Am 4. November 2026 ist an der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) das neue Zentrum für Hirnaneurysmen (ZHA) eröffnet worden. Heute, am 5. November 2026, ist der Start noch frisch – die Idee dahinter reicht allerdings weit über eine neue Adresse hinaus: Verschiedene Fachbereiche sollen dort enger zusammenarbeiten und die Behandlung individuell auf jeden Patienten zuschneiden.

Ein Hirnaneurysma ist eine krankhafte Ausbuchtung einer Arterie, die durch eine Schwäche der Gefäßwand entstehen kann. Solche Veränderungen finden sich häufig an Hirnarterien oder an der Aorta. Reißen sie, können lebensbedrohliche Blutungen die Folge sein. Nach Angaben der UMM trägt etwa jeder 15. Erwachsene ein Hirnaneurysma.

Angst nehmen, nicht vorschnell operieren

Leiter des ZHA ist Nima Etminan, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Uniklinik Mannheim. Das Motto des Zentrums klingt bewusst menschlich: „Wir kümmern uns nicht um Aneurysmen. Wir kümmern uns um Menschen, die eines haben.“ Beteiligt sind unter anderem Neurochirurgie, Neuroradiologie und Neuropsychologie.

Etminan zufolge soll den Patienten zunächst die Angst vor der Diagnose genommen werden. Hirnaneurysmen würden häufig als „tickende Zeitbomben“ bezeichnet. Eine Vorstellung, die ordentlich Druck macht – und nach seiner Einschätzung dazu beiträgt, dass operative Eingriffe zu oft als erste Behandlungsmöglichkeit vorgeschlagen werden. Tatsächlich wird nach seinen Angaben nur etwa eines von 1.000 Aneurysmen problematisch.

Viele Aneurysmen verursachen zunächst keine Beschwerden, sind also asymptomatisch. Sie werden oft zufällig bei bildgebenden Untersuchungen entdeckt, können weiter wachsen und später reißen. Deshalb werden sie regelmäßig kontrolliert. Steigt das Risiko, kann eine Behandlung sinnvoll werden. Medikamente und regelmäßige Beobachtung könnten bei vielen Betroffenen ausreichen; diese Kombination reduziert laut Etminan das Risiko einer Hirnblutung bereits um 70 Prozent. Operationen bleiben wichtig, sind aber mit Risiken verbunden.

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Anders sieht es bei einem rupturierten Aneurysma aus: Es ist bereits gerissen und verursacht eine Blutung in den Liquorraum – eine Subarachnoidalblutung und damit einen medizinischen Notfall. Plötzlich sehr starke Kopfschmerzen, Bewusstseinsverlust, Lähmungen oder Sprachstörungen können darauf hinweisen.

Clipping, Coiling – und die Entscheidung im Team

Grundsätzlich stehen zwei Verfahren zur Verfügung: das mikrochirurgische Clipping und das endovaskuläre Coiling. Beide sollen das Aneurysma aus dem Blutkreislauf ausschließen und dadurch eine Ruptur oder eine erneute Blutung verhindern.

Beim Clipping wird der Schädel in einer Kraniotomie geöffnet. Ein meist aus Titan bestehender Metallclip wird am Hals des Aneurysmas angebracht und stoppt den Blutfluss in die Ausbuchtung. Das Aneurysma ist damit unmittelbar von der normalen Blutzirkulation getrennt. Der mechanische Verschluss ist in der Regel dauerhaft, außerdem können die umliegenden Gefäße und Strukturen direkt kontrolliert werden.

Das Verfahren kann bei großen, komplex geformten oder gut zugänglichen Aneurysmen geeignet sein, unter anderem an der mittleren Hirnarterie. Es wird eher bei jüngeren oder allgemein belastbaren Patienten erwogen, ebenso bei bereits rupturierten Aneurysmen oder wenn ein Coiling schwierig wäre. Der Preis dafür: eine offene Gehirnoperation, Operationsrisiken und meist eine längere Erholungszeit.

Beim Coiling geht es dagegen durch die Gefäße. Über eine Angiografie wird ein Katheter meist über die Leiste bis zum Hirngefäß vorgeschoben. Durch ihn gelangen Platinspiralen in das Aneurysma. Sie füllen die Ausbuchtung, fördern dort die Bildung eines Blutgerinnsels und trennen sie so vom normalen Blutfluss. Danach werden die Katheter entfernt und der Leistenzugang verschlossen. Eine offene Schädeloperation ist nicht nötig.

