Warum Liedermacher wie Reinhard Mey und Wolf Biermann noch immer Gehör finden
Leipzig, 27. Oktober 2026. Reinhard Meys neues Album „Schatzhauser“ steht kurz nach seiner Veröffentlichung auf Platz eins der deutschen Album-Charts. Mey ist 83 Jahre alt – und stellt damit einen besonderen Rekord auf. Ein leiser Auftritt, könnte man meinen: ausschließlich Gesang und Akustikgitarre, kein großes Klanggewitter. Und trotzdem hören viele hin.
Auch Wolf Biermann bleibt präsent. Im November wird er 90 Jahre alt; zu diesem Anlass erscheinen ein neuer Dokumentarfilm fürs Kino und ein neues Album. Die Sendung „Forum“ auf SWR Kultur widmet sich am 27. Oktober 2026 dem Thema „Singer/Songwriter“ und stellt die etwas unbequeme Frage: Warum interessieren sich Menschen noch immer für Liedermacher? Sind sie Vertreter einer vergangenen Musikkultur – oder gewinnen schlicht begleitete Gesänge wieder an Bedeutung?
Zwischen Rückzug und Protest
Einige junge Musikerinnen und Musiker orientieren sich wieder an der Tradition. Sie arbeiten mit einfachen musikalischen Mitteln und wollen Geschichten erzählen. Das klingt zunächst nach Rückzug ins Private, vielleicht auch nach einer Abkehr von einer verstörenden Gegenwart. Aber steckt darin nicht ebenso die Sehnsucht nach einem politischen Protestsong, der wieder einen Nerv trifft?
Bei Meys „Schatzhauser“ fällt die Reduktion sofort auf: Stimme und Akustikgitarre, sonst nichts. Anders als viele seiner früheren Alben, die im Mai erschienen, kam die Platte zum Herbstanfang heraus. Der Titel verweist auf den Schatzhauser aus Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ von 1827. Die Figur steht symbolisch für Zufriedenheit, Fleiß, Menschlichkeit und Ehrlichkeit – Eigenschaften, die der Autor der Albumkritik auch Reinhard Mey zuschreibt.
Mit „Schatzhauser“ legt Mey sein 30. Album vor und erreicht erneut Platz eins der Albumcharts. Marc Fischer bespricht die Platte am 3. Oktober 2026. Er würdigt Meys inzwischen gefundenen Platz als Liedermacher, bedauert aber zugleich, dass angesichts der aktuellen Zeit weniger politische und gesellschaftskritische Weckrufe zu hören sind als in früheren Werken.
Die alte Schule ist nicht verschwunden
Der Begriff „Liedermacher“ ist eng mit prägenden Künstlern der 1970er- und 1980er-Jahre verbunden: Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann und Reinhard Mey formulierten gesellschaftliche und politische Kritik in poetisch-musikalischer Form. „Nein, meine Söhne geb ich nicht“, „Seid wachsam“, „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, „Heute hier, morgen dort“ und „Genug ist nicht genug“ wurden zu Weckrufen und gesellschaftlichen Stellungnahmen.
Politische Lieder geben Menschen eine Stimme, stoßen Debatten an, begleiten Protestbewegungen und halten historische Ereignisse fest. Sie handeln von Krieg, sozialen Missständen, Ungleichheit, Menschenrechten und gesellschaftlichem Wandel. Gerade in den 1960er- und 1970er-Jahren prägten Liedermacher die politische Musik – als Reaktion auf Krieg, Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Umbrüche.
Reinhard Mey thematisierte Friedensbewegung und Antimilitarismus. In „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ lehnt ein Vater den Krieg ab. Hannes Wader schrieb über soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Widerstand; Degenhardt verband Kapitalismuskritik mit politischer Aufklärung. Konstantin Wecker setzte sich mit Antifaschismus und Menschenrechten auseinander, wandte sich gegen Radikalismus und Hass und arbeitet bis heute politisch wie künstlerisch weiter. Udo Lindenberg nahm die deutsche Teilung in den Blick, unter anderem in „Sonderzug nach Pankow“.
