Uni Würzburg, 3. November 2026. Die Frage, wer in der katholischen Kirche geweiht werden darf, ist für den Würzburger Fundamentaltheologen Matthias Remenyi längst nicht mehr nur eine Debatte über Lehrsätze. Theologische Argumente, mit denen die Weihe auf heterosexuelle Männer beschränkt wird, bezeichnet er als „irrig“ und „toxisch“.

In einem Beitrag für die „Herder-Korrespondenz“ schreibt Remenyi, die zentralen Begründungen für die Weihevoraussetzungen seien seit Langem ausgetauscht. Es gehe nicht mehr primär um theologisches Wissen oder das bessere Argument, sondern um die handlungsleitende Auslegung von Wissen, um Diskurshoheit und Macht. Und um die ziemlich unbequeme Frage, was ein sakramentales Zeichen wie die Maskulinität oder Heteronormativität des Geweihten noch wert ist, wenn viele Menschen es nicht verstehen und als diskriminierend wahrnehmen.

Remenyi kritisiert Heuchelei und Doppelmoral

Lehramtliche Texte weisen den Vorwurf zurück, die Beschränkung der Weihe auf Männer diskriminiere. Überzeugend findet Remenyi diese Zurückweisung nicht. Als Beispiel nennt er das Argument, homosexuelle Männer könnten keine korrekten Beziehungen zu Männern und Frauen aufbauen. Die dahinterstehende Theologie fördere Heuchelei und Doppelmoral, meint der Theologe: Viele homosexuelle Männer würden geweiht, ein erheblicher Teil des Klerus sei schwul.

Auch die Verweigerung der Frauenweihe bewertet Remenyi als Diskriminierung, sofern dafür keine hinreichend guten theologischen Gründe bestünden. Dann liege eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung allein aufgrund des Geschlechts vor. Teile der weiterhin wirksamen misogynen theologischen Tradition nennt er „toxisch“ – besonders die sexualisierte Geschlechtermetaphysik und das damit verbundene patriarchale Gottesbild.

Remenyi untersucht drei zentrale Argumente gegen die Frauenweihe aus der Erklärung „Inter insigniores“ von 1976: den angeblichen positiven Stifterwillen Jesu, die Praxis der Apostel und die durchgängige Lehrmeinung der Kirche. Alle drei Begründungen seien stark umstritten. Für die jesuanische und apostolische Praxis lasse sich nicht nachweisen, dass mehr als unhinterfragte kulturelle Gepflogenheiten maßgeblich gewesen seien.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Überdies sei es anachronistisch, den Kreis der zwölf Apostel mit dem kirchlichen Amtspriestertum gleichzusetzen, das erst im Lauf der Jahrhunderte entstand. Als entscheidenden historischen Grund für den Ausschluss von Frauen nennt Remenyi eine misogyn geprägte Tradition, die Frauen als minderwertig und nur mittelbar als Ebenbilder Gottes betrachtete.

Das Zeichen und die Ähnlichkeit mit Christus

Diese Begründung sei erst in jüngerer Zeit durch die Lehre ersetzt worden, das männliche Geschlecht des Priesters sei notwendiger Ausdruck der sakramentalen Repräsentation. Zwischen dem sakramentalen Zeichen, dem Priester, und Christus als dem Bezeichneten müsse demnach eine natürliche Ähnlichkeit bestehen – eine „similitudo naturalis“. In „Inter insigniores“ sei dieses Argument allerdings noch nachrangig behandelt worden.

Auch die metaphorische Deutung Christi als Bräutigam und der Kirche als Braut überzeugt Remenyi wenig. Das Bild sei nur eines von mehreren Kirchenbildern und weder historisch noch systematisch von besonderer Bedeutung. Außerdem werde die Brautmetaphorik in Bibel und Tradition vielfältiger verwendet und durchbreche teilweise sogar Geschlechterstereotype.

Nach geltender kirchlicher Lehre kann nur ein getaufter Mann die Weihe empfangen. Der Katechismus begründet dies damit, dass Jesus Männer für das Kollegium der zwölf Apostel ausgewählt habe und die Apostel ebenso bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter vorgegangen seien.

„Ordinatio sacerdotalis“ und die Position des Vatikans

Wegen theologischer und innerkirchlicher Diskussionen beauftragte Papst Paul VI. die Kongregation für die Glaubenslehre mit einer Erklärung. Die 1976 veröffentlichte Erklärung „Inter Insigniores“ stellte fest, dass die Kirche keine Vollmacht beanspruche, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen.

Johannes Paul II. erklärte 1994 in „Ordinatio sacerdotalis“, die katholische Kirche behalte die Priesterweihe ausschließlich Männern vor. Diese Praxis bestehe laut dem Text seit den Anfängen der katholischen Kirche; auch die Ostkirchen hätten daran festgehalten. Als Gründe werden genannt, dass Christus nur Männer zu Aposteln gewählt habe, dass die Kirche diese Praxis dauerhaft beibehalten habe und dass das kirchliche Lehramt den Ausschluss von Frauen als Teil von Gottes Plan für die Kirche sehe.

Die Entscheidung Christi, so führt der Text aus, sei nicht durch gesellschaftliche oder kulturelle Bedingungen seiner Zeit erklärt worden. Nach kirchlicher Auffassung habe sie vielmehr die grundlegende Verfassung der Kirche bestimmt. Jesus habe die zwölf Apostel frei und nach einem Gebet gemeinsam mit dem Vater und dem Heiligen Geist ausgewählt. Auch die Apostel hätten bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter und Nachfolger ausschließlich Männer eingesetzt. Diese Nachfolger sollten die apostolische Sendung fortführen und Christus in der Geschichte der Kirche vergegenwärtigen.

Die fehlende Berufung Marias zum Apostelamt und zum Amtspriestertum wird in „Ordinatio sacerdotalis“ als Hinweis angeführt, dass der Ausschluss von Frauen keine Minderung ihrer Würde und keine Diskriminierung bedeute. Zugleich bezeichnet der Text die Rolle von Frauen im Leben und in der Sendung der Kirche als notwendig und unersetzbar.

Frauen hätten zu allen Zeiten als Jüngerinnen und Zeuginnen Christi gewirkt: in Familien und zivilen Berufen, durch die Weihe an den Dienst für Gott und das Evangelium sowie als Märtyrerinnen, Jungfrauen und Mütter. Die hierarchische Struktur der Kirche sei auf die Heiligkeit aller Gläubigen ausgerichtet; als höchstes erstrebenswertes Charisma gilt die Liebe. Nicht die Amtsträger, sondern die Heiligen seien die Größten im Himmelreich.

Angesichts der weiterhin bestehenden Diskussionen erklärt Johannes Paul II. ausdrücklich, die Kirche habe „keinerlei Vollmacht“, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Alle Gläubigen hätten sich endgültig an diese Entscheidung zu halten. Veröffentlicht wurde die Erklärung am 22. Mai 1994, dem Pfingstfest, im 16. Jahr des Pontifikats Johannes Pauls II. im Vatikan.

Damit stehen in Würzburg zwei sehr unterschiedliche Lesarten nebeneinander: auf der einen Seite ein kirchliches Lehramt, das sich auf apostolische Praxis, Tradition und Gottes Plan beruft; auf der anderen Remenyi, der genau diese Begründungen historisch und theologisch auseinandernimmt. Die Frage ist also nicht verschwunden. Sie liegt weiter auf dem Tisch – zusammen mit der alten, ziemlich hartnäckigen Frage, wem die Deutungshoheit gehört.