Der Hochvogel zerfällt millimeterweise: TUM-Forschung überwacht den Bergsturz
Hoch über der Grenze zwischen Deutschland und Österreich arbeitet der Hochvogel langsam, aber sichtbar an seinem eigenen Zerfall. Der 2.592 Meter hohe Gipfel in den Allgäuer Alpen wird von einer Felsspalte durchzogen, die inzwischen bis zu sechs Meter breit und mehr als 60 Meter tief ist. Eine andere Messung beschreibt die Kluft als etwa 70 Meter tief; begonnen hatte sie einst als schulterbreiter Riss.
Seit Jahren überwachen Forschende der Technischen Universität München den Berg mit mehr als 30 Sensoren. Alle zehn Minuten liefern die Geräte Daten über Bewegungen und Verformungen. Anfang Oktober 2026 führte ein fünfköpfiges Forschungsteam die letzten Messungen des Jahres durch und überprüfte die Technik. Ein Bewegungssensor war zuvor durch einen Blitzschlag zerstört worden und sollte ersetzt werden.
Der Hochvogel ist damit nicht bloß ein Sorgenkind der Alpen, sondern auch ein Freiluftlabor. Eine Drohne bringt einen Laserscanner auf den Berg, die Aufnahmen werden zu einem 3D-Modell verarbeitet. Zusätzlich soll ein neuer seismischer Vibrationssensor Erschütterungen und Schwingungen im Gestein direkt an die Wissenschaftler übermitteln.
Neue Risse, schnelle Bewegungen
Im Juni stürzte ein Felsturm mit rund 2.000 Kubikmetern Gestein ins Tal. An der Südwestkante ist außerdem ein neuer Riss entstanden: „Spalt 6“. Dort registrierten die Forschenden die bislang größten Bewegungsraten. Sie vermuten, dass ein großer Abbruch von dieser Stelle ausgehen könnte.
Der Hauptspalt öffnet sich durchschnittlich um ein bis zwei Millimeter pro Monat. Im Frühjahr wurden nach starken Regenfällen sogar Bewegungen von bis zu fünf Millimetern pro Woche gemessen – die stärkste Verformung der vergangenen Jahre. Im Winter tut sich meist wenig, weil das Gestein gefroren ist. Nach Schneeschmelze und kräftigen Niederschlägen im Frühjahr kommt dagegen Bewegung in den Berg.
Eine genaue Vorhersage des möglichen großen Felsabbruchs ist derzeit nicht möglich. TUM-Forscher Johannes Leinauer sagt, der Abbruch stehe aus geologischer Sicht nicht unmittelbar bevor, die Entwicklung sei aber bereits weit fortgeschritten. Geologieprofessor Michael Krautblatter geht sogar davon aus, dass der Abbruch schon begonnen hat. Der Zerfall bis zu einem vollständigen Bergsturz kann sich seiner Einschätzung nach dennoch über mehrere Jahre hinziehen.
Mehr Bewegung könnte den Zeitpunkt eines größeren Felssturzes irgendwann genauer eingrenzen. Warnschilder und weitere Bodenspalten markieren schon jetzt die Gefahrenzone. Der große Gipfelspalt wurde bereits im 19. Jahrhundert vom Alpenforscher Hermann von Barth beschrieben.
Ein gesperrter Weg und viel Geröll
Der Hauptspalt liegt auf österreichischer Seite. Der traditionelle Bäumenheimer Weg aus dem Tiroler Hornbachtal ist seit 2014 gesperrt; bei einem Abbruch könnte eine Gerölllawine den Weg verschütten. Das absturzgefährdete Felspaket wird auf 250.000 bis 400.000 Kubikmeter geschätzt.
Im Extremfall könnte der österreichische Ort Hinterhornbach mit rund 90 Einwohnern betroffen sein. Die Forschenden erwarten allerdings, dass die Gesteinsmassen überwiegend in ein unbewohntes Bergtal stürzen. Auch der erwartete Bergsturz soll in unbewohntes Gebiet abgehen. Ein Felssturz könnte trotzdem eine große Staubwolke aufwirbeln, die sich im Tal ausbreitet.
Von der bayerischen Seite gilt der Aufstieg samt dieser Hälfte des Gipfels als sicher. Für Urlauber auf deutscher Seite bestehe derzeit keine Gefahr, erklärte der Tourismusdirektor von Bad Hindelang, weil der mögliche Abbruch auf der gegenüberliegenden Bergseite drohe. Nach den Felsabbrüchen an der Zugspitze im September und in den Dolomiten Anfang Oktober wird der Hochvogel dennoch besonders genau beobachtet.
Häufigere und intensivere Gewitter und Regenfälle infolge des Klimawandels könnten das Spaltenwachstum beschleunigen. Der Berg reagiert dann nicht spektakulär mit einem Knall, sondern millimeterweise – bis irgendwann doch etwas ins Rutschen kommt.
Was die Zugspitze mit dem Hochvogel verbindet
Auch an der Zugspitze wird an einer besseren Frühwarnung gearbeitet. Ein neuer Laserscanner soll Veränderungen in der Nordwand sichtbar machen und künftig die gesamte Zugspitz-Nordwand vermessen. Selbst kleinste Verschiebungen könnten Hinweise auf Bewegungen im Fels liefern und weitere Untersuchungen auslösen.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erklärte, Ziel sei eine präzisere Erfassung von Felsveränderungen infolge des Permafrost-Rückgangs, um Risiken zu verringern. Das Projekt der Technischen Universität München kostet rund 600.000 Euro; Söder forderte den Bund auf, sich stärker an den Forschungskosten zu beteiligen. Laut TUM-Geowissenschaftler Michael Krautblatter wird die Technik bereits in der Höllental- und Partnachklamm eingesetzt.
Der Hintergrund ist unangenehm konkret: Durch den Klimawandel geht der Permafrost zurück, Eis im Berg schmilzt und Fels wird instabiler. Krautblatter zufolge erwärmt sich die Alpenregion seit 1880 um fast drei Grad. Die Gletscher der Zugspitze verloren seit 1820 zwischen 200 und 300 Meter an Mächtigkeit. In 2.800 Metern Höhe könnte der Permafrost innerhalb der nächsten zehn Jahre verschwinden, auf dem Gipfel voraussichtlich noch 20 bis 30 Jahre bestehen. Gerade der Übergangsbereich zwischen dauerhaft gefrorenem und nicht dauerhaft gefrorenem Untergrund soll deshalb besonders genau überwacht werden.
Ende September löste sich an der Zugspitze auf einer etwa 100 mal 40 Meter großen Fläche ein Felssturz mit rund 13.800 Kubikmetern Gestein. Der Abbruch ereignete sich in rund 2.800 Metern Höhe in ungefähr 80 Grad steilem Gelände.
Am Hochvogel testen die Wissenschaftler ihre Verfahren unterdessen weiter – auch, weil sich daraus Erkenntnisse für gefährdete Siedlungsgebiete gewinnen lassen. Der Bericht des Bayerischen Rundfunks erschien erstmals am 4. Oktober 2026 und wurde am 10. Oktober 2026 aktualisiert. Heute ist der 28. Oktober 2026; am Berg bleibt die nächste Messung trotzdem die spannendere Nachricht als jedes Kalenderdatum.
