Wenn Kapitalismuskritik zur antisemitischen Verschwörungserzählung wird
Wie wird aus berechtigter Kritik am Kapitalismus ein Feindbild – und wann kippt solche Kritik in antisemitische Denkmuster? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Vortrag und die Diskussion „Zwischen ‚Profitgeier‘ und ‚Weltverschwörung‘“ am 29. Oktober 2026 in Würzburg. Beginn ist um 19:30 Uhr, Einlass ab 19:00 Uhr.
Veranstaltungsort ist die Mieze Koze, Gutenbergstraße 3, 97080 Würzburg. Eingeladen hat Gegenpol Würzburg im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus. Referent ist Lothar Galow-Bergemann. Die Anmeldung läuft über das Anmeldeformular der Universität Würzburg.
Wenn Kapitalismuskritik zur Verschwörungserzählung wird
Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang zwischen falschem Antikapitalismus und Antisemitismus. Krisen werden häufig mit der Wirtschaftsweise des Kapitalismus verbunden: mit unbegrenztem Wachstum, Profitstreben und möglichen Folgen für Gesundheit, Lebensqualität und künftige Generationen. Schwieriger wird es dort, wo nicht mehr der Kapitalismus selbst, sondern ausschließlich „profitgierige“ Kapitalisten als Ursache gesellschaftlicher Krisen gelten.
Der Vortrag fragt, welche Überschneidungen diese Form des Antikapitalismus mit Verschwörungserzählungen hat. Während der COVID-19-Pandemie etwa verbreitete sich die Vorstellung einer weltweiten Verschwörung profitgieriger Akteure. Historisch knüpft das an die nationalsozialistische Gleichsetzung geheimer, gieriger und mächtiger Akteure mit Juden an. Antisemitische Denkmuster können dabei auch auftreten, ohne dass ausdrücklich von Juden die Rede ist.
Galow-Bergemann unterscheidet Antisemitismus von Rassismus und beschreibt ihn als Welterklärungssystem mit antikapitalistischem Anspruch. Die Leitfragen des Abends sind entsprechend unbequem und ziemlich konkret: Was ist Kapitalismus? Wie lässt er sich kritisieren, ohne in problematische Denkmuster zu geraten? Und wie kann er überwunden werden?
Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn beschreibt Verschwörungsmythen als strukturell mit Antisemitismus verbunden. Umgekehrt enthielten antisemitische Weltbilder stets verschwörungsideologische Elemente. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen würden dabei einer rationalen Betrachtung entzogen und durch verborgene, allmächtige Akteure erklärt, die angeblich im Geheimen handeln.
Corona, Kontrollfantasien und der Gelbe Stern
Oft entstehen solche Mythen unmittelbar nach einem Ereignis. Überprüfbare Fakten oder tatsächliche Ursachen braucht es dafür nicht – ein Anlass reicht. Ein komplexes oder abstraktes Geschehen wird nicht verstanden, eine konkrete Verantwortlichkeit wird erfunden, aggressive und destruktive Gefühle werden auf diese Verantwortlichen projiziert. Das kann Ohnmacht kompensieren und ein Gefühl eigener Allmacht erzeugen.
Eine Pandemie bietet dafür besonders günstige Bedingungen: Die Bedrohung ist unsichtbar, die Zusammenhänge sind hochkomplex. Selbst medizinische Fachleute mussten neue Strategien entwickeln, weil die Lösungswege nicht vorgegeben waren. Die Erwartung medizinischer Allmacht wurde enttäuscht, als Forschung und Behandlung nicht sofort eindeutige Antworten lieferten.
Früh kursierten antisemitisch formulierte Corona-Verschwörungsmythen. Corona sei eine biologische Waffe der USA oder Israels, eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“ wolle Menschen durch Corona versklaven, die Weltbevölkerung solle gezielt dezimiert werden. Die Erzählungen widersprachen sich teilweise – und blieben dennoch funktionsfähig, weil sie in ein geschlossenes, gegen Realitätsprüfung immunisiertes Weltbild passten.
Seit Frühjahr 2020 standen Demonstrationen von Corona-Maßnahmenkritikern laut dem von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Artikel unter einer verschwörungsideologischen Klammer. Der Verschwörungsglaube verband die Versammlungen. Mit ihrer Radikalisierung nahm auch die Offenheit und Radikalität des Antisemitismus zu.
Bereits 2020 wurden antisemitische Parolen und Darstellungen gezeigt, zunächst häufig in Form personalisierter Feindbilder. Seit Frühjahr 2021 häuften sich Relativierungen der Shoah, die Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen und die Leugnung der Shoah. Je offener antisemitische Aussagen geduldet wurden, desto stärker wurden die Versammlungen laut Artikel gewaltbereit und gewalttätig.
