Universität Leipzig gründet Zentrum für DDR- und Transformationsforschung
An der Universität Leipzig entsteht ein bundesweit einmaliges Forschungszentrum zur DDR- und Transformationsgeschichte. Heute, am 21.10.2026, nimmt die Uni damit einen neuen Anlauf, die Geschichte der DDR und die Folgen der Wiedervereinigung genauer, regionaler und näher an den Erfahrungen der Menschen zu untersuchen.
Das „Zentrum für vergleichende DDR- und Transformationsforschung“ soll Wissenschaft und Öffentlichkeit stärker miteinander verbinden. Zum Aufbau steuert das Bundesforschungsministerium drei Millionen Euro bei. Leipzig gilt auch deshalb als geeigneter Standort, weil die Stadt ein Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution von 1989 war.
Mehr als die große politische Geschichte
Zum Zentrum gehören eine Professur, die sich ausschließlich mit DDR- und Transformationsgeschichte befasst, eine Nachwuchsforschungsgruppe und Doktorandinnen. Es knüpft an die bisherige wissenschaftliche Arbeit der Universität zur DDR und zum gesellschaftlichen Wandel seit 1989 an. Außerdem sollen bestehende Initiativen zur Aufarbeitung und zum Gedenken miteinander vernetzt werden.
Ziel ist es, die Forschung zu differenzieren, empirische Erkenntnisse beizusteuern und sich an den Debatten über die DDR- und Nachwendezeit zu beteiligen. Im Blick stehen nicht nur die Geschichte der DDR und die langfristigen Folgen der Wiedervereinigung für Deutschland, sondern auch die Auswirkungen der DDR-Geschichte bis in die Gegenwart.
Die politische Geschichte der DDR, Verfolgung und Verwaltung gelten als vergleichsweise gut erforscht. Historiker Dirk van Laak sieht die Lücken eher dort, wo es kleinteilig wird: bei regionalen Unterschieden zwischen Vogtland, Mecklenburg, Brandenburg und Norddeutschland, bei der Geschichte einzelner Betriebe und beim Leben auf dem Land. Auch Regionen außerhalb Berlins und der großen Städte sowie die Verflechtung der DDR mit anderen Ländern seien bislang zu wenig berücksichtigt.
Die DDR-Geschichte müsse stärker aus einer nationalen beziehungsweise selbstbezogenen Betrachtung herausgelöst werden, sagt van Laak. Jüngere Forschergenerationen stellten zudem neue Fragen an die Vergangenheit. Van Laak selbst arbeitet seit 35 Jahren in Thüringen und Sachsen – ein mögliches persönliches und gesellschaftliches Forschungsfeld, wie er sagt.
Erfahrungen, Wahlergebnisse, Nachwendezeit
Das Leipziger Zentrum will sich auch in die aktuelle Debatte über Ostdeutschland, Wahlergebnisse und die Zustimmung zu Parteien an den politischen Rändern einmischen – nicht mit schnellen Erklärungen vom Schreibtisch aus. Historisch untersucht werden sollen etwa Erfahrungen von Demütigung, unterschiedliche politische und demokratische Vorstellungen sowie Erlebnisse in der Nachwendezeit und seitdem.
Geplant sind empirische Forschungen und Gespräche mit Menschen über ihre persönlichen Erfahrungen. Die Forschung soll nicht ausschließlich aus einer akademischen Perspektive erfolgen. Erfahrungen aus Ost- und Westdeutschland sollen miteinander verglichen und ausgetauscht werden. Das klingt auf dem Papier nüchtern; in der Praxis dürfte es oft um sehr persönliche Erinnerungen gehen, um Brüche, Ärger und vielleicht auch um Dinge, über die lange niemand sprechen wollte.
Eine Besetzung der neuen Professur mit einer Person mit Ostbiografie würde van Laak begrüßen. Voraussetzung solle eine solche Biografie aber nicht sein: Historikerinnen und Historiker forschen nicht zwingend aus eigener Betroffenheit. Eine entsprechende Berufung hätte laut van Laak vor allem symbolische Bedeutung. Entscheidend bleibe die fachliche Eignung, und die Auswahl hänge von der Bewerberlage ab.
Ein Forschungsfeld mit langer Vorgeschichte
DDR-Forschung umfasst Herrschaft, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, internationale Beziehungen, Kultur, Alltag und Geschichte der DDR. Bis 1990 untersuchte sie aktuelle Entwicklungen ebenso wie historische Fragen; bei Vergleichen mit der Bundesrepublik sprach man von vergleichender Deutschlandforschung. Seit der Wiedervereinigung gehört sie zur deutschen und europäischen Zeitgeschichtsschreibung. Forschungsergebnisse wurden und werden für Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung genutzt. Bis 1990 lieferten Forscher außerdem Informationen für westdeutsche Parlamente, Regierungen, Behörden und Medien.
