Zwangsweise eingewiesen: Die dunkle Seite der Venerologischen Stationen der DDR
Im Kontext der Rolle der Medizin in autoritären Regimes hat Professor Florian Steger von der Universität Ulm in einer eindringlichen Vorlesung auf die Gefahren hingewiesen, die aus der Politisierung der medizinischen Praxis resultieren. Er erläuterte insbesondere den Umgang mit Geschlechtskrankheiten in der DDR, wo junge Frauen bei Verdacht auf solche Erkrankungen oder aufgrund von Denunziationen in geschlossene Venerologische Stationen eingewiesen wurden. Diese Einrichtungen waren Teil eines staatlichen Disziplinierungsapparates und oft von einem tiefen Machtmissbrauch geprägt. Betroffene erlitten dabei nicht nur entwürdigende medizinische Maßnahmen, sondern auch sexualisierte Gewalt durch medizinisches Personal. Laut uni-heidelberg.de ist es wichtig, die Vergangenheit kritisch zu hinterfragen, um die Autonomie der Medizin in demokratischen Gesellschaften zu sichern.
Die geschlossenen Venerologischen Stationen, umgangssprachlich auch als „Tripperburgen“ bezeichnet, existierten zwischen 1961 und 1989 in der DDR, wobei Tausende Frauen und Mädchen ab 12 Jahren ohne richterlichen Beschluss eingewiesen wurden. Offiziell diente das Vorgehen der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten, tatsächlich aber waren diese Stationen Instrumente gesellschaftlicher Disziplinierung. Ein neues Forschungsprojekt am Städtischen Klinikum Dresden untersucht die Patientenakten aus dieser Zeit und beleuchtet, wie medizinische Überwachung oft in systematische Misshandlung umschlug. Maximilian Schochow, einer der Forscher, hebt hervor, dass die Medizin in der DDR als Instrument zur sozialen Kontrolle missbraucht wurde. Die Ergebnisse dieser Studie wurden im Juni 2025 präsentiert, wobei mdr.de über diese tiefgreifenden Missstände berichtete.
Die Rolle von Politik und Medizin
Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Alliierten in Deutschland Maßnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten ein. In den Besatzungszonen und später in der Bundesrepublik Deutschland wurden geschlossene Venerologische Einrichtungen etabliert, vor allem in größeren Städten wie Frankfurt, München und Hamburg. In der DDR wurden diese Maßnahmen vom Ministerium für Gesundheitswesen koordiniert und vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) überwacht. Ärzte in diesen Stationen fungierten häufig als inoffizielle Mitarbeiter (IM) des MfS. Die gesetzliche Grundlage für die Zwangseinweisungen lag im „Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ von 1927, das in der DDR durch spezifische Verordnungen ergänzt wurde. Dies ist ein bleibendes Thema, das die Aufmerksamkeit der Bundesregierung auf sich zog, die 2016 eine rechtliche Überprüfung der Praxis einleitete, die schließlich für rechtsstaatswidrig erklärt wurde.
Berichte über die Missstände in den Venerologischen Stationen sind alarmierend. Untersuchungen zeigen, dass in den Jahren 1968 und 1977 eine alarmierend hohe Zahl der eingewiesenen Frauen nicht an Geschlechtskrankheiten erkrankt war. So wurden 1968 nur 28% der Zwangsuntergebrachten in der DDR als tatsächlich infiziert eingestuft. Dies verdeutlicht das Ausmaß der Stigmatisierung und der Misshandlung, die die betroffenen Frauen erleiden mussten. Die Aufenthaltsdauer belief sich im Durchschnitt auf 4 bis 6 Wochen, konnte jedoch bis zu 12 Wochen betragen, wobei die Behandlungen häufig unangemessene gynäkologische Untersuchungen umfassten.
Aufarbeitung und Gedenken
Im Jahr 2015 wurde in Halle ein Gedenkstein für die zwangseingewiesenen Mädchen und Frauen eingeweiht. Diese physische Erinnerung soll dazu beitragen, die Gräueltaten der Vergangenheit nicht zu vergessen und die Stimmen der Opfer hörbar zu machen. Aktuell wird auch eine Wanderausstellung mit dem Titel „Einweisungsgrund: Herumtreiberei – Disziplinierung in Venerologischen Stationen und Spezialheimen der DDR“ durchgeführt. Diese stellt den Betroffenen ein Gesicht und bezieht ein breiteres Publikum ein, indem sie historische Fotos, Dokumente und Interviews präsentiert. Die Ausstellung ist bis zum 4. Juli 2025 am Campus Gera der SRH University zu sehen und wird an weiteren Orten in Rostock, Berlin und Dresden fortgesetzt.
Prof. Steger betont, dass das Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg durch seine interdisziplinäre Herangehensweise an solche Themen einen wertvollen Beitrag zum kritischen Dialog zwischen diversen Wissenschaftskulturen leistet. Der Fall der geschlossenen Venerologischen Stationen in der DDR illustriert eindringlich, wie das Zusammenspiel von Medizin und Macht in totalitären Systemen oft zu einem Verlust des ethischen Standards der medizinischen Praxis führt.
