Heute, am 27.10.2026, richtet sich der Blick an der TU Berlin auf eine Geschichte, die in vielen Familien längst weiterlebt: das deutsch-türkische Anwerbeabkommen. Zum 65. Jahrestag porträtiert der rbb die Berlinerin Kudret Uğur türkischer Herkunft. Das Porträt stammt von Melda Özsoy.

Uğur kam mit zehn Jahren nach Berlin-Kreuzberg. Zuvor hatte sie mehrere Jahre mit ihren Geschwistern in der Türkei nur mit ihrem Vater gelebt, weil ihre Mutter zum Arbeiten nach Berlin gegangen war. Im Rahmen des Abkommens kamen neben türkischen Arbeitskräften schließlich auch deren Familien nach Deutschland. Für ein Kind bedeutete das: Trennung, Warten, Ankommen – und irgendwann Kreuzberg statt Türkei.

Vom Familiennachzug an die Technische Universität

Später studierte Kudret Uğur als Erste in ihrer Familie und als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit Informatik an der Technischen Universität Berlin. Zwischen den ersten Jahren in der Türkei, dem Leben in Berlin und dem Weg an die TU liegen Welten. Und doch hängt alles miteinander zusammen.

Am 30. Oktober 1961 schlossen das Auswärtige Amt in Bonn und die türkische Botschaft ein zweiseitiges Anwerbeabkommen. Es regelte die Entsendung türkischer Arbeitskräfte nach Deutschland. Zuvor hatte die Bundesrepublik bereits Abkommen mit Italien, Spanien und Griechenland geschlossen. In Deutschland konnten sich türkische Arbeitskräfte damit für Stellen bewerben: Schreiner, Maschinenschlosser, Bauern, Bauarbeiter, ungelernte und ausgebildete Beschäftigte – Männer und Frauen.

Nach dem Abkommen kamen hunderttausende Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Arbeitskräfte aus der Türkei und anderen südeuropäischen Ländern wurden hier als „Gastarbeiter“ bezeichnet. In der türkischen Sprache verbreitete sich für das Leben in der Fremde der Begriff „Gurbet“. Viele wohnten zunächst in betrieblichen Wohnheimen. Nach dem Familiennachzug suchten sie meist eigene Wohnungen in der Nähe ihrer Arbeitsplätze. So entstanden dauerhafte Niederlassungsprozesse und regionale Konzentrationen.

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Kein einheitlicher Weg

Die Lebensgeschichten hinter dieser Migration verlaufen kreuz und quer. Selahattin Biner kam 1964 als ausgebildeter Modellschreiner mit zwei Freunden aus der Nähe von Edirne nach Deutschland. Dauerhaft verlassen wollte er die Türkei ursprünglich nicht. Erst die Einschulung seiner Tochter brachte die Entscheidung, zu bleiben.

Ali Başar kam im November 1961 im Alter von 30 Jahren mit dem zweiten Zug aus Istanbul nach München. Ausbildung, Deutschkenntnisse und Geld hatte er nicht. Später arbeitete er im Ruhrgebiet. Mesut Ergün wanderte während der Studentenproteste mit 20 Jahren nach Deutschland aus, fand in der Frankfurter „Sponti“-Szene eine neue Heimat und kehrte erst 2007 in die Türkei zurück.

Auch Eva und Sokrates Saroglu verließen 1967 Istanbul. Beide wollten zunächst nur einige Jahre in Deutschland bleiben. Später erklärten sie, dass sie nichts mehr nach Istanbul zurückziehe. Sevim Celebi-Gottschlich ging mit 17 Jahren von ihrer Familie in der Türkei fort und zog 1970 in ein Wohnheim für Gastarbeiterinnen am Berliner Stadtrand. 1987 gelang ihrer Tochter ein weiterer Schritt in ihrer Lebensgeschichte.

Yahko Demir arbeitete ab 1969 in Süddeutschland als Holzfäller, am Hochofen und im Straßenbau. Nach 34 Jahren kehrte er mit seiner Frau in den Südosten der Türkei zurück. Salih Güldiken kam 1962 nach Deutschland, um Geld für ein Auto zu verdienen. Bei Ford arbeitete er sich vom Fließband bis in den Aufsichtsrat hoch und blieb anschließend in Deutschland.

Saliha Çukurs Mann bemühte sich vergeblich um eine Arbeitserlaubnis in Deutschland. Daraufhin bewarb sie sich selbst, obwohl sie nicht lesen konnte. Innerhalb eines Monats lernte sie lesen und bestand die erforderlichen Prüfungen. Mahir Zeytinoglu wollte zunächst Geld verdienen, um später Viehhändler in Zentralanatolien zu werden. Stattdessen wurde er Eigentümer eines Hotels in der Münchner Innenstadt.

Bleiben, zurückkehren, neu anfangen

Selahattin Akyüz erhielt 1970 eine Gastarbeitererlaubnis und fand schnell Arbeit. Als er 1972 in die Türkei zurückkehrte, stellte er fest, dass seine Erfahrung als Gastarbeiter dort Schwierigkeiten verursachte. Tevfik Bilge kam 1970 als Maschinenschlosser nach Köln. 25 Jahre später empfahlen Ärzte ihm wegen seines schweren Asthmas, möglichst viel Zeit in mediterranem Klima zu verbringen.

Cem Gülay wurde 1970 in Hamburg als Sohn eines Gastarbeiters geboren. Als Angehöriger der zweiten Generation hatte er keine eigene Migrationserfahrung. Nach einem Zerwürfnis mit seinem traditionellen Vater entwickelte er einen eigenen Lebensweg. Bei Kudret Uğur führte dieser Weg, nach Jahren der Familiengeschichte und des Ankommens, bis zum Informatikstudium an der TU Berlin.

Menschen türkischer Herkunft bilden heute eine der größten ethnischen Minderheiten in Deutschland. Die türkeistämmige Bevölkerung ist hinsichtlich Herkunft, Migrationsgeschichte und Lebensweisen heterogen, wird aber häufig als geschlossene Gruppe wahrgenommen. Das bpb-Dossier behandelte diese Vielfalt ebenso wie Fragen von Heimat, Identität und gesellschaftlicher Teilhabe.

Deutsch-türkische Themen waren laut dem Beitrag häufig von Skandalisierungen geprägt. Dadurch gerieten die Mechanismen von Integrationsprozessen aus dem Blick. Dabei veränderte das Abkommen die deutsch-türkischen Beziehungen nachhaltig. Am 23. November 1973 ordnete Bundesarbeitsminister Walter Arendt den Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer an; der originale Wortlaut der Anweisung wurde im Dossier dokumentiert.

Musik, Unterricht und Erinnerung

Mit den Menschen, die nach Deutschland kamen, entstand auch eine eigenständige türkische Musikkultur. Das bpb-Dossier veröffentlichte den Wortlaut des Anwerbeabkommens von 1961 und erschien im Oktober und November 2011 anlässlich des 50. Jahrestags. Ergänzend verwies es auf Unterrichtsmaterialien und Filme zur türkischen Einwanderungsgeschichte, darunter „Gegen die Wand“ und „Almanya – Willkommen in Deutschland“.

Die Sendung des rbb setzt daneben ein einzelnes Leben: Kudret Uğur, die als Zehnjährige nach Berlin-Kreuzberg kam, deren Mutter zuvor zum Arbeiten fortgegangen war und die später als erste Studentin ihrer Familie Informatik studierte. Melda Özsoy hat dieses Porträt erstellt – an einem Ort, der für Uğurs Bildungsweg eine wichtige Rolle spielte: an der TU Berlin.