Mannheims Schloss zwischen Festungsraster, Musenhof und Universität
Wer an der Universität Mannheim studiert, lernt die Stadt schnell über Buchstaben, Zahlen und Umwege kennen. Mannheim ist durch ein quadratisches Straßennetz geprägt; Adressen heißen dann etwa „O4, 5“ oder „E2, 8“. Die Quadrate gehen auf die Planung der Festungsstadt durch Kurfürst Friedrich IV. ab 1606 zurück. Die Straßen wurden als Renaissance-Gitternetz angelegt und sind auf das Schloss ausgerichtet.
Am 27. Oktober 2026 beginnt ein Stadtrundgang deshalb am besten nicht irgendwo, sondern mitten in den Quadraten. Die Planken verlaufen zwischen Schloss, Jesuitenkirche und Paradeplatz und bilden Mannheims zentrale Einkaufsmeile. Hinter dem Marktplatz Richtung Neckar wartet „Little Istanbul“ mit türkischen Bäckereien, Juwelieren und Brautmodengeschäften. Frühstück gibt es bei Kaffee Kult in der Schwetzingerstadt, wo selbst geröstet wird, im Café Fräulein Schiller in B2 oder bei Lale am Marktplatz mit türkischem Frühstück.
Das Schloss: Residenz, Universität und lange Baugeschichte
Das Barockschloss Mannheim liegt am westlichen Ende dieses Gitters. Seine Fassade aus rotem Sandstein misst 440 Meter; die Staatlichen Schlösser und Gärten bezeichnen es als zweitgrößtes geplantes Barockensemble Europas nach Versailles. Die Anlage ist fast 450 Meter lang, umfasst rund sechs Hektar umbauter Fläche und besteht aus Ostflügel, Ehrenhof-Ost, Mittelbau, Ehrenhof-West, Süd- und Westflügel sowie Schlosskirche und Schlossbibliothek. Meist sind die Fassaden dreigeschossig, viergeschossige Pavillons gliedern den Komplex. Hauptbau und Mittelpavillon ragen jeweils ein Stockwerk höher. Prägend ist Buntsandstein mit mineralischer Lasur. Der Kurfürst wollte sogar ein Fenster mehr als Versailles besitzen.
Die Vorgeschichte war allerdings weniger glänzend. 1606 ließ Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz auf der Gemarkung des damaligen Dorfes Mannheim die Festung Friedrichsburg und gegenüber die Rheinschanze errichten. Nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg ersetzte man die protestantische Zitadelle 1664 durch ein einfaches Schloss Daniel de la Rousses: drei Pavillons mit Verbindungsbauten. 1673 kam eine Kaserne von Johann Peter Wachter auf dem Festungsgelände hinzu. 1689 wurden Mannheim und das Schloss im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört. Ab 1698 begann nach dem Frieden von Rijswijk der Wiederaufbau als befestigte Stadt.
Am 12. April 1720 kündigte der katholische Kurfürst Karl Philipp an, die Residenz von Heidelberg nach Mannheim zu verlegen. Vorausgegangen war ein länger dauernder Streit mit dem reformierten Kirchenrat in Heidelberg über die Nutzung der Heiliggeistkirche. Im April zogen Karl Philipp und sein Hofstaat nach Mannheim; mit der Verlegung begann die Entwicklung der Stadt zur Hauptstadt der Kurpfalz. Am 2. Juli 1720 wurde der Grundstein für das neue Residenzschloss gelegt. Der Weihbischof von Worms weihte ihn, Karl Philipp legte alte Münzen, neue Gold- und Silbermedaillen sowie die Namen der Beteiligten hinein.
Der erste Entwurf wird Louis Rémy de la Fosse zugeschrieben, dessen Skizzen den ursprünglichen Bauplänen zugrunde lagen. Johann Kaspar Herwarthel, 1675–1720, übernahm mit der Grundsteinlegung die Bauleitung. Nach seinem Tod am 5. November 1720 wurde Jean Clemens Froimon Schlossbaumeister. Er prägte die Fassadengestaltung des Hauptbaus, die Dächer und die eigenständige Gestaltung der Schlosskirche; die Seitenflügel wurden entgegen der ursprünglichen Planung dreigeschossig ausgeführt. Wegen Konflikten mit Karl Philipp wurde Froimon 1726 entlassen.
Geld war dabei ständig knapp. 1721 wurde eine Schlossbausteuer von jährlich 75.000 Gulden erhoben, streng eingetrieben, aber dennoch nicht ausreichend. Karl Philipp wohnte vorübergehend im Oppenheimerschen Haus und verbrachte den Sommer im Schwetzinger Schloss. 1725 veröffentlichte Froimon die erste Gesamtansicht des Schlosses. Der dort dargestellte Figurenschmuck wurde aus finanziellen und architektonischen Gründen nicht ausgeführt; die Balusterbekrönung blieb auf Pavillons und Mittelbau beschränkt. Die gesamten Baukosten beliefen sich auf rund 2 Millionen Gulden, der größte Teil wurde durch Sondersteuern der kurpfälzischen Einwohner finanziert.
