An der Universität Vechta hat das Hans-Böckler-Promotionskolleg nach einer öffentlichen Auftaktveranstaltung im Juli 2026 seine Arbeit aufgenommen. Im Zentrum stehen „Transformationsschmerzen“ und die Frage, wie Veränderungen gerecht gestaltet werden können – besonders dort, wo Städte weit weg und ländliche Räume prägend sind. Sprecher des Kollegs sind Professor Dr. John-Oliver Engler und Professorin Dr. Jana Zscheischler.

Transformation meint dabei mehr als technischen Fortschritt oder neue politische Programme. Nicht jede Veränderung wird von den Betroffenen selbst beschlossen, und sie kann für manche leicht, für andere schwer auszuhalten sein. Auch das Ergebnis oder der Weg dorthin wird nicht von allen Beteiligten als positiv, fair oder gerecht empfunden. Eine einheitliche Definition von Gerechtigkeit vermeidet das Kolleg deshalb bewusst.

Was gerecht bedeutet – und wer das entscheidet

Gerechtigkeit kann sich auf das Ergebnis, auf den Weg dorthin oder auf beides beziehen. Robin Hood liefert dafür ein eingängiges Beispiel: Aus Sicht der Verteilungsgerechtigkeit kann es positiv wirken, wenn er den Reichen nimmt und den Armen gibt. Der Weg dorthin bleibt wegen des Regel- und Gesetzesbruchs dennoch problematisch. Auch die Rechtsprechung schaut nicht nur darauf, was am Ende herauskommt, sondern berücksichtigt, wie und warum ein Ergebnis zustande gekommen ist.

Das Kolleg untersucht die Rolle solcher Gerechtigkeitsfragen in nachhaltigkeitsorientierten Transformationsprozessen. Im Blick stehen sozial-ökologische Gerechtigkeitsanliegen ebenso wie die Gefahr, dass Nachhaltigkeitstransformationen bestehende Ungerechtigkeiten verschärfen. In verschiedenen Fallstudien wird deshalb gefragt, welche Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit die jeweiligen Akteure vertreten und woran sie eine gerechte oder ungerechte Veränderung festmachen.

Inhaltlich geht es unter anderem um Energiewende, Digitalisierung, Naturschutz und gleichwertige Lebensverhältnisse. Aus empirischen Untersuchungen sollen sowohl fallspezifische als auch übergreifende Bedingungen für gerechte Nachhaltigkeitstransformationen abgeleitet werden. Außerdem wird untersucht, welche Steuerungsansätze dafür nötig sind – keine kleine Frage, wenn Interessen, Macht und Alltag so eng ineinandergreifen.

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Automobilindustrie, Smart Regions und acht Dissertationen

Ein Promotionsprojekt beschäftigt sich mit der Transformation der deutschen Automobilindustrie. Es fragt, warum Beschäftigte den Wandel teils als gestaltbar erleben, teils aber als Kontrollverlust. Daneben werden die strukturellen Bedingungen untersucht, die diese unterschiedlichen Wahrnehmungen hervorbringen.

Ein weiteres Projekt nimmt die Digitalisierung ländlicher Räume unter die Lupe. Im Mittelpunkt stehen Smart-City- und Smart-Region-Projekte: Fördern sie gerechte Teilhabe – und wenn ja, wie? Wer profitiert von der Digitalisierung, wer kann ihre Gestaltung mitbestimmen? Solche Fragen sind weniger abstrakt, als sie klingen. Sie entscheiden mit darüber, ob neue Angebote tatsächlich ankommen oder irgendwo zwischen Förderbescheid und Gemeinderat stecken bleiben.

Der Promotionsverbund arbeitet mit einem vergleichenden Fallstudienansatz. Insgesamt untersuchen acht Dissertationsprojekte Gerechtigkeitsaspekte und -konzepte in verschiedenen nachhaltigkeitsorientierten Transformationsprozessen, mit einem Schwerpunkt auf ländlichen Räumen. Viele Promotionsarbeiten vergleichen mehrere Regionen miteinander. Die Postdoktorandin Dr. Judith-Maria Maruschke führt die Ergebnisse der Einzelprojekte in ihrer Habilitation wissenschaftlich zusammen. Eine zentrale Frage lautet, ob sich übergreifende Bedingungen für erfolgreiche Transformationen identifizieren lassen.

Ergebnisse des Kollegs liegen noch nicht vor. Aus den Einzelarbeiten und der Synthese von Dr. Maruschke sollen später allgemeinere Aussagen entstehen, etwa zu den Faktoren erfolgreicher Transformation. Geplant ist am Ende eine Veröffentlichung in Form eines „Weißbuchs“.

Interdisziplinär, mit Blick auf die Praxis

Nachhaltigkeits- und Transformationsprobleme lassen sich nicht aus einer einzigen Fachperspektive bearbeiten. Beteiligt sind unter anderem Ökonomik, Sozialwissenschaften, Ethik, Sozial- und Umweltpsychologie, Geographie und Politikwissenschaften. Der inter- und transdisziplinäre Ansatz zeigt sich in der Zusammensetzung der Betreuenden und Nachwuchswissenschaftler, in den Themenschwerpunkten, theoretischen Zugängen und Methoden.

