Tankrabatt 2026: Entlastung an der Zapfsäule mit Milliardenrisiko
Seit dem 1. Oktober 2026 ist Tanken in Deutschland steuerlich günstiger – zumindest auf dem Papier. An diesem Sonntag, dem 4. Oktober, zeigt sich an den Zapfsäulen ein gemischtes Bild: Die Bundesregierung senkt die Energiesteuer auf Benzin und Diesel bis zum 31. Dezember 2026 um 14,04 Cent je Liter. Rechnet man den geringeren Mehrwertsteuereffekt dazu, ergibt sich rechnerisch eine Entlastung von 16,7 Cent, also knapp 17 Cent je Liter.
Hintergrund sind die Unsicherheiten an den Märkten infolge kriegerischer Ereignisse und der erneuten Eskalation im Nahost-Konflikt. Hohe Spritpreise treffen Wirtschaft, Pendler, Freiberufler, Ehrenamtliche und Familien. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, die Maßnahme solle vor allem Menschen helfen, die täglich auf ihr Auto angewiesen sind. Auch steuerlich gleichgestellte Kraftstoffe wie HVO sind einbezogen.
Was an der Tankstelle ankommt
Die Senkung gilt für Kraftstoff, der seit dem 1. Oktober ab Mitternacht neu aus Raffinerien oder Tanklagern ausgeliefert wurde. Bereits vorhandene Bestände an Tankstellen unterlagen zunächst noch dem regulären Steuersatz. Der Informationsdienst Tankerkönig registrierte zwischen 23:41 und 0:41 Uhr dennoch einen Rückgang der bundesweiten Durchschnittspreise um etwa 10 bis 11 Cent je Liter. Der Tankstellenverband Fuels und Energie erwartete eine vollständige Weitergabe ab Mitternacht, Aral kündigte sie ebenfalls an.
Eine gesetzliche Pflicht, die Steuerentlastung komplett an die Kundschaft weiterzugeben, gibt es allerdings nicht. Ökonom Henning Vöpel erklärte, eine dauerhafte vollständige Weitergabe an Autofahrer sei deshalb ungewiss. Das Bundeskartellamt will die Preisentwicklung genau kontrollieren und führt derzeit Verfahren gegen zwölf Raffinerieunternehmen – unter anderem zu Einkaufspreisen, Margen und Produktionskosten.
Die Zahlen vom Morgen bewegten sich kräftig. Laut ADAC lagen die Preise um 8 Uhr gegenüber dem Vortag bei Super E10 um 14,5 Cent und bei Diesel um 15,2 Cent je Liter niedriger. Am vorherigen Mittwoch hatte der Automobilclub durchschnittliche Tagespreise von 2,242 Euro für E10 und 2,390 Euro für Diesel gemeldet. Bis 11:45 Uhr kostete E10 im Schnitt 2,052 Euro, Diesel 2,197 Euro je Liter. Bis 12:15 Uhr zogen die Preise anschließend um rund 20 Cent je Liter an; kurz nach Mittag lagen sie im Durchschnitt noch 14 bis 15 Cent unter dem Vortagsniveau. An der Zapfsäule kann das schnell nach Achterbahn aussehen.
Milliarden für wenige Monate
Die Bundesregierung rechnet durch die Steuersenkung mit Mindereinnahmen von 2,485 Milliarden Euro. Bund und Länder teilen sich die Summe zur Hälfte, auf die Länder entfallen rund 1,25 Milliarden Euro. Die Bundesregierung spricht von einer Entlastung für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen in Höhe von rund 2,5 Milliarden Euro; die Länder tragen ihren Anteil über einen Umsatzsteuerfestbetrag. Medienberichten zufolge könnten sich die Gesamtkosten für Bund und Länder im Jahr 2026 sogar auf 4,1 Milliarden Euro belaufen. Eine Bilanz der Maßnahme ist spätestens für Anfang 2027 geplant.
Zum Vergleich: Für den zweimonatigen Tankrabatt im Frühsommer trug der Bund rund 1,6 Milliarden Euro. Die aktuelle Regelung wird aus Steuermitteln finanziert und belastet damit auch Menschen, die kein Auto, Motorrad oder keinen Lastwagen nutzen. Wie teuer sie am Ende tatsächlich wird, hängt davon ab, wie viel getankt wird und ob die Entlastung rechtzeitig umgesetzt werden konnte.
Ifo-Präsident Clemens Fuest hält die Maßnahme für ungeeignet. Wer monatlich 1.000 Kilometer fährt und sechs Liter auf 100 Kilometer verbraucht, spare nur etwa zehn Euro im Monat. Nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamts fahren Autofahrer durchschnittlich 900 Kilometer monatlich und verbrauchen sieben bis acht Liter je 100 Kilometer. Über drei Monate ergibt das rechnerisch eine Ersparnis von gut 32 bis knapp 37 Euro.
