Stuttgart eröffnet mit dem Future Robotics Exploration Hub ein Prüfzentrum für humanoide Roboter und Physical AI
Stuttgart bekommt im Januar 2027 einen neuen Prüfstand für die Robotik: den Future Robotics Exploration Hub. Angekündigt wurde das Vorhaben beim Future Robotics Summit in Stuttgart. Geplant ist deutschlandweit der erste hersteller- und technologieunabhängige Hub dieser Art. Unternehmen sollen dort mobile und humanoide Roboter sowie Physical-AI-Technologien an realen industriellen Aufgaben erproben, miteinander vergleichen und unter industriellen Bedingungen validieren können.
Unterstützt wird der Aufbau unter anderem von Liebherr, SICK und NETZSCH. Getragen und finanziert wird der Hub privatwirtschaftlich durch das INC Innovation Center und die beteiligten Unternehmen. Der Ort dafür ist Stuttgart – also nicht irgendein abgeschirmtes Labor, sondern eine Testumgebung, in der industrielle Probleme auf den Tisch kommen sollen.
Robotik zum Anfassen und Vergleichen
Der Hintergrund: Künstliche Intelligenz, Sensorik, mobile Roboter und humanoide Robotersysteme entwickeln sich schnell weiter. Damit wachsen die Einsatzmöglichkeiten über die klassische Automatisierung hinaus. Interessant wird das vor allem bei Aufgaben mit hoher Variantenvielfalt, wechselnden Umgebungen, komplizierter Handhabung oder häufig wechselnden Prozessen.
Flexible Robotik könnte Mitarbeitende künftig bei körperlich belastenden oder repetitiven Tätigkeiten unterstützen und Produktionsabläufe beweglicher machen. Welche Technologie für welche industrielle Anwendung tatsächlich taugt, ist allerdings in vielen Fällen noch offen. Genau dort setzt der Hub an – ohne Bindung an einen einzelnen Hersteller oder ein bestimmtes Robotiksystem.
Unternehmen können branchenübergreifende Use Cases gemeinsam entwickeln oder eigene industrielle Fragestellungen mitbringen. Verglichen werden Kombinationen aus Robotikplattformen, KI-Modellen, Sensorik, Greiftechnik, Software und weiteren Komponenten. Als erste Anwendungsfelder sind Materialtransport und Materialbereitstellung, Be- und Entladeprozesse sowie Montageaufgaben vorgesehen.
Eigene Produkte und Komponenten lassen sich in die Testumgebung integrieren. Dann kann geprüft werden, wie sie mit zukünftigen humanoiden Robotern zusammenspielen. Geht ein Bauteil sicher zu greifen? Bleibt der Ablauf stabil, wenn sich die Umgebung verändert? Solche Fragen klingen trocken, entscheiden aber später darüber, ob eine Maschine in der Halle wirklich hilft oder nur im Prospekt gut aussieht.
Daten, Training und der Praxistest
Der Hub verbindet Data Capturing, Physical-AI-Training, Multi-Robot-Benchmarking und industrielle Validierung. Über Teleoperation, Motion Capture und weitere Verfahren sollen reale Bewegungs- und Prozessdaten erfasst werden. Daraus können Physical-AI-Modelle trainiert und optimiert werden. Unterschiedliche Plattformen treten unter vergleichbaren Bedingungen gegeneinander an; geprüft werden Robustheit, Sicherheit und Reproduzierbarkeit unter realen industriellen Bedingungen.
Auch der Kompetenzaufbau in den beteiligten Unternehmen gehört zum Plan. In den geplanten Future Robotics Trainings sollen Mitarbeitende praktische Erfahrungen mit Simulation, Motion Capture, Imitation Learning, Reinforcement Learning und Physical-AI-Modellen für die Robotikprogrammierung sammeln. Der Hub soll dabei helfen herauszufinden, wo Robotik schon sinnvoll eingesetzt werden kann, wo technologische Grenzen liegen und welche Voraussetzungen ein späterer industrieller Einsatz braucht.
Die Industriepartner liefern reale Anforderungen, konkrete Anwendungsfälle und ihre Anwenderperspektiven. SICK will autonome Systeme anhand ihres konkreten Nutzens unter echten industriellen Bedingungen bewerten. NETZSCH betont den gemeinsamen Lernansatz, den Vergleich verschiedener Lösungen und den Aufbau eigener Kompetenzen. Technologiepartner stellen unter anderem Robotikplattformen, Hardware, Software und KI-Technologien bereit. Das INC Innovation Center baut die Infrastruktur auf, integriert die Technologien und begleitet übergreifende Use Cases technisch. Unternehmen müssen dadurch nicht jeweils eine komplette eigene Testumgebung aus dem Boden stampfen.
Inhaltlich knüpft das Vorhaben an das Projekt „Physical AI & Humanoide Robotik – Nächste Generation der Automatisierung“ an. Dort untersuchen Industrie- und Forschungspartner den Einsatz humanoider Roboter in Produktions- und Logistikprozessen. Reale industrielle Abläufe werden analysiert und in Demonstratoren innerhalb der ARENA2036 technisch umgesetzt und erprobt. Ziel sind intelligente, sichere und anpassungsfähige Lösungen, die Menschen, Maschinen und ihre Umgebung miteinander vernetzen.
