Verlust und Erbe in der Spätmoderne: Andreas Reckwitz zu einer Gegenwart ohne sichere Zukunft
Am Jakob-Fugger-Zentrum der Universität Augsburg geht es im November um ein Gefühl, das viele kennen, aber selten so genau auseinandernehmen: Verlust. Der Soziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz spricht als internationaler Gastdozent über „Verlust und Erbe“ – und damit über eine Gegenwart, in der alte Zukunftsversprechen brüchig werden.
In der Spätmoderne verliert der Fortschrittsimperativ der klassischen Moderne an Bedeutung. Verlusterfahrungen, die schon in der Moderne eine Rolle spielten, treten dadurch stärker hervor. Zugleich gewinnen Erbverhältnisse, die lange als überwunden galten, im Rahmen eines neuen Erbenbewusstseins wieder an Gewicht.
Zwei Vorträge in Augsburg
Den Auftakt macht Reckwitz am Dienstag, 10. November, um 18:30 Uhr im Hörsaal 1009, Gebäude H (Jura), der Universität Augsburg. Sein Eröffnungsvortrag trägt den Titel „Verlust und Moderne“.
Am Donnerstag, 12. November, folgt um 18:30 Uhr ein zweiter Vortrag im Rokokosaal der Regierung von Schwaben. Dann geht es um „Erbe. Eine zwiespältige Beziehung“. Für beide Veranstaltungen wird um Anmeldung unter www.uni-augsburg.de/jfz gebeten.
Eine Gegenwart ohne sicheren Aufstieg
Die Spätmoderne ist von einem ambivalenten Verhältnis zum Fortschritt geprägt. Während die Moderne auf einen festen Fortschrittsglauben setzte, betreibt die Spätmoderne laut der begleitenden Analyse einen „Rückbau der Zukunft“ zugunsten der Gegenwart.
Das zeigt sich in zwei Formen des Präsentismus. Der positive Präsentismus richtet den Blick auf die Intensität des gegenwärtigen Moments. Beim negativen Präsentismus erscheint die Gegenwart dagegen als belastend und ohne Aussicht auf Verbesserung. Beides klingt vertraut: der Drang, jetzt noch möglichst viel mitzunehmen – und das Gefühl, dass es ohnehin nicht besser wird.
Skepsis wächst dort, wo Technologien und Wirtschaftsformen Krisen verschärfen können. Wirtschaftliches Wachstum wird wegen seiner ökologischen und sozialen Nebenfolgen zunehmend hinterfragt. Daraus entstehen sowohl eine normative Kritik an der Wachstumsorientierung als auch Zweifel daran, ob Wachstum langfristig überhaupt aufrechterhalten werden kann.
Parallel schwindet das Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit staatlicher Institutionen. Populistische Bewegungen, fragmentierte Parteienlandschaften und eine polarisierte Öffentlichkeit verstärken diese Entwicklung; globale Herausforderungen wie Klimawandel und Migration tun ihr Übriges. Wachsende Verlusterfahrungen tragen dabei zu einer demokratischen Regression bei.
Zwischen populistischen und linksliberalen Akteuren verhärten sich die Fronten. Zugleich prägen Institutionen, die nicht demokratisch legitimiert sind, das Gefühl gesellschaftlicher Ohnmacht – etwa die Europäische Kommission, Zentralbanken, Verfassungsgerichte und Expertengremien. Der gesellschaftliche Konsens wird dadurch untergraben, das Vertrauen in die Demokratie nimmt ab.
Wenn das Eigene einzigartig sein muss
Auch Fortschritt und Verlust werden anders wahrgenommen. Fortschritt erscheint zunehmend reversibel, während vergangene, gegenwärtige und mögliche künftige Verluste als irreversibel gelten. Der Fortschrittsgedanke wandert dabei vom Kollektiv ins Individuelle: Gemeinsame Zukunftsvisionen verlieren an Bedeutung, Selbstentfaltung und Selbstoptimierung rücken nach vorn.
Das sogenannte „Unternehmer-Ich“ verfolgt individuelle Wachstumsziele. Als Ersatz für kollektive Zukunftsversprechen reicht das allerdings nur begrenzt. Die Kultur radikaler Selbstverwirklichung erhöht zugleich die Sensibilität für Verluste – etwa für Lebensmöglichkeiten, die sich nie verwirklicht haben.
