Weltposttag: Warum Postnetze mehr als Briefe und Pakete leisten können
Am 9. Oktober ist Weltposttag. Morgen also – am 9.10.2026 –, während an der Uni Europa vermutlich eher Abgabefristen, Paketbenachrichtigungen und volle Briefkästen den Takt vorgeben. In 150 Ländern wird der Tag begangen und von den Vereinten Nationen anerkannt. Weltweit sorgen mehr als vier Millionen Postmitarbeiter dafür, dass Sendungen ankommen, unabhängig davon, wo Empfängerinnen und Empfänger leben oder welcher Herkunft sie sind.
Der Weltposttag erinnert an die Gründung des Weltpostvereins am 9. Oktober 1874. Damals unterzeichneten Delegierte aus 20 Staaten den „Vertrag zur Gründung eines Allgemeinen Postvereins“. 1969 erklärte der Weltpostkongress in Tokio den 9. Oktober offiziell zum Weltposttag. Der Vorschlag stammte von Shri Anand Mohan Narula, einem Mitglied der indischen Delegation.
Ein Netz, das mehr ist als Briefe und Pakete
Jan Simpson, Weltpräsident des Sektors „Post & Logistik“ der UNI Global Union, betont die Rolle der Postmitarbeiter bei der Verbindung von Menschen, Gemeinschaften und Ländern. Christy Hoffman, Generalsekretärin von UNI Global, bezeichnet sie als Rückgrat eines weltweiten öffentlichen Netzwerks. Dafür brauche es Investitionen und die Beteiligung der Beschäftigten, damit die Post zusätzliche Leistungen für Gemeinden und den Klimaschutz erbringen könne.
Die Post gilt als weltweit größtes physisches Vertriebsnetz. Grundlage ist die Grundversorgungspflicht: Jeder Mensch soll Post zu erschwinglichen Preisen versenden und empfangen können. Doch das Briefaufkommen sinkt stark, während private Anbieter immer mehr Pakete zustellen. Laut UNI Global Union gefährdet diese Entwicklung die Grundversorgungspflicht und Arbeitsplätze.
UNI Global Union bekräftigt deshalb ihr Engagement für starke und barrierefreie Postdienste, die den heutigen und künftigen gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechen. Cornelia Berger, Leiterin des Bereichs Post & Logistik bei UNI Global, fordert gute Arbeitsbedingungen, moderne und finanziell tragfähige Postdienste sowie eine Beteiligung der Gewerkschaften an Modernisierung und Diversifizierung. Alle Beschäftigten müssten in diese Prozesse einbezogen werden.
Postnetze könnten nach Ansicht der Gewerkschaft deutlich mehr leisten: soziale und gemeinnützige Dienstleistungen anbieten, Rücknahmesysteme für besseres Recycling betreiben, Menschen unterstützen, die von häuslicher Gewalt sowie sozialen, wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Krisen betroffen sind, und kommunale oder administrative Aufgaben übernehmen. Solche Angebote könnten gesellschaftliche Entwicklungen unterstützen und klimafreundliche, wohnortnahe Dienstleistungen ermöglichen.
UNI Global Union unterstützt internationale und gewerkschaftliche Initiativen, um die Postdienste zu diversifizieren, Arbeitsplätze zu erhalten und die über Jahrhunderte entstandenen Postnetze nicht einfach ausdünnen zu lassen. In Bangladesch arbeitet die Organisation gemeinsam mit SEKO, lokalen Postgewerkschaften, der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und dem Weltpostverein (UPU) an einem Pilotprojekt: Alte Mobiltelefone und IT-Geräte können in örtlichen Postämtern abgegeben werden. Postfahrzeuge nehmen sie auf Rückfahrten zu Sortierzentren mit; zugelassene Recycling- und Aufbereitungsunternehmen holen sie dort ab. So sollen die Geräte nicht in informelle Schrottkreisläufe gelangen.
Außerdem wirkte UNI Global Union an einem UPU-Leitfaden zu sozialen Dienstleistungen mit. Er beschreibt, wie Postnetze bedürftigen Menschen den Zugang zu Organisationen erleichtern können, die Unterstützung anbieten. Die kanadische Gewerkschaft der Postangestellten CUPW-STTP entwickelte derweil einen Plan für Klimaschutz und neue landesweite Dienstleistungen – darunter zuverlässige und erschwingliche Bankdienstleistungen sowie Elektrofahrzeugflotten.
Europa schaut auf das Zustellgesetz
Im Zusammenhang mit dem geplanten EU-Zustellgesetz fordert die Kampagne „Save Our Post“, Pakete in die Universaldienstverpflichtung aufzunehmen, private E-Commerce-Anbieter an der Finanzierung öffentlicher Postnetze zu beteiligen und Tarifverhandlungen im Gesetz zu verankern. Nach Angaben der Kampagne stehen in Europa 1,8 Millionen gute Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Der Weltposttag soll die Bedeutung der Postdienste weltweit sichtbar machen. In mehr als 150 Ländern gibt es Briefmarkenausstellungen und Tage der offenen Tür in Postbetrieben. Der Weltpostverein veranstaltet außerdem einen internationalen Briefschreibewettbewerb für junge Menschen. Deutschland gab zum 150-jährigen Jubiläum des Weltpostvereins am 10. Oktober 2024 eine Sonderbriefmarke im Wert von 95 Cent heraus – genau das Porto für eine internationale Postkarte.
