Strombonus mit Ablaufdatum: Warum günstige Tarife im zweiten Jahr teurer werden
Stromverträge sehen auf Vergleichsportalen oft aus wie ein kleines Schnäppchen: niedriger Einstiegspreis, Neukundenbonus, Preisgarantie. Der Haken kommt nicht selten später. Nach der ersten Vertragsphase können die Kosten deutlich steigen – und wer nicht rechtzeitig hinschaut, zahlt plötzlich mehr als gedacht.
Das zeigt eine von Octopus Energy beauftragte Auswertung der RWTH Aachen von 2.342 Preisanpassungsschreiben aus den Jahren 2022 bis 2025. In drei von vier Fällen stieg der Preis nach dem ersten Jahr. Der Arbeitspreis erhöhte sich durchschnittlich um 13 Cent pro Kilowattstunde, Bestandskunden zahlten im Schnitt 47 Prozent mehr als Neukunden.
Der günstige erste Monat ist nicht die ganze Wahrheit
Vergleichsportale zeigen häufig vor allem den Einstiegspreis. Bei flexiblen Tarifen wird der Preis ab dem zweiten Monat teilweise deutlich höher ausgewiesen. In Stuttgart kosteten einige flexible Tarife bei einem Jahresverbrauch von 2.500 Kilowattstunden im ersten Monat gut 70 Euro, danach laut Check24 etwa 98 bis 106 Euro monatlich. Die Grundversorgung lag bei knapp 91 Euro.
Die RWTH-Daten stammen überwiegend aus Wechselportalen und Schnäppchenforen. Preiserhöhungen könnten dort also überrepräsentiert sein. Nach einem Abgleich mit der Bundesnetzagentur bewertete die RWTH die Daten dennoch als repräsentativ.
Bundesweit können Haushalte im Durchschnitt zwischen 139 Stromanbietern an ihrem Wohnort wählen. Das geht aus dem Monitoringbericht 2025 der Bundesnetzagentur mit Daten für 2024 hervor. Um Kundschaft zu gewinnen, locken Anbieter mit Neukunden- und Sofortboni, Wechselprämien, Sachgeschenken, Gutscheinen, Gutschriften und Preisgarantien.
Ein Neukundenbonus wird normalerweise einmalig ausgezahlt, meist nach zwölf Monaten oder mit der ersten Jahresabrechnung. Der Anspruch bleibt grundsätzlich auch bei einer fristgerechten Kündigung nach der Erstvertragslaufzeit bestehen. Allerdings verlangen viele Anbieter zwölf Monate tatsächliche Belieferung. Diese Frist beginnt erst mit dem Lieferstart – nicht mit dem Vertragsabschluss. Wer zum Ende des ersten Vertragsjahres kündigt, hat diese Zeit unter Umständen noch nicht ganz erreicht.
Beim Sofortbonus geht es schneller: Er wird meist etwa 60 Tage nach Lieferbeginn ausgezahlt, spätestens häufig innerhalb von drei Monaten. Der genaue Termin steht in den Bonusbedingungen. Die Höhe hängt oft von Tarif und Verbrauch ab und reicht vom zweistelligen bis in den niedrigen dreistelligen Eurobereich. Auch dieser Bonus wird in der Regel nur einmalig und nur im ersten Belieferungsjahr gewährt. Bei einem vorgeschriebenen Mindestverbrauch kann der Anbieter den bereits gezahlten Betrag später mit der Jahresabrechnung verrechnen.
Als Neukunde gilt oft nur, wer in den vergangenen sechs Monaten – bei manchen Anbietern zwölf Monaten – weder vom Anbieter noch von einer Vertriebsmarke beliefert wurde. Die Definition in den Bonusbedingungen zählt. Ein bestehender Gasvertrag kann ebenfalls dazu führen, dass ein Kunde beim Abschluss eines Stromvertrags als Bestandskunde gilt; auch der Wechsel zwischen Marken desselben Konzerns kann den Bonus kosten.
Bonusrechnung mit Taschenrechner statt Bauchgefühl
Ein Beispiel mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch: Bei 32 Cent pro Kilowattstunde und einem Grundpreis von zwölf Euro im Monat beziehungsweise 144 Euro im Jahr kostet der Tarif ohne Bonus 1.264 Euro. Dazu kommen 120 Euro Neukundenbonus und 80 Euro Sofortbonus. Im ersten Jahr bleiben effektiv 1.064 Euro, ab dem zweiten Jahr wieder 1.264 Euro – bei unverändertem Preis also rund 200 Euro mehr.
Auch ein Rechenbeispiel von Finanztip zeigt den Sprung. Bei 3.000 Kilowattstunden kostet ein Tarif mit 120 Euro Grundpreis, 35 Cent je Kilowattstunde und 200 Euro Neukundenbonus im ersten Jahr 790 Euro. Ein Tarif ohne Bonus, aber mit 28 Cent je Kilowattstunde, kostet 840 Euro. Ab dem zweiten Jahr dreht sich das Bild: 990 Euro beim Bonustarif gegenüber 840 Euro ohne Bonus. Der monatliche Abschlag liegt bei 82,50 Euro statt 70 Euro.