Im Mittelpunkt stehen flexible Anwendungen für Logistik, Maschinenbestückung und Inspektion. Die thematischen Workstreams werden durch Querschnittsthemen verbunden, die Wissen und Technologietransfer unterstützen. Technologische Grundlagen sind die Umgebungswahrnehmung, also Perception, Lokalisierung und Navigation mit SLAM, semantisches Verständnis, Greiftechnologien und die Koordination mehrerer Roboter.
In den vorgesehenen Szenarien sollen humanoide Roboter Warenträger erkennen, Objekte sicher greifen und Waren flexibel durch Produktions- und Lagerumgebungen bewegen. Sie könnten Maschinen mit unterschiedlichsten Bauteilen bestücken – auch dann, wenn Komponenten ungeordnet bereitliegen oder an verschiedenen Positionen liegen. Hinzu kommen autonome Inspektionen industrieller Anlagen sowie das Erfassen von Qualitätsmerkmalen und Umgebungsdaten.
Für den praktischen Einsatz werden Sicherheitskonzepte entwickelt: Menschenerkennung, Kollisionsvermeidung und Informationssicherheit gehören dazu. Kameras, LiDAR- und Radarsysteme sollen die Umgebung erfassen. Sprachsteuerung und Teleoperation könnten die Bedienung auch für Menschen ermöglichen, die kein spezielles Robotik-Know-how mitbringen. Getestet wird unter realitätsnahen Bedingungen in der ARENA2036, einschließlich der Frage, wie gut sich Technologien, Methoden und Demonstratoren auf andere Robotermodelle und industrielle Anwendungen übertragen lassen. Noch offene technologische Herausforderungen für einen breiten Einsatz werden ausdrücklich mituntersucht.
Mehr als neue Maschinen
Neben Automatisierungsanwendungen soll der Stuttgarter Hub auch wirtschaftliche Folgen der neuen Robotikgeneration untersuchen. Physical AI kann neue Anforderungen und Marktchancen schaffen – für Sensorik, Antriebstechnik, Greifsysteme, Schnittstellen, Software, Infrastruktur und Dienstleistungen. Unternehmen und die europäische Industrie sollen Kompetenzen, Technologien und Geschäftsmodelle für den entstehenden globalen Robotikmarkt aufbauen können.
Der Ansatz ist dabei einigermaßen bodenständig: Erst verstehen, was eine Technologie praktisch leistet, dann über Investitionen und Einsatzbereiche entscheiden. Das Projekt in der ARENA2036 zielt auf eine flexible, sichere und menschenzentrierte Automatisierung. Die Systeme sollen perspektivisch autonome Aufgaben übernehmen und sicher mit Menschen in gemeinsamen Arbeitsumgebungen interagieren.
Physical AI meint dabei KI-gestützte Robotik, die reale Umgebungen wahrnimmt, Zusammenhänge einordnet und in dynamischen Situationen autonom und anpassungsfähig handelt. In der Entwicklung gilt sie als nächste Stufe nach strikt programmierter Automatisierung – als neue Intelligenzschicht für Robotersysteme. Der Begriff klingt groß, die offene Frage bleibt angenehm konkret: Funktioniert das Ding am Dienstagmorgen auch dann, wenn Kartons anders stehen als am Montag?
Zwischen Aufbruch und ziemlich großen Hürden
Eine im Januar und Februar 2026 durchgeführte Capgemini-Befragung unter weltweit 1.678 Führungskräften zeigt, warum das Thema gerade so viel Aufmerksamkeit bekommt. Als Treiber gelten Fortschritte bei Foundation Models, Simulation und Edge Computing, sinkende Hardwarekosten und bessere Batterietechnik sowie bessere Konnektivität, private 5G-Netze und drahtlose Ortung. Dazu kommen Arbeitskräftemangel, Reindustrialisierung und Reshoring sowie Geschäftsmodelle wie Robotics as a Service.
93 Prozent der Befragten in der Hightech-Branche sehen Physical AI als „Gamechanger“. In Lagerhaltung und Logistik teilen 69 Prozent diese Einschätzung, in der Landwirtschaft 59 Prozent. Nahezu drei Viertel der Führungskräfte in den USA sowie rund zwei Drittel in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum bewerten die Entwicklung entsprechend. 60 Prozent erwarten Robotikanwendungen, die bisher technisch nicht möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll waren; 62 Prozent rechnen mit einem größeren operativen Einsatzbereich von Robotern.
Genannt werden gefährliche Tätigkeiten, Mikro-Logistik und autonome Gütertransporte, adaptive Pick-and-Place-Prozesse, dynamische Montage, Feldinspektionen und Wartung. Auch Laborautomatisierung, Unterstützung im Gesundheits- und Pflegebereich, Rehabilitation, Präzisionslandwirtschaft, Schadenserfassung nach Katastrophen sowie robotische Kartierung und Vermessung im Bau- und Bergbau stehen auf der Liste.
Zwei Drittel der Unternehmen räumen Physical AI für die kommenden drei bis fünf Jahre eine hohe Priorität in ihrer Automatisierungsagenda ein. 43 Prozent sagen, dass Reshoring und Reindustrialisierung ihr Interesse an Physical AI für skalierbare inländische Produktion verstärken. Arbeitskräfteengpässe sind laut Studie ein wichtigerer Investitionstreiber als reine Arbeitskosten – besonders in Landwirtschaft, Einzelhandel, Hightech, Logistik und der Automobilindustrie.
Die erwarteten Vorteile lesen sich entsprechend nü
