WHU vor dem Umzug: Was Vallendar mit dem möglichen Weggang der Business School verliert
In Vallendar zeichnet sich ein Weggang der WHU rheinabwärts ab. Die private Wirtschaftshochschule WHU Otto Beisheim School of Management plant, ihren Hauptstandort nach Düsseldorf zu verlegen und ihre Aktivitäten dort künftig auf einem neuen, zentral gelegenen Campus zu bündeln. Dafür ist ein großer Neubau vorgesehen.
Für den Hochschul- und Wirtschaftsstandort Mittelrhein wäre das ein schwerer Schlag. Die WHU ist seit 1984 in Vallendar bei Koblenz ansässig und betreibt seit 2010 zusätzlich einen Standort in Düsseldorf. Seit Jahrzehnten ist sie in Vallendar ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor: Ihre Präsenz beeinflusst die Nachfrage nach Wohnraum ebenso wie die Umsätze in Gastronomie und Einzelhandel.
Vallendar bleibt vorerst im Spiel
Die WHU würde damit einer Entwicklung folgen, deren Voraussetzungen laut dem zugrunde liegenden Artikel bereits länger bestehen. Der mögliche Abgang wäre schmerzlich, aber verkraftbar – vorausgesetzt, Region und Landespolitik ziehen die richtigen Konsequenzen und bauen auf bestehenden Stärken und Erfolgen auf.
Ganz entschieden ist die Zukunft des Standorts Vallendar allerdings noch nicht. Nach Angaben der WHU sollen Vallendar und Düsseldorf „bis auf Weiteres“ bestehen bleiben. Wie der Übergang konkret organisiert wird, soll im weiteren Planungsverlauf festgelegt werden. Die langfristige Perspektive für Vallendar bleibt damit vorerst offen.
Der neue Düsseldorfer Campus soll bis zum 50-jährigen Bestehen der Hochschule im Jahr 2034 fertiggestellt sein. WHU-Rektor Christian Andres begründet die Pläne mit dem Ziel, Hochschulen stärker als Treffpunkte für Studierende, Unternehmen, Forschung und öffentliche Institutionen zu etablieren. Die nordrhein-westfälische Landesregierung begrüßt die Entscheidung und bezeichnet sie als „Leuchtturmprojekt“.
2.100 Studierende an zwei Standorten
Die WHU gilt als eine der führenden Business Schools Europas. An beiden Standorten studieren derzeit rund 2.100 Menschen, davon etwa 1.500 in Vallendar. Aus der Hochschule sind unter anderem die Start-ups Zalando, Flixbus und Hellofresh hervorgegangen. Das klingt nach großen Namen – und macht sichtbar, warum der Standort über den Campus hinaus Gewicht hat.
Was ein solcher Weggang für eine Region bedeutet, lässt sich nicht allein an der Zahl der Beschäftigten ablesen. Untersucht wird die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur, Bildung und Forschung zunehmend auch deshalb, um den Einsatz öffentlicher Mittel besser zu bewerten. Regionale Wirkungsanalysen betrachten dabei die Konsumnachfrage, die Bruttowertschöpfung, den Arbeitsmarkt und öffentliche Steuereinnahmen.
Mehr als Hörsäle und Mensa
Studien im Auftrag der Hochschulkonferenzen von Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen erfassen wirtschaftliche Effekte, die über Bildung, Qualifizierung und Innovation hinausgehen. Das Verfahren der regionalen Multiplikatoranalyse berücksichtigt die Ausgaben von Universitäten sowie von Studierenden und Beschäftigten. Hinzu kommen die höhere Qualifikation der Absolventinnen und Absolventen – die sogenannte „regionale Bildungsprämie“ – und der Wissenstransfer durch universitäre Ausgründungen.
Diese Faktoren erhöhen die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, stärken die Wertschöpfung und schaffen regionale Arbeitsplätze. Zusätzlich entstehen indirekte und induzierte Multiplikatoreffekte bei vorgelagerten Produzenten und Zulieferern. Was an einer Hochschule ausgegeben wird, bleibt also nicht zwingend auf dem Campus oder in der nächsten Kaffeebar hängen.
Ein Beispiel liefern die Universitäten in Baden-Württemberg. Das Land verfügt über mehr als 80 Hochschulen, darunter neun öffentlich-rechtliche Universitäten. Diese erhielten 2022 insgesamt 2,9 Milliarden Euro an Landesmitteln. Durch Drittmittel, die Gewinnung von Studierenden, die Qualifikation von Absolventinnen und Absolventen sowie die Unterstützung von Unternehmensgründungen entstand im selben Jahr eine Wertschöpfungswirkung von 7,667 Milliarden Euro.
Das entspricht einer Wertschöpfung von 4,98 Euro je eingesetztem Euro Landesmittel. 2012 waren es 2,30 Euro, 2018 bereits 4,65 Euro. Die Zahlen beziehen sich auf die baden-württembergischen Universitäten, zeigen aber, in welche Größenordnung regionale Hochschulwirkungen reichen können.
Auch Kultur wirkt in die Stadt hinein
Dasselbe Prinzip findet sich außerhalb von Hochschulen. Die Mannheimer Philharmoniker tragen zur kulturellen Versorgung Mannheims, zur musikalischen Bildung von Kindern und Jugendlichen und zur Förderung des musikalischen Nachwuchses bei. In der Spielzeit 2021/2022 beliefen sich die jährlichen Ausgaben der Orchestergesellschaft sowie die Ausgaben auswärtiger Konzertgäste in Gastronomie, Einzelhandel und Hotellerie auf 2,063 Millionen Euro.
Für Mannheim ergab sich daraus ein Gesamteffekt auf die Bruttowertschöpfung von 1,473 Millionen Euro. Laut Studie führte der Orchesterbetrieb außerdem zu Mehreinnahmen der Stadtkasse in Höhe des 5,6-Fachen der städtischen Kulturförderung. Zwischen Konzertsaal, Hotelrechnung und Stadtkasse liegen eben oft weniger Welten, als man zunächst denkt.
Die genannten Veröffentlichungen behandeln unter anderem die regionalökonomische Bedeutung der Universitäten in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen, die wirtschaftlichen Effekte öffentlicher Hochschulen, die Wirkung der Mannheimer Philharmoniker auf die Stadtwirtschaft sowie die Resilienz und wirtschaftliche Wirkung eines Philharmonieorchesters während der Corona-Zeit.
Für die WHU in Vallendar beginnt damit eine unruhige Zwischenphase: Der geplante Neubau in Düsseldorf hat ein Zieljahr, der Übergang soll noch konkretisiert werden, und Vallendar bleibt bis auf Weiteres bestehen. Was danach aus dem traditionsreichen Hochschulstandort wird, dürfte nicht nur am Baufortschritt am Rhein, sondern auch an den Entscheidungen in der Region hängen.