Auch andere Länder widmeten dem Weltposttag Briefmarken: die Sowjetunion 1974, Iran 1985, Ukraine und Russland 1998, Kasachstan 2004, Moldova 2006, Belarus 2014, Indien 2015 und Russland erneut 2019.
Warum ein Brief früher ziemlich kompliziert reisen konnte
Der Weltpostverein wurde am 9. Oktober 1874 gegründet, der Weltpostvertrag trat am 1. Juli 1875 in Kraft. Ziel war, die internationale Zusammenarbeit der Postverwaltungen zu regeln und den grenzüberschreitenden Postverkehr zu vereinfachen. Vor 1875 beruhten internationale Postverbindungen auf bilateralen Verträgen. Transitländer konnten dadurch Tarifänderungen entlang der gesamten Beförderungsroute auslösen. In der Schweiz wurden solche Änderungen in Postamtsblättern und Verfügungen veröffentlicht und bis zur Neuauflage des Tarifblatts ergänzt. Der wachsende internationale Postverkehr brachte dadurch erheblichen Verwaltungs- und Abrechnungsaufwand mit sich.
Mit der UPU sollten die Abhängigkeiten zwischen einzelnen Postverträgen beseitigt, Gebühren koordiniert und weltweite Postdienstleistungen aufgebaut werden. Die Übergangszeit vom UPU-Beginn mit 22 Mitgliedern bis zum weltweiten Postnetz dauerte im Wesentlichen von 1875 bis 1892.
Ab 1875 wurde zwischen zwei Tarifgebieten unterschieden: Im Vereinsinland (A-Tarif) lagen die UPU-Mitgliedstaaten, das Vereinsausland (B-Tarif) umfasste Nichtmitglieder mit weiterhin individuell geltenden Postverträgen. Für Überseedestinationen im Vereinsinland kam zunächst ein Überseezuschlag hinzu. Ein weltweit einheitlicher Briefposttarif wurde erst 1893 vollständig durchgesetzt.
Der A1-Tarif galt ab 1. Juli 1875 für Europa, die USA und weitere angeschlossene Gebiete. Ein einfacher Brief bis 15 Gramm kostete 25 Rappen. Die USA waren Gründungsmitglied der UPU. Ein Brief aus Oberhofen vom 8. August 1875 in die USA wurde mit 25 Rappen frankiert; ein Einschreibebrief dorthin kostete 25 Rappen Porto plus 25 Rappen Einschreibegebühr.
Für Nichtmitgliedstaaten galt der B-Tarif, dessen Höhe sich nach den jeweiligen Einzelverträgen richtete. Montenegro blieb zunächst außerhalb der UPU, Frankreich trat erst am 1. Januar 1876 bei. Für Sendungen über Frankreich vom 1. Juli bis 31. Dezember 1875 galt deshalb ein eigener Tarif Nr. 3. Ein Beispiel ist ein Brief der dritten Gewichtsstufe über Frankreich nach Valparaíso, der dort mit 90 Centavos Inlandtaxe belastet wurde.
Ab 1. Juli 1877 wurde der A-Tarif in AI und AII unterteilt. AI galt für die ursprünglichen UPU-Mitglieder und weitere Länder mit Landverbindung; Briefe nach Algerien und Mulhouse kosteten jeweils 25 Rappen. Der AII-Tarif war für Übersee-Mitgliedstaaten bestimmt. Ein Brief bis 15 Gramm kostete dorthin 50 Rappen: 25 Rappen Auslandporto und 25 Rappen Überseezuschlag. Ein Brief aus Winterthur vom 27. Mai 1878 nach Buenos Aires ist dafür ein Beispiel. Ein weiterer Brief ging zum Tarif für britische Besitzungen in Asien nach Hongkong.
Der B-Tarif galt 1877 weiterhin für zahlreiche Nichtmitgliedstaaten. Ein Brief von Mannenbach nach King Williams Town wurde am 18. Juni 1878 aufgegeben und über das Kap der Guten Hoffnung und Durban in das Kriegsgebiet weitergeleitet. Die erforderliche Frankatur hätte 75 Rappen betragen; tatsächlich wurde der Brief als unfrankierte Sendung mit 100 Rappen belastet. Die vorhandenen 50 Rappen wurden angerechnet, weitere 50 Rappen musste der Empfänger zahlen. Die Weiterleitung ins Kriegsgebiet kostete nichts extra.
Vom 1. April 1879 bis zum 31. Mai 1883 galt für überseeische UPU-Mitglieder ein AII-Tarif von