DIW-Experte Tomaso Duso weist darauf hin, dass vor allem Vielfahrer mit großen Fahrzeugen und höheren Einkommen profitieren. Haushalte ohne Pkw erhalten gar keine Entlastung. Eine Untersuchung der RWTH Aachen kam für das Frühjahr auf monatliche Einsparungen von durchschnittlich 6,48 Euro bei den einkommensschwächsten zehn Prozent der Haushalte und 21,64 Euro bei den einkommensstärksten zehn Prozent. Besonders wohlhabende Haushalte sparten bis zu 31 Euro.
Die alte Erfahrung mit dem Tankrabatt
Beim vorherigen Tankrabatt im Mai und Juni 2022 gaben Mineralölkonzerne laut Kartellamt 82 Prozent der Diesel- und 78 Prozent der Benzinentlastung weiter. Das Münchner Ifo-Institut schätzte die Weitergabe bis zum 25. Juni auf 12 Cent je Liter bei Diesel, 17 Cent bei Super E5 und 16 Cent bei Super E10. Nach Angaben des Instituts kam die frühere Entlastung bei Super E5 und E10 nahezu vollständig an, beim Diesel wurden im Durchschnitt jedoch 12 statt 16,7 Cent je Liter weitergegeben.
Die Monopolkommission kam zu dem Ergebnis, dass die damalige Steuersenkung überwiegend, aber regional unterschiedlich und nicht vollständig bei den Verbrauchern ankam. Zugleich stellten Monopolkommission und Bundeskartellamt fest, dass die Energiesteuersenkung im Mai und Juni 2026 weitgehend weitergereicht wurde und Preisspitzen in einer Phase besonders hoher Kraftstoffpreise wirksam abfing. Nach dem Auslaufen des früheren Tankrabatts Ende Juni stiegen die Preise wieder.
Von der jetzigen Senkung profitieren alle, die tanken – bei höherem Verbrauch oder längeren Fahrstrecken fällt die Entlastung größer aus, auch für Speditionen. Einen Anreiz zum Spritsparen setzen Tankrabatt und ein möglicher Preisdeckel allerdings nicht. Veronika Grimm nannte die Subventionierung von Verbrennerfahrzeugen auf Kosten der jüngeren Generation „zynisch“ und forderte strukturelle Reformen. Monika Schnitzer lehnt Steuerrabatte nach dem Gießkannenprinzip ab und plädiert für gezielte Direktzahlungen. Die Grünen bezeichneten die Pläne als „Wahnsinn“ und warnten vor zusätzlichen Profiten der Ölkonzerne.
Direktzahlungen und ein Deckel für 2027
Forschungsinstitute und der Verbraucherzentrale Bundesverband fordern gezielte Direktzahlungen statt einer allgemeinen Kraftstoffsteuersenkung. Die Bundesregierung bereitet Direktauszahlungen für besonders betroffene Haushalte vor und schafft die Voraussetzungen für einen einkommensbezogenen Direktauszahlmechanismus. Bei Bedarf sollen auch besonders betroffene Unternehmen gezielt entlastet werden.
Parallel will die Bundesregierung mit der Mineralölwirtschaft über einen zeitlich befristeten Spritpreisdeckel verhandeln. Er soll spätestens zum 1. Januar 2027 greifen, nach Vorbildern aus Luxemburg oder Belgien, und so lange gelten, wie die Krise anhält. Der Staat könnte vorübergehend Höchstpreise für Benzin und Diesel festlegen. Eine Behörde würde die maximal erlaubten Preise regelmäßig berechnen und dabei unter anderem Brennstoff-, Transport-, Lagerungs- und Versicherungskosten sowie Verluste einbeziehen. Den Mineralölunternehmen soll eine bestimmte Gewinnspanne bleiben.
Der Preisdeckel soll Versorgungssicherheit gewährleisten und missbräuchliche Preisaufschläge verhindern. Kartellamtspräsident Andreas Mundt warnt jedoch: Ein zu hoher Deckel könnte zum maßgeblichen Marktpreis werden, ein zu niedriger Deckel Kraftstoffmangel verursachen. FDP-Chef Wolfgang Kubicki bezeichnete das Vorhaben als „planwirtschaftliches Instrument“. Der Bund will mit der Mineralölwirtschaft über die Berechnung der Höchstpreise sprechen; für die Einführung Anfang 2027 besteht weniger Zeitdruck als für den Tankrabatt.
Bereits beschlossen oder umgesetzt sind eine Energiesteuersenkung für Benzin und Diesel im Mai und Juni 2026, eine dauerhafte Erhöhung der Pendlerpauschale, die Fortführung der Mobilitätsprämie für Steuerpflichtige mit geringen Einkommen und die vollständige Wiedereinführung der Agrardiesel-Rückvergütung in der Landwirtschaft. Geplant ist außerdem eine Einkommensteuersenkung ab 2027 für Familien sowie Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen. Das Kartellrecht soll verschärft werden, damit die Preisgestaltung an Tankstellen besser überwacht werden kann. Anfang 2027 sollen weitere gezielte Entlastungen für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen sowie für Unternehmen geprüft werden.