Vergleichsportale können den Bonus in die Jahreskosten des ersten Jahres einrechnen und Tarife danach sortieren. Die monatlichen Abschläge enthalten die Gutschrift dagegen häufig nicht und fallen deshalb höher aus. Wer länger bleiben möchte, sollte den Tarif zusätzlich ohne Bonus berechnen. Bonustarife lohnen sich vor allem für Menschen, die nach dem ersten Belieferungsjahr erneut wechseln.
Beim Abschluss sollte außerdem geprüft werden, ob der Bonus an zwölf Monate Vertragslaufzeit oder tatsächliche Belieferung gekoppelt ist, wie lange ein früherer Vertrag beim Anbieter oder einer Vertriebsmarke zurückliegen darf, ob ein Mindestverbrauch gilt und ob ein Prozentbonus auf die Gesamtkosten oder nur auf den Arbeitspreis berechnet wird. Auch Mindestlaufzeit, Kündigungsfrist und Umfang der Preisgarantie gehören in diesen Check.
Preisgarantien sind nämlich nicht automatisch Rundum-Schutz. Laufzeit, Umfang und ausgenommene Preisbestandteile können unterschiedlich sein. Eine Vertragslaufzeit von 24 Monaten kann zwar zwei Jahre Preisstabilität ermöglichen, mögliche spätere Preiserhöhungen und die konkrete Preisgarantie müssen trotzdem geprüft werden.
„Anlocken & Abzocken“ – und Octopus mittendrin
Octopus Energy hat die Kampagne „Anlocken & Abzocken“ gestartet und fordert einen Preisdeckel für Bestandskunden, die Anzeige des aktuellen Neukundenpreises auf jeder Rechnung sowie regelmäßige Kontrollen durch die Bundesnetzagentur. Laut einer von Octopus bezahlten YouGov-Umfrage befinden sich 18 Prozent der Haushalte in der Grundversorgung.
Besonders häufig betrifft das Arbeitslose und Mieter von Sozialwohnungen – jeweils 28 Prozent. Menschen mit geringer digitaler Kompetenz kommen auf 25 Prozent. Rentner mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind etwas seltener in der Grundversorgung, wechseln aber häufig nicht: 55 Prozent gelten als passive Kunden, und 81 Prozent der nicht wechselnden Rentner halten einen Wechsel für sinnlos.
Bei Haushalten mit weniger als 1.500 Euro Nettoeinkommen wechselten 27 Prozent in den vergangenen drei Jahren mehrfach den Anbieter. Bei Haushalten mit mindestens 3.000 Euro waren es 43 Prozent. 85 Prozent der Befragten befürworten laut YouGov eine Pflicht, Bestandskunden über günstigere Tarife zu informieren.
Octopus erklärt, selbst nicht an der kritisierten Praxis teilzunehmen, bietet Neukunden aber weiterhin Boni an. In Ingolstadt stieg der Arbeitspreis laut den Angaben des Unternehmens von 29,55 auf 36,22 Cent pro Kilowattstunde – ein Plus von 23 Prozent. In Stuttgart ging es von 34,41 auf 38,50 Cent hinauf.
Octopus begründet die Entwicklung mit um 80 Prozent gestiegenen Strombeschaffungskosten infolge des Iran-Kriegs. Diese Angabe ist von außen nicht überprüfbar. Der Großhandelspreis für Strom lag nach Kriegsbeginn zeitweise rund 45 Prozent über dem Jahresanfangsniveau.
Mitte Oktober kostete ein neuer Zwölf-Monats-Vertrag bei Octopus in Ingolstadt 36,31 Cent pro Kilowattstunde, in Stuttgart 41,77 Cent. Neukunden erhielten laut Octopus denselben Arbeitspreis wie Bestandskunden, die am gleichen Tag verlängern. Wer nicht verlängert, fällt in einen monatlich kündbaren, geringfügig teureren Tarif.
Ganz ohne Unterschiede zwischen Neu- und Bestandskunden bleibt aber auch Octopus nicht. In Ingolstadt beträgt der Grundpreis für Neukunden 14,01 Euro, im Folgetarif 16,01 Euro. In Stuttgart sind es 11,04 Euro gegenüber 13,04 Euro. Für ein Paar mit 2.500 Kilowattstunden macht das in Ingolstadt etwa 22 Euro im Jahr aus, ohne Neukundenbonus. In Stuttgart ist der Bestandskundentarif aktuell etwa 58 Euro pro Jahr günstiger als der Neukundentarif – dafür ohne Preisgarantie.
Octopus kritisiert hohe Neukundenboni, wirbt selbst aber mit dem Code „Octobonus“ und 15 Prozent Rabatt auf die erste Rechnung. Für ein Stuttgarter Paar mit 2.500 Kilowattstunden weist der Tarifrechner dadurch einen Bonus von 180 Euro aus. Fällt dieser im zweiten Jahr weg und bleiben die Preise unverändert, zahlt der Kunde mindestens 180 Euro mehr. Rechnerisch entspricht das 7,2 Cent pro Kilowattstunde.
Octopus hatte erklärt, Kunden zahlten bei mehr als 45 Cent pro Kilowattstunde effektiv zu viel; für die meisten eigenen Kunden sollten es höchstens 40 Cent sein. Mitte Oktober lag ein Octopus-Neukundentarif in Stuttgart inklusive Grundpreis bei rund 47 Cent pro Kilowattstunde
