Am 2.592 Meter hohen Hochvogel in den Allgäuer Alpen wächst die Unruhe im Fels. Eine neue Felsspalte an der Südwestkante bewegt sich laut Messungen auffallend schnell. Geologen der Technischen Universität München (TUM) vermuten deshalb, dass die finale Phase eines großen Felssturzes bereits begonnen haben könnte.

Professor Michael Krautblatter und ein fünfköpfiges Forscherteam der TUM führten Anfang Oktober, kurz vor dem Wintereinbruch, die letzten Messungen und Wartungsarbeiten des Jahres durch. Einer der Bewegungssensoren war zuvor von einem Blitzschlag zerstört worden und musste ersetzt werden. Seit 2014 läuft das Forschungsprojekt am Hochvogel; die Wissenschaftler überwachen den Berg inzwischen seit zwölf Jahren.

„Spalt 6“ bewegt sich besonders stark

Mehr als 30 Hightech-Sensoren beobachten den Gipfel, dazu kommen regelmäßige Drohnenflüge. Eine Drohne transportiert einen Laserscanner, dessen Daten zu millimetergenauen, hochauflösenden 3D-Modellen verarbeitet werden. Im Frühjahr registrierten die Geräte Gesteinsverschiebungen von bis zu fünf Millimetern pro Woche.

Der neue Brennpunkt liegt an der Südwestkante und trägt den Namen „Spalt 6“. Dort wurden die bislang größten Bewegungsraten gemessen. Krautblatter erwartet, dass der große Abbruch an dieser Stelle beginnen könnte. In dem steilen Schuttgelände wurde deshalb ein zusätzlicher seismischer Vibrationssensor installiert. Er registriert kleinste Erschütterungen und Schwingungen und übermittelt sie in Echtzeit an die Smartphones der Forscher. Zunehmende Schwingungen könnten anzeigen, wann ein größerer Felssturz bevorsteht.

Direkt am Gipfel klafft außerdem der bekannte Hauptspalt. Historisch wurde er bereits im 19. Jahrhundert vom Alpenforscher Hermann von Barth beschrieben – damals noch als schulterbreiter Riss. Heute ist die Kluft bis zu sechs Meter breit und reicht etwa 70 bis 80 Meter tief in den Berg. Warnschilder und weitere Bodenspalten markieren Bereiche, die Wanderer meiden sollen.

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Erst kleinere Abbrüche, dann der große Bergsturz?

Seit Jahren rechnen die Wissenschaftler damit, dass am Hochvogel bis zu 400.000 Kubikmeter Fels abbrechen könnten. Frühere Schätzungen lagen bei etwa 260.000 Kubikmetern; neuere Berechnungen nennen ein Felspaket von ungefähr 250.000 bis 400.000 Kubikmetern. Der Berg könnte dabei seine Höhe verändern und schrittweise zerbrechen.

Ein erstes deutliches Zeichen gab es bereits im Juni: Ein etwa 2.000 Kubikmeter großer Felsturm stürzte ab. Als Nächstes könnten 30.000 bis 40.000 Kubikmeter Fels und Geröll über die Südwestseite ins Tal donnern. Bis zum endgültigen Bergsturz können allerdings dennoch mehrere Jahre vergehen. Der Zerfall muss also nicht mit einem einzigen großen Knall enden.

Starkregen im Juni hat den Zerfallsprozess offenbar beschleunigt, zusätzlich vermuten Experten einen Einfluss von Hitze. Als mögliche Ursachen für die zunehmende Instabilität gelten außerdem der Klimawandel und auftauender Permafrost. Nach Angaben der Forschung nehmen Bergstürze durch Extremwetter und Klimawandel zu.

Das automatisierte Frühwarnsystem „Hans Hochvogel“ soll bei kritischen Beschleunigungswerten mehrere Tage vor einem möglichen Abbruch warnen. Die Forscher wollen eine Vorwarnzeit von ein bis zwei Tagen erreichen. Dann werden SMS an die Bürgermeister von Bad Hindelang in Bayern und Hinterhornbach in Tirol geschickt. Auch alpine Verbände sollen rechtzeitig informiert werden.

Keine unmittelbare Gefahr für Siedlungen

Direkte Treffer von Siedlungsgebieten durch die Felsmassen gelten nach geologischen Berechnungen nicht als zu erwarten. Der Hochvogel liegt in unbewohntem Gebiet und ist damit ein Forschungs- und Testgelände für Überwachungstechniken. Die dort entwickelten Methoden sollen später auch an Orten eingesetzt werden, an denen Menschen durch Bergstürze gefährdet sind.

Ganz harmlos wäre ein Abbruch für das Tal trotzdem nicht. Geröll könnte Wildbäche wie den Hornbach aufstauen. Die Notfallpläne sehen vor, die Massen rasch mit schwerem Gerät zu beseitigen, damit keine Überflutungswellen entstehen.

Der traditionelle Bäumenheimer Weg aus dem Tiroler Hornbachtal ist seit 2014 gesperrt. Bei einem Absturz würde eine Gerölllawine den Weg verschütten. Auch ein Klettersteig an der Südseite bleibt geschlossen. Der Aufstieg von der bayerischen Seite und diese Gipfelhälfte gelten dagegen als sicher; die Anstiege vom Prinz-Luitpold-Haus zum Gipfel sind weiterhin geöffnet.

Am TUM-Standort München laufen nun die Daten aus Sensoren, Drohnen und Laserscannern zusammen. Draußen am Berg werden Schnee, Eis und Schutt die Arbeit bald erschweren. Ob „Spalt 6“ tatsächlich zum Ausgangspunkt des großen Abbruchs wird, muss sich zeigen – der Fels arbeitet jedenfalls weiter.