Die Forschung zur DDR-Entwicklung nach 1949 orientierte sich spätestens seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 bis etwa 1969 überwiegend an der Totalitarismustheorie. Seit Mitte der 1960er Jahre gewann ein systemimmanenter beziehungsweise kritisch-immanenter Ansatz an Bedeutung. Er bewertete die DDR anhand ihrer eigenen, von der SED gesetzten Maßstäbe und befürwortete eine Trennung von Forschung und Werturteil. Bis etwa 1969 wurde die DDR häufig noch als „Sowjetische Besatzungszone“ bezeichnet.
Seit 1952 koordinierte der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands die DDR-Forschung und arbeitete dabei mit politischen Stellen zusammen. Ursprünglich sollte er Voraussetzungen für eine Eingliederung der SBZ in das politische und wirtschaftliche System der Bundesrepublik untersuchen. Nach dem Bau der Berliner Mauer verlor diese Perspektive an Bedeutung.
Um 1969 leitete der Beirat eine Wende zur Grundlagenforschung ein. Anlass war unter anderem Kritik des Bundesrechnungshofs an Umfang und Effizienz der bisherigen Arbeit. Für 1970 war ein umfassendes DDR-Handbuch geplant, das wirtschaftliche und soziale Verhältnisse der DDR an eigenen Vorgaben messen sollte. Es erschien jedoch nicht. Die Herausgabe des politisch-propagandistisch geprägten Nachschlagewerks „SBZ von A–Z“ durch das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen wurde 1969 eingestellt.
Ein wichtiges Zentrum der DDR-Forschung war die Freie Universität Berlin. Peter Christian Ludz habilitierte sich dort 1967 mit der Studie „Parteielite im Wandel“ als erster westdeutscher Wissenschaftler mit einem DDR-Thema. Er wandte sich deutlich gegen die Totalitarismusforschung und vertrat einen modernisierungstheoretischen Ansatz. Ludz prognostizierte, akademisch ausgebildete, pragmatische Wirtschaftsexperten würden der alten Parteiführung entgegentreten und an Einfluss gewinnen. In den 1970er Jahren bestätigte sich diese Entwicklung nicht.
1975 veröffentlichten Ludz und Johannes Kuppe das DDR-Handbuch; eine zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage erschien 1979. Ende der 1970er Jahre gewann die normative Forschungsrichtung wieder an Bedeutung. Ihr Zentrum war die 1978 gegründete Gesellschaft für Deutschlandforschung. Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen wollte deren Gründung verhindern, um die Entspannungspolitik nicht zu belasten – erfolglos. Die Forscher hielten am Totalitarismusparadigma fest und dokumentierten vor allem Verstöße gegen Menschen- und Bürgerrechte. Wirtschafts- und Sozialpolitik der DDR wurde vergleichsweise wenig berücksichtigt. Unter der Regierung Helmut Kohl gewann dieser Ansatz wieder an Ansehen.
Nach 1990: Irrtümer, Aufarbeitung, neue Quellen
Der bundesdeutschen DDR-Forschung wurde nach 1990 vorgeworfen, das Ende der DDR nicht vorausgesehen zu haben. Die Kritik richtete sich gegen linke, liberale und konservative Wissenschaftler sowie Publizisten. Einige Forscher wurden von der politischen Aktivierung der sogenannten „Nischengesellschaft“ in den 1980er Jahren überrascht. Das Konzept sollte den Gegensatz zwischen der behaupteten Ablehnung der DDR und der relativen Zufriedenheit eines großen Teils der Bevölkerung erklären.
Konservativen Wissenschaftlern wurde außerdem vorgehalten, die sozialökonomischen Probleme der deutschen Einheit unterschätzt zu haben. Nach der Wiedervereinigung konzentrierte sich die Forschung zunächst auf die Folgen und Probleme der deutschen Einheit. Ordoliberale Ökonomen unterschätzten aus heutiger Sicht unter anderem den tatsächlichen Investitionsbedarf, weil sie sich am Modell der Währungsreform von 1948 orientierten.
Hans Willgerodt erstellte 1990 für das Bundeskanzleramt ein Gutachten zu den Vorteilen einer schnellen Vereinigung. Es erwartete eine starke Abwanderung, sah niedrige Löhne aber als Standortvorteil der DDR an. DDR-Standorte westdeutscher Unternehmen sollten dadurch exportfähige Produkte herstellen können, ohne hohe Arbeitslosigkeit zu erzeugen. Das Gutachten beeinflusste die Entscheidungen der Bundesregierung zur Vereinigung maßgeblich. Bereits Mitte 1990 wurde deutlich, dass die Forscher nur unzureichend über den tatsächlichen Zustand der DDR informiert gewesen waren.
Zwei Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages förderten in den 1990er Jahren maßgeblich die historische DDR-Forschung: „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ sowie „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“. Ihre Beratungen und Ergebnisse erschienen in umfangreichen Print- und CD-ROM-Ausgaben und sind inzwischen vollständig online verfügbar.
Als weiteres Ergebnis entstand die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts fördert sie insbesondere zivilgesellschaftlich ausgerichtete Forschung. Auf Länderebene arbeiten Landesbeauftragte für die Aufarbeitung
