Universität Leipzig erforscht Gewalt- und Grenzverletzungen im Thomanerchor
Leipzig lässt die Geschichte des Thomanerchors genauer anschauen – auch dort, wo es wehgetan haben könnte. Seit 1945 sollen Gewalterfahrungen und andere Grenzverletzungen im Thomanerchor und im früheren Alumnat wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Die Stadt Leipzig hat als Trägerin des Chores dafür gemeinsam mit einem unabhängigen Expertenteam ein Forschungsprojekt gestartet.
Für viele ehemalige Thomaner war die Zeit im Chor von Musik, Ausbildung, Freundschaften und Gemeinschaft geprägt. Nicht alle Erinnerungen sind jedoch positiv. Auch dieser Teil der Chorgeschichte soll sichtbar werden: Erfahrungen mit körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt ebenso wie andere Unrechtserfahrungen und Grenzverletzungen.
Betroffene sollen selbst zu Wort kommen
Im Mittelpunkt stehen die Perspektiven der Betroffenen. An der Universität Leipzig wurde dafür ein Online-Zeitzeugenportal eingerichtet. Ehemalige Thomaner können dort über ihre Erlebnisse berichten und Fragen zu ihrer Zeit im Chor beantworten – in einem geschützten und vertraulichen Rahmen.
Die Studie soll Erfahrungen Betroffener sichtbar machen, ihr Leid anerkennen und ein möglichst umfassendes Bild der Erlebnisse ehemaliger Thomaner gewinnen. Untersucht werden außerdem die institutionellen, pädagogischen und sozialen Bedingungen, unter denen Grenzverletzungen möglich waren. Die Forschenden fragen, welche Strukturen Übergriffe begünstigten und wie damalige Verantwortliche mit Erfahrungen und Hinweisen darauf umgingen.
Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Heide Glaesmer, Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Zum Forschungsteam gehören außerdem der Musikwissenschaftler und Pädagoge Andreas Lueken sowie die Psychologin Doreen Hoffmann. Angesiedelt ist die Untersuchung an der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Medizinischen Fakultät.
Kommission begleitet die Untersuchung
Eine Aufarbeitungskommission begleitet die Arbeit. Ihr gehören ehemalige Thomaner, ein Vertreter des Leipziger Jugendamts, eine Vertreterin des Leipziger Stadtrats, ein Justiziar des Leipziger Rechtsamts und Mitarbeitende des Forschungsteams an.
Wissenschaftliche Unabhängigkeit und Vertraulichkeit gegenüber teilnehmenden ehemaligen Thomanern und weiteren Zeitzeugen werden als zentrale Grundlagen genannt. Die Ergebnisse sollen zudem helfen, die heutigen Präventions- und Schutzstrukturen im Chor zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Finanziert wird die Studie von der Stadt Leipzig und der Stiftung Thomanerchor. Weitere Informationen und der Zugang zum Zeitzeugenportal stehen unter www.leipzig.de/studie-thomanerchor.
Aufarbeitung hat mehrere Ebenen
Der Blick auf den Thomanerchor passt in ein breiteres Verständnis von Aufarbeitung sexueller Gewalt. Dabei werden drei Formen unterschieden, die sich überschneiden können: die individuelle, die institutionelle und die gesellschaftliche Aufarbeitung.
Individuelle Aufarbeitung betrifft Menschen, die Missbrauch erlebt haben, und ihren Umgang mit dem Erlebten. Ziel ist möglichst die Bewältigung dieser Erfahrungen. Dazu kann gehören, über vergangenes Unrecht zu sprechen – privat, öffentlich oder in einer Therapie. Auch die Beantragung einer „Entschädigung“, etwa im kirchlichen Kontext, kann dazugehören.
Institutionelle Aufarbeitung untersucht sexuelle Gewalt innerhalb einer Einrichtung, zum Beispiel einer Kirchengemeinde oder eines Sportvereins. Sie erfasst die Häufigkeit von Missbrauchsfällen, analysiert begünstigende Faktoren und fragt danach, wie mit Betroffenen sowie mit Täterinnen und Tätern umgegangen wurde. Genau hier setzt die Leipziger Untersuchung an, wenn sie Strukturen, Verantwortlichkeiten und damalige Reaktionen in den Blick nimmt.
Gesellschaftliche Aufarbeitung soll sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Sie zielt auf ein besseres Verständnis dafür, wie mit Missbrauch umgegangen wird, und soll die Bedingungen für Betroffene verbessern – etwa bei Therapie und Unterstützung.
Heute, am 4.11.2026, ist das Zeitzeugenportal der Universität Leipzig damit ein Ort, an dem Erinnerungen aus sehr unterschiedlichen Zeiten zusammenkommen können: mit Chorproben, Schulalltag und Freundschaften, aber eben auch mit Erfahrungen, die lange keinen Platz hatten.