Ein bekanntes Beispiel war das Tragen des Gelben Sterns mit der Aufschrift „Ungeimpft“ bei sogenannten „Querdenker“-Versammlungen. Solche NS-Vergleiche relativieren oder instrumentalisieren die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Gleichzeitig stellen sie heutige Verschwörungsgläubige als angebliche Opfer demokratischer Politik dar und sollen diese Politik delegitimieren.
Das Bedürfnis nach einer widerspruchsfreien Welt
Verschwörungsmythen werden laut Artikel nicht wegen ihrer rationalen Überzeugungskraft geglaubt. Sie stabilisieren ein irrationales Weltbild und bedienen psychische Bedürfnisse. Es handelt sich demnach nicht um Theorien zur Erklärung der Wirklichkeit, sondern um praktische Deutungsmuster, die die Wirklichkeit an die Bedürfnisse ihrer Anhänger anpassen.
Die Verschwörungswelten sind gegen empirische und historische Widerlegungen abgeschottet. Gegenbeweise werden einfach in neue Varianten des Glaubens eingebaut. Verschwörungsmythen erscheinen dabei als regressive, infantile Fantasien: Sie versprechen eine widerspruchsfreie Welt, in der alles einer einzigen, eigenen Logik folgt. Rund um Verschwörungsliteratur und entsprechende Produkte ist zudem ein großer Markt entstanden.
Politisch kann dieses Muster gefährlich werden, auch außerhalb organisierter rechtsextremer Gruppen. Untersuchungen zu politischen Einstellungen belegten eine Erosion der gesellschaftlichen „Mitte“ und eine zunehmende Übernahme rechter Themen. Der Glaube an Weltverschwörungen sei seiner Struktur nach rechtsextrem und werde nicht dadurch demokratisch, dass ihn ehemalige oder aktuelle Demokraten vertreten. Wer verschwörungsideologische Positionen übernimmt, bewegt sich laut Artikel tendenziell nach rechts.
In den vergangenen Jahrzehnten wurde Verschwörungsglaube zu einem zentralen Kampagnenmotiv des Rechtsextremismus und anschlussfähig für verschiedene antiaufklärerische politische Milieus. Für die Analyse rechter Politik zählt deshalb nicht nur die organisatorische Zugehörigkeit, sondern auch die weltanschauliche Dimension. Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung muss irrationale und affektive Elemente berücksichtigen, weil Verschwörungsdenken nicht vollständig mit rationalen Kategorien zu erfassen ist.
Zwischen gesellschaftlicher Normalität und Pathologie gibt es dabei keine klare Grenze. Politische Wahnvorstellungen können von ansonsten sozial angepassten Personen vertreten werden. Problematisch wird es, wenn solche Vorstellungen als gesellschaftlich akzeptierte Normalität etabliert werden. Verschwörungsmythen sind keine gleichberechtigte Variante pluralistischen Denkens, weil sie die rationale Grundlage des Pluralismus verwerfen und dadurch antidemokratisch sind.
Vom abstrakten Zusammenhang zum konkreten Schuldigen
Der moderne Antisemitismus beansprucht, die Welt vollständig zu erklären, indem er Juden mit einer mächtigen internationalen Verschwörung verknüpft. Er ist laut Artikel eine Verbindung aus Weltanschauung und Leidenschaft, eine besondere Art zu denken und zu fühlen. Abstraktes Denken wird abgelehnt; komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge werden durch konkrete Personalisierungen ersetzt. Die Ambivalenzen der Moderne landen auf Menschen, die als jüdisch markiert werden.
Antisemitismus und Verschwörungsmythen beruhen auf derselben Projektionsstruktur: Abstrakte gesellschaftliche Prozesse werden zurückgewiesen, konkrete Schuldige gesucht, aggressive Gefühle und Vernichtungsfantasien auf sie projiziert. Einzelne Verschwörungserzählungen müssen nicht ausdrücklich gegen Juden gerichtet sein. Ein umfassendes verschwörungsideologisches Weltbild werde historisch und gegenwärtig jedoch antisemitisch konstruiert.
Der Glaube an eine „jüdische Weltverschwörung“ verkörpert den Wunsch nach grenzenloser Kontrolle, vollständigem Wissen und menschlicher Allmacht. Anhänger wähnen sich im Besitz exklusiven „Geheimwissens“, oft gestützt auf selbstproduzierte Internetvideos oder andere fiktionale Materialien. Das vermeintliche Durchschauen geheimer Zusammenhänge vermittelt ein Gefühl eigener Allwissenheit und Allmacht.
Antisemitische Projektionen führen laut Artikel zu einer doppelten Entsubjektivierung: Die Betroffenen verlieren sowohl die Fähigkeit zur selbstständigen Reflexion als auch zur konkreten Empathie. Antisemitismus ist die radikale Entscheidung für ein manichäisches Weltbild, in dem Gut und Böse sauber auf zwei Seiten verteilt werden. Das klingt simpel
