Wärmebildkameras erkennen Brände, bevor Rauch und Flammen sichtbar werden
Berlin, 5. November 2026 – an der TU Berlin geht es heute um eine Technik, die Wärme sichtbar macht, bevor Rauch oder Flammen zu sehen sind. Teledyne FLIR hat für die Wärmebildkameras FLIR A40 und A70 aus der Axx-Serie als erste Modelle ein UL-2684-Listing erhalten. Die Geräte sind damit nach ANSI/CAN/UL 2684 als Wärmebild-Branderkennungsgeräte gelistet.
Der nordamerikanische Standard gilt für Video- und Wärmebilddetektoren in Brandmeldesystemen. Für die radiometrische Wärmebild-Branderkennung gibt es in Europa bislang keine eigene harmonisierte Produktnorm. Hier laufen Zulassungen über projektspezifische Nachweise und nationale Systeme – etwa VdS in Deutschland oder CNPP in Frankreich. Über die Freigabe eines konkreten Projekts entscheidet die jeweils zuständige Zulassungsstelle.
Ein Prüfmaßstab, aber kein Freibrief
Das UL-2684-Listing kann europäische Planungen bei Spezifikation, Planung und Zulassungsargumentation unterstützen. Es ersetzt aber weder die CE-Kennzeichnung noch relevante Anforderungen der Normenreihe EN 54 oder nationale Zulassungen. EN 54-10 behandelt die Flammenerkennung einschließlich der Flammenreaktionsfähigkeit zertifizierter Wärmebildkameras.
Der Nachweis basiert auf einem veröffentlichten Leistungsmaßstab, den ein akkreditiertes Labor geprüft hat. Auf dem Prüfprogramm standen unter anderem brennendes Holz, Brände mit entzündbaren Flüssigkeiten und Polyurethan. Zusätzlich wurden festgelegte Ansprechkriterien, Umweltbedingungen, elektrische Eigenschaften und die Beständigkeit untersucht. Damit geht die Bewertung über reine Herstellerangaben hinaus. Berater, Risikofachingenieure und Brandschutzexperten können die geprüften Leistungskennwerte bei Planungseinreichungen als unabhängigen technischen Nachweis heranziehen.
Auch in Nordamerika bekommt das Thema zusätzlichen Rückenwind: Die Ausgabe 2025 der NFPA 72 führte in Abschnitt 17.12 eine eigene Kategorie für thermische Bildgebung zur Branderkennung ein. Systeme dieser Kategorie müssen für die Branderkennung gelistet sein. UL 2684 liefert dafür einen unabhängigen Maßstab für Video- und Wärmebild-Branderkennungsgeräte.
Pixel für Pixel auf der Suche nach Hitze
Die A40 und A70 messen radiometrisch. Jeder Sensorpixel erfasst die Temperatur der überwachten Szene mehrmals pro Sekunde. Festgelegte Bildbereiche lassen sich kontinuierlich nach Minimal-, Durchschnitts- und Maximaltemperaturen auswerten. Ein Alarm kann bei einer absoluten Temperaturgrenze ausgelöst werden, bei einer Temperaturdifferenz zwischen definierten Bereichen oder bei einer bestimmten Temperaturanstiegsrate.
Es zählt also nicht nur der einzelne Messwert, sondern auch seine Entwicklung. Aufgezeichnet werden Messwert, Position in der Szene und zeitlicher Verlauf der Wärmeentwicklung. Solche Daten können bei Prüfungen durch Zulassungsstellen oder Versicherer relevant sein. Ein bisschen wie ein Fieberprotokoll – nur für Schaltanlagen, Batteriegehäuse oder Förderbandabschnitte.
Die Technik arbeitet nach dem Prinzip der Sichtverbindung: Überwacht wird nur, was im Sichtfeld der Kamera liegt. Dafür können besonders gefährdete oder hochwertige Komponenten gezielt beobachtet werden. In Batteriespeichern droht etwa ein thermisches Durchgehen; bei Photovoltaikanlagen können Hotspots an Steckverbindern oder Modulen entstehen, auch an Stellen, an denen konventionelle Melder nicht sitzen.
Vom Recyclinghof bis zum Rechenzentrum
Als Einsatzbereiche nennen die Hersteller und die Fachberichte Abfall- und Recyclinganlagen, in denen Schwelbrände entstehen können, außerdem Lagerbereiche, Motoren und Hydraulikleitungen. Hinzu kommen Batterie-Energiespeicher, Rechenzentren mit hohen elektrischen Lasten und Photovoltaikanlagen. Gerade in dicht gepackten technischen Umgebungen kann eine auffällige Erwärmung ein früher Hinweis sein.
Die Kameras arbeiten multispektral. Die Branderkennung erfolgt thermisch, gleichzeitig erstellt eine integrierte visuelle Kamera Aufnahmen im sichtbaren Spektrum. Bei einem Alarm steht dadurch ein Bild der möglichen Ursache zur Verfügung. Bediener können die Situation einschätzen, bevor eine Anlage gegebenenfalls stillgesetzt wird – das spart im besten Fall nicht nur Nerven, sondern auch einen unnötigen Produktionsstopp.
Die Wärmebildtechnik ersetzt die konventionelle Branderkennung nicht, sondern ergänzt sie. Ob und wie sie in einem konkreten Vorhaben eingesetzt werden darf, bleibt eine Frage der europäischen Anforderungen, der CE-Pflichten, der einschlägigen EN-54-Normen sowie der nationalen Systeme wie VdS oder CNPP. Das UL-Listing liefert dafür zusätzliche technische Munition, die Entscheidung trifft weiterhin die zuständige Zulassungsstelle.
Quelle 1: photovoltaik.eu
Quelle 2: Kuhn Fachmedien, 2. Oktober 2026
Quelle 3: prozesstechnik.industrie.de, 2. Oktober 2026