Auch die DDR hatte ihre eigene, widersprüchliche Liedgeschichte zwischen Anpassung und Widerstand. Wolf Biermann stand für Opposition und Systemkritik. Gerhard Schöne verband poetische Alltagsbeobachtungen mit subversiven Untertönen, während Puhdys und Karat gesellschaftlich geprägte Lieder innerhalb des bestehenden Systems veröffentlichten. Zensur zwang viele Künstler dazu, Kritik in Metaphern und bildhafter Sprache zu verstecken.
Was heute aus dem Protest geworden ist
Seit den 1990er-Jahren kamen neue politische Stimmen aus Punk, Hip-Hop und Pop. Die Ärzte positionieren sich mit humorvollen, aber eindeutigen Liedern gegen Rechtsextremismus. ZSK verbinden Punkrock mit Kritik an Faschismus und Homophobie, Feine Sahne Fischfilet steht für gesellschaftspolitischen Aktivismus. K.I.Z und Ebow behandeln unter anderem Feminismus, soziale Kritik und Antirassismus. Vieles ist heute direkter, provokanter und sprachlich expliziter.
Im begleitenden Gespräch zu „Forum“ geht es deshalb nicht nur um Mey und Biermann. Besprochen werden Meys mögliche Wirkung in politisch angespannten Zeiten, das erneute Interesse jüngerer Menschen an seiner Musik sowie Konstantin Weckers Verhältnis zu Rausch, Rebellion und Poesie. Mit dabei sind die Liedermacherin Laura Braun, der Journalist und Autor Joachim Hentschel sowie Dr. Jochen Voit, Historiker an der Universität Erfurt. Das Gespräch führte Karsten Umlauf.
International reicht die Geschichte politischer Musik weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. In den USA begleitete sie Bürgerrechtsbewegungen, Proteste gegen Kriege und Debatten über soziale Ungleichheit. Bob Dylan wurde mit der Bürgerrechtsbewegung verbunden; „The Times They Are A-Changin’“ handelt von Wandel und Aufbruch. Joan Baez sang für Frieden und gegen Krieg, Marvin Gaye behandelte in „What’s Going On“ gesellschaftliche und ökologische Probleme. Public Enemy steht für Antirassismus und Systemkritik, Bruce Springsteen für Arbeiterbewegung und soziale Fragen.
In Großbritannien kritisierten The Clash Rassismus und ökonomische Ungleichheit, Billy Bragg vertrat sozialistische Positionen und thematisierte Arbeiterrechte. Massive Attack stehen für Antikriegshaltung und Menschenrechte, Kate Tempest verbindet persönliche Geschichten mit Armut und Identität. In Lateinamerika entstanden Nueva Canción und Nueva Trova im Zusammenhang mit politischer Repression; Violeta Parra, Victor Jara, Mercedes Sosa und Silvio Rodríguez gehören zu den wichtigen Vertretern. Viele Künstler wurden verfolgt, Victor Jara gilt als Märtyrer der chilenischen Protestbewegung.
Auch in Afrika sangen politische Musiker über Freiheit, Kolonialismus und soziale Kämpfe. Fela Kuti kritisierte Korruption und Polizeigewalt, Miriam Makeba unterstützte die Anti-Apartheid-Bewegung, Alpha Blondy verband Reggae mit Kritik an Ungerechtigkeit. U2 widmen sich Menschenrechten und Kriegsopfern, John Lennon dem Pazifismus – besonders in „Imagine“. Beyoncé und Kendrick Lamar behandeln Identität und strukturellen Rassismus, Rage Against the Machine Systemkritik und Aktivismus, Manu Chao Migration und soziale Ungerechtigkeit.
Die Wirkung solcher Lieder liegt oft weniger in komplizierten Arrangements als in der emotionalen Nähe menschlicher Erfahrungen. Sie beziehen Stellung für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit, werden zu Begleitmusik von Protesten und historischen Ereignissen und können Gemeinschaft, Mut und Hoffnung schaffen. Manchmal reicht dafür eine Stimme, eine Gitarre und ein Satz, der im richtigen Moment hängen bleibt.
Der Beitrag über Mey und Biermann wurde erstmals am 23. Oktober 2026 veröffentlicht und am 27. Oktober 2026 um 17:13 Uhr aktualisiert. Der Herbst ist kühl geworden in Leipzig, vor den Fenstern der Universität rauscht der Verkehr – und irgendwo läuft wieder ein Lied, das mit erstaunlich wenig auskommt.
