableiten. Andere Faktoren können sowohl die Nutzung als auch die Beteiligung beeinflussen. Positive Zusammenhänge zeigen sich eher beim Protestverhalten als bei der Wahlteilnahme. Deutsche Studien ergaben, dass Wahlkommunikation von Parteien in sozialen Medien vor allem bereits überzeugte Anhängerinnen erreicht. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und der Wahlabsicht besteht nicht.

Die offene Rechnung der Forschung

Soziale Medien können politische Information, Meinungsbildung und Mobilisierung ermöglichen. Ob das passiert, hängt unter anderem von politischem Interesse, Parteibindung, Alter und individueller Nutzung ab. Politisch interessierte oder stark parteigebundene Menschen nutzen soziale Medien häufig politischer und können dadurch weitere positive Effekte erfahren. Politikferne Menschen und Personen mit extremen Ansichten können dagegen eher mit Falschinformationen oder radikalen Inhalten in Kontakt kommen.

Fragmentierte Kommunikation ist dabei nicht zwingend demokratiefeindlich. Für gesellschaftliche Randgruppen kann die Vernetzung mit Gleichgesinnten ein erster Schritt sein, Anliegen gemeinsam in breitere politische Debatten einzubringen. Gleichzeitig entstehen Herausforderungen für Medienkompetenz, politische Online-Formate, die Regulierung politischer Anbieter*innen und Inhalte sowie das Monitoring sozialer Medien. Forschungsergebnisse müssen stets im jeweiligen Kontext betrachtet werden: Zeitpunkt, Thema, Land und Plattform beeinflussen, was sich aus einer Untersuchung ableiten lässt.

Eine am 10. April 2025 vorgestellte Replikationsstudie liefert dazu aktuellen Kontext. Forschende der Tongji University, der University of Cambridge und der Duke University überprüften die Ergebnisse von Lorenz-Spreen et al. aus dem Jahr 2023, A systematic review of worldwide causal and correlational evidence on digital media and democracy. Sie replizierten die Methodik der ursprünglichen Studie und werteten zusätzlich Untersuchungen bis März 2024 aus.

Die Replikation bestätigte die zentralen Ergebnisse: Digitale Medien erleichtern den Zugang zu Informationen, fördern politische Beteiligung und ermöglichen freie Meinungsäu