Das Kolleg bietet ein strukturiertes Promotionsprogramm und ein Betreuungskonzept. Die Promovierenden werden bei der Entwicklung ihrer theoretischen und methodischen Fähigkeiten unterstützt; regelmäßiger Austausch und gegenseitiges Lernen gehören ausdrücklich dazu. Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler sollen außerdem für die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg sensibilisiert werden.

Für den Praxistransfer werden Ergebnisse und Zwischenstände regelmäßig mit einem Beirat diskutiert. Darin sitzen nichtwissenschaftliche Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, darunter der Landrat von Vechta, eine Unternehmerin und Gewerkschaftsvertreter. Der Beirat soll Rückmeldungen geben und Hinweise liefern, ob der Praxisbezug trägt.

Das Kolleg ist am Institut VISTRA angesiedelt. Dort gab es schon zuvor Angebote zur Nachwuchsförderung, darunter ein inzwischen etabliertes Nachwuchstreffen. Regelmäßige Fort- und Weiterbildungen des Kollegs sind in das Gesamtkonzept des Instituts eingebunden. Noch können bis zu drei weitere Stipendien vergeben werden; vollständig besetzt ist das Kolleg also noch nicht.

Netzwerk und Rückhalt für Vechta

Die Hans-Böckler-Stiftung unterstützt die Universität Vechta finanziell und fördert das Kolleg maßgeblich. Sie gehört zu den 13 Begabtenförderungswerken Deutschlands. Für Vechta bedeutet das Kolleg damit auch einen Prestigegewinn: Der Standort wird als Ort für Spitzenforschung und Nachwuchsförderung zu Transformation und Nachhaltigkeit sichtbarer.

Zum fachlichen Netzwerk gehören unter anderem das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Leuphana Universität sowie die Universitäten Utrecht, Lund und Vermont. Ländliche Regionen unterscheiden sich teilweise deutlich von Städten. Die Forschungsansätze, betont Engler, unterscheiden sich deshalb jedoch nicht grundsätzlich. Weil die Transformationsforschung bislang häufiger Städte untersucht, soll das Kolleg Wissenslücken zur Entwicklung ländlicher Räume schließen.

Grundlage dafür ist das Forschungscluster „Nachhaltigkeitsorientierte Transformationsforschung in ländlichen Räumen“, das durch Stiftungsprofessuren angestoßen wurde. Maßgeblich umfasst es die geförderten Professuren Bioökonomie, Transformationsmanagement in ländlichen Räumen sowie Innovation und Entrepreneurship in ländlichen Räumen.

Zu den stiftenden und unterstützenden Institutionen zählen die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer, die Landkreise Cloppenburg und Vechta, Genossenschaften im Nordwesten Niedersachsens, die Raiffeisen-Stiftung in Berlin und das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland. Das Cluster soll die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure sicherstellen, das Forschungsfeld ganzheitlich diskutieren und den Informationsfluss sowie den Austausch zwischen den Disziplinen fördern. Unterstützt wird es durch einen Beirat mit Vertreterinnen und Vertretern der Universität und der Stifter.

Als bisheriger Erfolg gilt die Bewilligung des Kollegs für die Universität Vechta. Dadurch hat sich ihre Sichtbarkeit in der Transformationsforschung erhöht. Zugleich soll die Forschung innerhalb der Universität einen höheren Stellenwert bekommen. Ein voller Erfolg wäre aus Sicht des Kollegs erreicht, wenn die Promotions- und Habilitationsprojekte möglichst vollständig erfolgreich abgeschlossen werden. Bis dahin ist es noch ein gutes Stück Weg.

Einordnung: Forschungslücke mit Laufzeit

Das Projekt trägt den Titel „Gerechtigkeitsdimensionen nachhaltigkeitsorientierter Transformationen in ländlichen Räumen“. Es wird von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und läuft von September 2024 bis Oktober 2028. Als Sprecher*innen werden Prof. Dr. Jana Zscheischler und Prof. Dr. John Oliver Engler genannt.

Nachhaltigkeitstransformationen gehören längst zu den großen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen. Lange wurden sie überwiegend positiv bewertet. Gleichzeitig bringen sie soziale Auswirkungen mit sich – die sogenannten „Transformationsschmerzen“. Fragen sozialer Gerechtigkeit sind dabei bislang nur unzureichend verstanden und empirisch erforscht. Das erschwert eine reflektierte Gestaltung und Steuerung solcher Prozesse und kann ihre Legitimität beeinflussen.

Genau hier setzt der Promotionsverbund an. Die Forschungslücke soll mit vergleichenden Fallstudien geschlossen werden; die Fragen werden inter- und transdisziplinär bearbeitet. Nicht nur die großen Ziele zählen dabei, sondern auch die Erfahrung vor Ort: Wer muss sich umstellen, wer darf entscheiden, wer trägt die Kosten – und wer merkt am Ende tatsächlich etwas von der versprochenen Verbesserung?