Ab 1726 löste Guillaume d’Hauberat Froimon als Hofbaumeister ab. Er gestaltete das Haupttreppenhaus, den Rittersaal und die Schlosskirche im Inneren. Cosmas Damian Asam malte dort zwischen 1728 und 1730 die Deckenbilder, Paul Egell schuf das Relief im Dreiecksgiebel der Schlosskirche und weiteren Reliefschmuck. Paul Goudreau malte 1729 das Hochaltargemälde der Heimsuchung Mariä. Unter der Schlosskirche entstand eine Gruft; am 13. Mai 1731 wurde die Kirche eingeweiht. Im November 1731 bezog Karl Philipp das Schloss, während die Bauarbeiten zunächst ruhten. Seine dritte Ehefrau Violanta Theresia wurde 1734 in der Gruft beigesetzt. 1736 erhielt Antonio Pellegrini den Auftrag für Deckengemälde in vier Sälen östlich des Rittersaals.
Ab 1740 begann die zweite Bauperiode unter Alessandro Galli da Bibiena, der aus einer Bologneser Architektenfamilie stammte und auch die Mannheimer Jesuitenkirche entwarf. Der westliche Außenflügel verband das Schloss mit dem Jesuitenkolleg. Das von Bibiena ab 1737 begonnene Opernhaus wurde 1742 zur Hochzeit Karl Theodors eingeweiht. Bibiena wurde 1740 geadelt und 1741 Oberbaudirektor. Nach Karl Philipps Tod am 31. Dezember 1742, er wurde in der Schlosskirchengruft beigesetzt, führte die Arbeit weiter. Nach Bibienas Tod 1748 wurde Hauberat Oberbaudirektor.
Ab 1750 leitete Nicolas de Pigage die dritte und letzte Bauperiode. 1751 begann unter Werkmeister Johann Jakob Rischer der Ausbau des Ostflügels, der Kunst- und Wissenschaftssammlungen, Schatzkammer, Hofbibliothek und Archiv aufnehmen sollte. Pigage wurde 1752 Oberbaudirektor und gestaltete den großen Bibliothekssaal, die angrenzenden Galerien sowie das Bibliothekskabinett der Kurfürstin. Ein geplanter Anbau für die französische Komödie wurde 1755 aus Kostengründen gestrichen, 1756 folgten weitere Sparmaßnahmen. Franz Zeller schuf die Parkettböden, Lambert Krahe vollendete 1758 das Deckengemälde des großen Bibliothekssaals; weitere Deckenmalereien stammen von Philipp Hieronymus Brinckmann. Um 1760 war der Ostflügel fertig, und das Schloss galt insgesamt als vollendet. Weitere Innenausbauten gab es trotzdem. 1767 schuf Franz Pozzi im Pavillonsaal einen klassizistischen Kaminumbau.
Ab 1731 diente die Anlage als Residenz der Kurfürsten von der Pfalz. Kurfürst Carl Theodor entwickelte Mannheim im 18. Jahrhundert zum „Musenhof“: Mozart hielt sich 1777 und 1778 mehrere Monate in Mannheim auf, Schillers „Räuber“ wurde 1782 am Nationaltheater uraufgeführt, und Voltaire war zweimal am kurpfälzischen Hof zu Gast. Friedrich der Große zählte das Schloss 1775 in seiner „Histoire de mon temps“ zu den bedeutenden europäischen Bauwerken.
1778 zog Karl Theodor nach der Erbschaft Kurbayerns nach München. Der Unterhaltsbeitrag für die Schlösser Mannheim und Schwetzingen wurde bis 1784 von 75.000 auf 48.000 Gulden reduziert. Die von Bibiena errichtete Hofoper brannte 1795, 17 Jahre nach Karl Theodors Umzug, beim Beschuss Mannheims durch preußisch-österreichische Artillerie aus. Mannheim war damals von französischen Truppen besetzt. Später entstand an dieser Stelle ein Amtsgefängnis. 1796 wurde nach Pigages Tod die Stelle des Oberbaumeisters nicht wieder besetzt; 1799 starb Karl Theodor. 1802 ging das Schloss an die Markgrafschaft Baden über, die 1803 zum Kurfürstentum erhoben wurde. Reste des Kupferstich- und Zeichnungskabinetts kamen in die Staatliche Graphische Sammlung München.
Von 1819 bis 1860 diente das
