Rund 250 Medizinstudierende aus ganz Baden-Württemberg haben heute, am 28. Oktober 2026, in Mannheim demonstriert. Aus Mannheim, Heidelberg, Tübingen, Freiburg und Ulm waren sie angereist, unterstützt von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Vom Mannheimer Marktplatz zogen sie zum Universitätsklinikum. Ihr Motto: Das Medizinstudium darf nicht im Stillstand stecken bleiben.

Die Aktion ist Teil der bundesweiten Kampagne „SOS – Stillstand oder Spitzenmedizin?“, die am 26. Oktober 2026 begonnen hat. Die bvmd organisiert die Aktionswoche an allen Medizinischen Fakultäten und vertritt rund 120.000 Medizinstudierende. Für den heutigen 28. Oktober waren bundesweit Demonstrationen geplant. Neben Studierenden beteiligen sich auch Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Unterstützende.

Mehr Praxis, früher Patientenkontakt

Die Forderungen reichen von einer Modernisierung des Medizinstudiums bis zu einer neuen Ärztlichen Approbationsordnung. Patientenkontakt und praxisorientiertes Lernen sollen bereits ab dem ersten Semester stärker zum Studium gehören. Wer später in einer niedergelassenen Praxis arbeitet, brauche außerdem eine bessere Vorbereitung auf Praxisführung und Abrechnung.

Nach Angaben der Studierenden wird die seit Jahren angekündigte Reform durch einen Streit zwischen Bund und Ländern über die Finanzierung verzögert. Die bvmd warnt, dass ohne eine Neuregelung veraltete Lehrmethoden fortbestehen könnten. Auch geplante Vorhaben wie ein Primärversorgungssystem könnten dadurch behindert werden.

Eine Petition zur Novellierung der Approbationsordnung hat nach aktuellem Stand etwa 12.000 Unterstützende. Zu den Erstunterzeichnenden gehören die Bundesärztekammer, der Marburger Bund, der Hartmannbund, das Bündnis Junge Ärztinnen und Ärzte, der Hausärzteverband und Verdi.

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Im Praktischen Jahr fehlt es an Zeit und Geld

Besonders laut wird der Protest beim Praktischen Jahr, dem letzten Ausbildungsjahr nach dem zweiten Staatsexamen. In dieser Phase arbeiten die Studierenden unter Anleitung in Krankenhäusern und Arztpraxen. Eigentlich sollen sie dabei ärztliches Handeln lernen. Nach Angaben der bvmd werden sie vielerorts jedoch dauerhaft für Blutentnahmen, Stationsarbeit oder OP-Assistenz eingesetzt.

Verbindliche Ausbildungsstandards fehlen ebenso wie die Verbindung theoretischer und praktischer Kompetenzen aus Vorklinik und Klinik. Dazu kommen zu wenig Lehre und Betreuung. Die Arbeitszeit in Kliniken und Praxen beträgt vielerorts 40 bis 60 Stunden pro Woche; teilweise gibt es überhaupt keine Aufwandsentschädigung.

Am Universitätsklinikum Mannheim erhalten Studierende laut Artikel 430 Euro monatlich bei 40 Wochenstunden, in Freiburg sind es etwa 300 Euro. Zusätzlich zur Vollzeitarbeit müssten viele Studierende Nacht- und Wochenenddienste übernehmen. Gefordert wird deshalb eine bundesweit einheitliche Vergütung beziehungsweise Mindestaufwandsentschädigung in Höhe des BAföG-Höchstsatzes von 992 Euro monatlich.

Zu einem fairen PJ sollen nach den Vorstellungen der bvmd außerdem verbindliche Lehre, verlässliches Mentoring, strukturierte Feedbackgespräche, ausreichend Zeit zum Selbststudium und faire Prüfungsbedingungen gehören. Der Wunsch klingt schlicht. Im Klinikalltag ist er offenbar alles andere als selbstverständlich.

Bundesrat beschließt Krankheitstage

Ein kleiner Schritt ist inzwischen gemacht: Der Bundesrat beschloss am 16. Oktober erstmals die Genehmigung von zehn Krankheitstagen während des PJ. Die Regelung tritt im November in Kraft. Außerdem forderte der Bundesrat die Bundesregierung auf, eine bundesweit einheitliche Aufwandsentschädigung in Höhe des BAföG-Höchstsatzes zu prüfen.

Die bvmd hatte für diese Forderung bereits 2019 und 2023 jeweils 100.000 Unterschriften gesammelt. Die Beschlüsse bewertet sie als erste Erfolge, sieht die grundlegenden Probleme der medizinischen Ausbildung aber weiterhin als ungelöst an.

Land setzt auf Runden Tisch

Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium unterstützt die Forderung nach einer umfassenden Reform der Ärztlichen Approbationsordnung und nach einem Finanzierungsvorschlag des Bundes, der für die Länder akzeptabel ist. Das Land zeigte sich zudem offen für Änderungen bei der PJ-Vergütung und bei der zulässigen Zahl von Krankheitstagen.

Dafür wurde in Baden-Württemberg ein Runder Tisch „Faires PJ“ eingerichtet. Daran nehmen medizinische Fakultäten, Studierende und Ministerien teil. Das Gremium soll Vorschläge zur Verbesserung der Ausbildung erarbeiten; das Land rechnet Anfang 2027 mit Ergebnissen.

Während in Mannheim der Demonstrationszug am Universitätsklinikum ankam, blieb die große Finanzierungsfrage also offen. Auch an der Uni Heidelberg, dem heutigen Berichtsstandort, dürfte man deshalb genau hinschauen: Auf dem Papier geht es um Ausbildungsordnungen und Aufwandsentschädigungen, im Alltag aber um volle Stationen, lange Dienste und die Frage, ob im PJ tatsächlich Zeit zum Lernen bleibt.