Hackerangriff auf die MLU: Zugriff auf rund 51.000 Bewerbungsdatensätze möglich
Nach einem Hackerangriff auf die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist am 21. Oktober 2026 weiterhin offen, wie groß der mögliche Datenabfluss tatsächlich ist. Unbefugte könnten Zugriff auf rund 51.000 Bewerbungsdatensätze für das Sommersemester 2026 und das Wintersemester 2026/2027 gehabt haben.
Die Zahl bezeichnet Bewerbungen, nicht zwingend unterschiedliche Menschen: Einzelne Personen können mehrere Bewerbungen eingereicht haben. Nach aktuellem Stand muss die Universität davon ausgehen, dass Daten auch abgerufen wurden. Ob Informationen weitergegeben, veröffentlicht oder bereits missbraucht wurden, ist hingegen ungeklärt.
Welche Informationen betroffen sein könnten
Die Universität untersucht, auf welche Daten genau zugegriffen wurde. Möglicherweise gehören Bewerbernummern, Namen und Wohnanschriften, Telefonnummern, private E-Mail-Adressen, Geschlecht, Geburtsdatum und Geburtsort dazu. Ebenso könnten der gewünschte Studiengang, der angestrebte Abschluss, das Fachsemester und der Stand des Zulassungsverfahrens betroffen sein.
Auch hochgeladene Bewerbungsunterlagen waren zugänglich. Welche Dokumente genau eingesehen oder möglicherweise kopiert wurden, hängt von den jeweiligen Einreichungen ab und ist noch nicht bekannt. Anna Zobler, Co-Vorsitzende des Studierendenrats, hält es für möglich, dass darunter auch Lebensläufe und Abiturzeugnisse sind. Die Universität verarbeitet im Bewerbungsverfahren unter anderem Kontaktdaten, Bildungsabschlüsse, Zeugnisse und weitere Nachweise.
Bekannt wurde der Vorfall nach Angaben der Universität am 14. Oktober 2026; am 16. Oktober bestätigte die Hochschule den Angriff. Die IT-Systeme waren am 14. Oktober auffällig geworden. Seitdem soll die forensische Untersuchung klären, welche Systeme betroffen waren, welche Sicherheitslücke ausgenutzt wurde, auf welche Daten zugegriffen wurde und welche Dateien möglicherweise kopiert wurden.
Krisenstab, Strafanzeige und Warnungen
Nach Bekanntwerden richtete die MLU einen Krisenstab ein. Die IT-Abteilung leitete Gegenmaßnahmen ein, die Universität informierte die zuständigen Behörden und erstattete Strafanzeige. Betroffene Personen sollen fortlaufend Nachricht erhalten; außerdem wurde eine Informationsseite eingerichtet.
Ein festgestellter Zugriff bedeutet nicht automatisch, dass die Daten schon für Straftaten verwendet wurden. Trotzdem könnten die Informationen für gezielte Phishing- und Betrugsversuche taugen – etwa für gefälschte Nachrichten über fehlende Unterlagen, Gebühren oder angebliche Probleme bei der Zulassung. Auch Identitätsmissbrauch gilt grundsätzlich als möglich.
Wer unerwartete Nachrichten bekommt, sollte genau hinschauen. Vorsicht gilt besonders bei Aufforderungen, persönliche Daten erneut einzugeben, Dokumente über unbekannte Webseiten hochzuladen, kurzfristig Geld zu überweisen oder wegen einer angeblich drohenden Ablehnung sofort zu handeln. Für Rückfragen sollten bekannte offizielle Kontaktwege der Universität genutzt werden. Falls Passwörter möglicherweise betroffen oder mehrfach verwendet wurden, kann eine Änderung sinnvoll sein; bestätigt ist bislang aber nicht, dass Passwörter zu den kompromittierten Daten gehören.
Dritter Hochschulangriff binnen weniger Wochen
Der Vorfall in Halle reiht sich in eine kurze Folge von Cyberangriffen mit Hochschulbezug ein. Mitte September wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Datenschutzvorfall festgestellt, von dem möglicherweise bis zu 600.000 Datensätze betroffen sind.
Am 7. Oktober stellte das Hochschulservicezentrum Baden-Württemberg (HSZ-BW) einen Cyberangriff fest und nahm alle Systeme offline. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde Schadsoftware in das Netzwerk eingeschleust; es wird davon ausgegangen, dass die Angreifenden dadurch Daten erlangten. Ein Krisenstab arbeitet seither an der Aufarbeitung und Bewältigung. Das Polizeipräsidium Reutlingen ermittelt gemeinsam mit der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe. Wer hinter dem Angriff steckt und ob eine Geldforderung vorliegt, ist offen; ein Sprecher des HSZ-BW beantwortete die Frage nach einer möglichen Forderung nicht.
Das HSZ-BW ist eine gemeinsame Einrichtung der Hochschule Reutlingen und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Es unterstützt 38 nichtuniversitäre Hochschulen sowie weitere Kunst- und Kultureinrichtungen bei digitalen Verwaltungsprozessen, etwa beim Campus-Management. Derzeit sind unter anderem Systeme für Vorlesungspläne, Immatrikulations-, Studien- und BAföG-Bescheinigungen, Notenspiegel sowie Finanz- und Personalverwaltung nicht verfügbar. Auch weitere IT-gestützte Verwaltungsprozesse laufen nicht wie gewohnt.
Betroffen sind Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Pädagogische Hochschulen, Kunst- und Musikhochschulen, die Duale Hochschule Baden-Württemberg sowie Kunst- und Kultureinrichtungen. Universitäten in Baden-Württemberg seien nicht betroffen, weil sie keine technischen Dienstleistungen des HSZ-BW nutzten.
Ersatzlösungen im Verwaltungsalltag
Einige Hochschulen bauen bereits Umwege. Die Hochschule für Musik Karlsruhe will das Bewerbungsverfahren für das Sommersemester 2027 ändern; Bewerbungsunterlagen sollen per E-Mail übermittelt werden. An der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen kommt es zu Zahlungsverzögerungen, alternative Zahlungswege werden geplant. Die Hochschule Pforzheim kann elektronische Rechnungen derzeit nicht verarbeiten, dort müssen sie per E-Mail eingereicht werden.
Das HSZ-BW arbeitet im Notfallmodus und sichert, untersucht und stellt die Systeme schrittweise wieder her. In Halle laufen die Untersuchung der Universitätssysteme und die Information der Betroffenen ebenfalls weiter – während Täter, Angriffsweg, tatsächlich kopierte Daten und eine mögliche Weitergabe oder Nutzung der Informationen am 17. Oktober 2026 noch nicht feststanden.