Hinzu kommen die hohe Wertschätzung der Einzigartigkeit von Menschen, Dingen und Orten sowie eine größere emotionale Offenheit und Differenziertheit. Die aus der Romantik stammenden Werte Einzigartigkeit und Authentizität prägen die spätmoderne Subjektkultur. An ihnen hängt die Identität des spätmodernen Subjekts stark. Geht ein als singulär wahrgenommener Mensch, ein Gegenstand oder ein Ort verloren, schmerzt das deshalb besonders. Eine singularistische Kultur ist anfällig für Verlustschmerz – manchmal erstaunlich heftig.
Verschiedene Gruppen machen ihre Verlusterfahrungen sichtbarer: durch asketische Lebensweisen wie den Rückzug aufs Land, durch stärkere Aufmerksamkeit für kulturelles Erbe, durch die Rückgabe kolonialen Raubguts oder durch ein neues Selbstbewusstsein von Opfergruppen, die ihre Anliegen öffentlich vertreten.
Wie Verlust politisch wird
Der Populismus nutzt diese verstärkten Verlustwahrnehmungen strategisch. Er erzählt von Opfer- und Täterschaft: Die eigene Gruppe erscheint als gezielt benachteiligt, verantwortlich gemacht werden etwa Eliten, Migrantinnen und Migranten, Feministinnen und Feministen oder liberale Großstadtbewohnerinnen und -bewohner.
Der Gegenwart wird eine idealisierte, vermeintlich harmonische Vergangenheit entgegengestellt. Populistische Erzählungen versprechen die Rückkehr zu diesen vergangenen Idealen und legitimieren zugleich Rache an den vermeintlich Verantwortlichen sowie an den angeblichen Gewinnern der Spätmoderne. Dieses „Verlustunternehmertum“ emotionalisiert und politisiert Verlusterfahrungen – und verschärft damit Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen.
Als möglicher Ausweg wird Resilienz beschrieben. Institutionen und Gesellschaften sind demnach umso widerstandsfähiger, je größer die Redundanz ihrer sozialen Praktiken ist. Das steht quer zur fortschrittsorientierten Effizienz: Sie betrachtet Redundanzen als überflüssige Doppelungen und baut sie ab. Resilienz dagegen versteht solche Doppelungen als hilfreiche Vielfalt, die im Störungsfall Ersatz ermöglicht.
Eine im Krankenhaus benannte Ersatzkraft ist dafür ein schlichtes Beispiel. Auch die Diversifizierung von Lieferketten gehört dazu. Soziale Systeme werden außerdem resilienter, wenn sie modular und nur lose gekoppelt sind. Fällt dann eine einzelne Einheit aus, muss der Rest nicht automatisch mit zusammenbrechen.
Ein Begriff für die Gegenwart
Spätmoderne bezeichnet eine Epoche, mit der gegenwärtige gesellschaftliche Lebensbedingungen und -verhältnisse beschrieben werden. Anders als der Begriff Postmoderne versteht sie die Gegenwart als Konsequenz der Moderne. Der Soziologe Anthony Giddens gilt als bekanntester Vertreter dieser Auffassung.
Nach Giddens werden spätmoderne Gesellschaften von einer Weiterentwicklung und Ausweitung jener sozialen Kräfte geprägt, die bereits frühere Formen modernen Lebens strukturierten. Traditionelle Bindungen verlieren zugleich an Bedeutung. Einzelne werden dadurch – statt die Allgemeinheit – zum Zentrum von Handlungsfähigkeit und Verantwortung.
Andreas Reckwitz beschreibt diese Entwicklung als „singularisierte Lebensführung“. Individuen streben nach Einzigartigkeit und außergewöhnlichen Leistungen. Unter diesem Druck stehen aber nicht nur Personen: Auch soziale Klassen, Milieus, Communitys, Städte, Kollektive und Nationen versuchen, sich als etwas Besonderes darzustellen. Der Hörsaal in Augsburg dürfte im November also ziemlich voll werden – mit großen Fragen, alten Verlusten und vermutlich einigen Notizen am Rand, die später noch nachwirken.