Das Coiling ist weniger invasiv, geht meist mit einem geringeren Infektionsrisiko und einer schnelleren Genesung einher. Es kann für ältere Patienten oder Menschen mit Begleiterkrankungen geeigneter sein, außerdem bei tief liegenden oder schwer zugänglichen Aneurysmen, bei Aneurysmen mit schmalem Hals und in Notfallsituationen nach einer Ruptur. Für Patienten mit erhöhtem Risiko einer offenen Operation kann es die sicherere Option sein. Eine siebenjährige Studie zeigte Vorteile des Coilings bei ausgewählten Patienten mit rupturierten intrakraniellen Aneurysmen.

Welche Methode passt, hängt vom klinischen Zustand, von Lage und Form des Aneurysmas sowie vom Alter und Gesundheitszustand des Patienten ab. Ein multidisziplinäres Team entscheidet nach einer CT- oder möglichst konventionellen Angiografie. Auch bisherige Behandlungen, individuelle Risikofaktoren und die Wünsche der betroffenen Person fließen ein. Keine Entscheidung vom Fließband also.

Eine Patientin zwischen widersprüchlichen Empfehlungen

Meike Baumgärtel erhielt vor mehr als zwei Jahren im Alter von 38 Jahren die Diagnose Hirnaneurysma. Sie raucht nicht, treibt viel Sport und gehörte nach eigener Einschätzung nicht zur üblichen Risikogruppe. In einer süddeutschen Klinik wurden ihr widersprüchliche Behandlungsmöglichkeiten vorgeschlagen.

An der Uniklinik Mannheim entschied sie sich schließlich für ein „Clipping“. Dabei wird das Aneurysma operativ unschädlich gemacht; der Eingriff erfolgte vor etwa einem Jahr. Das neue Zentrum bewertet Baumgärtel als hilfreich, weil dort Expertenmeinungen gebündelt werden. Patienten könnten dadurch leichter Vertrauen zu ihren Ärzten aufbauen.

Wie lange die anschließende Behandlung und Erholung dauern, ist verschieden. Eine Rolle spielen unter anderem die Hunt-&-Hess-Klassifikation, eine mögliche Ruptur, der allgemeine Gesundheitszustand und die gewählte Methode. Nach der Behandlung eines unrupturierten Aneurysmas ist der Intensivaufenthalt nach einem Coiling meist kürzer als nach einem Clipping. Nach einer Ruptur sind Nachsorge und Genesung häufig länger und komplizierter; zusätzliche Behandlungen können nötig werden.

Bei einem rechtzeitig behandelten, unrupturierten Aneurysma sind die Überlebenschancen in der Regel hoch. Nach einer Ruptur hängen sie unter anderem von der Geschwindigkeit der Behandlung, dem Ausmaß der Blutung und dem Gesundheitszustand ab. Nach Angaben des zugrunde liegenden Artikels überlebt etwa ein Drittel der Patienten mit aneurysmatischer Subarachnoidalblutung ohne erhebliche neurologische Schäden. Ein weiteres Drittel überlebt mit schweren Beeinträchtigungen, ein Drittel stirbt an den Komplikationen. Die individuelle Prognose bleibt unterschiedlich und erfordert eine engmaschige medizinische Betreuung.

Forschung mit fünf Millionen Euro

Finanziell startet das Zentrum mit Rückendeckung aus Weinheim: Die Hector Stiftung fördert das Projekt über drei Jahre mit rund 3,4 Millionen Euro. Zusammen mit Mitteln der medizinischen Fakultät und des Klinikums stehen dem ZHA insgesamt rund fünf Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld soll in den Ausbau der Forschung und in Informationsarbeit für die Bevölkerung fließen.

Nach Angaben der Verantwortlichen gibt es weltweit bislang kein vergleichbares Zentrum für die Behandlung und Erforschung von Hirnaneurysmen. Mannheim arbeitet dabei gemeinsam mit der Berliner Charité federführend. Nach Ablauf der dreijährigen Förderung soll ein weiterer Förderantrag gestellt werden, damit das Zentrum fortgeführt und auf andere Hirngefäßerkrankungen ausgeweitet werden kann.

Für Betroffene bedeutet das zunächst einen Ort, an dem nicht nur ein Bild aus der Angiografie betrachtet wird. Da sind mehrere Fachrichtungen, unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten und – hoffentlich – genug Zeit für Fragen, die einem nach der Diagnose im Kopf herumgehen. Und manchmal ist genau das der erste Schritt, bevor überhaupt über Clip oder Spirale gesprochen wird.