Altersvorsorge-Depot statt Riester: Der Finanzgipfel diskutiert Aktien, ETFs und neue Fördermodelle
Im Berliner ESMT-Gebäude ging es heute, am 8.10.2026, um eine Frage, die viele gern auf später verschieben: Wie lässt sich der Lebensstandard im Alter sichern, wenn die gesetzliche Rente allein voraussichtlich nicht reicht? Beim ersten BILD-Finanzgipfel diskutierten Manager, Ökonomen und Finanzexperten über Altersvorsorge, Geldanlage, Aktien, ETFs und Kryptowährungen.
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing nannte die gesetzliche Rente weiterhin das Fundament. Sie brauche aber eine stärkere kapitalgedeckte Ergänzung. Automatische Einzahlungen mit Widerspruchsrecht – also ein „Opt-out“ – könnten den Einstieg erleichtern. Mehr private Kapitalanlage, sagte Sewing, könne Renten sichern und zugleich Wachstum, Innovationen und Investitionen finanzieren. Das geplante Altersvorsorge-Depot und eine stärkere Aktienvorsorge seien eine „doppelte Chance“.
Das neue Depot: mehr Auswahl, mehr Fragen
Beim Altersvorsorge-Depot prallten unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. ESMT-Präsident Jörg Rocholl warb für Aktien und verwies auf die langfristige Kraft des Zinseszinseffekts. Jochen Wiesbach von Union Investment betonte, Sparer könnten zwischen verschiedenen Produkten wählen. Verbraucherschützerin Dorothea Mohn warnte dagegen vor Lockangeboten und riet, nicht übereilt zu handeln. Für die Inanspruchnahme von Förderungen haben Anleger ein Jahr Zeit.
Die Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge soll Produkte renditestärker, kostengünstiger, einfacher und flexibler machen. Altersvorsorgedepots ohne Garantie kommen neben Garantieprodukten hinzu. Eine Positivliste soll festlegen, welche Anlageformen zulässig sind. Das „Standarddepot Altersvorsorge“ arbeitet mit voreingestellten Optionen; seine Effektivkosten werden auf höchstens 1,0 Prozent pro Jahr begrenzt.
Das Depot ohne Garantie richtet sich an chancen- und renditeorientierte Anleger und kann unter anderem Fonds und ETFs enthalten. Erträge bleiben während der Ansparphase steuerfrei. Garantieprodukte können künftig 80 oder 100 Prozent der eingezahlten Beiträge zu Beginn der Auszahlungsphase absichern. Die niedrigere Garantie kann höhere Renditechancen ermöglichen. Für Menschen mit wenig Kapitalmarkterfahrung ist das Standarddepot gedacht, für Sicherheitsorientierte eher ein Garantieprodukt. Was passt, hängt von der persönlichen Situation und der Risikobereitschaft ab.
Im Standarddepot stehen zwei vorab festgelegte Fonds bereit: einer mit vorsichtigerem, einer mit chancenreicherem Profil. Vor der Auszahlung wird automatisch schrittweise in den risikoärmeren Fonds umgeschichtet, sofern die Kundin oder der Kunde nichts anderes entscheidet. Das Produkt soll auch online und ohne vorherige Beratung abschließbar sein. Es kann bei jedem Anbieter steuerlich geförderter Altersvorsorge angeboten werden; Anbieter dürfen zusätzlich ein Partnerprodukt vertreiben.
Das Altersvorsorge-Reformgesetz wurde am 8. Mai 2026 im Bundesrat verabschiedet. Ab 2027 soll die Riester-Rente durch ein neues staatlich gefördertes Modell ersetzt werden. Anbieter können die neuen Produkte ab dem 1. Januar 2027 anbieten. Die Reform greift Empfehlungen der 2023 eingesetzten Fokusgruppe private Altersvorsorge auf. Eine geplante Frühstart-Rente für Kinder und Jugendliche soll später nahtlos in die private Altersvorsorge übergehen. Ein öffentliches Standarddepot ist grundsätzlich möglich, braucht aber noch eine Regierungsverordnung; es könnte erst nach dem 1. Januar 2027 verfügbar sein.
Auch bei der Auszahlung wird es beweglicher: Möglich sind eine lebenslange Leibrente oder ein befristeter Auszahlungsplan. Nach den Angaben der Deutschen Rentenversicherung soll ein solcher Plan eine 20-jährige Auszahlung ab dem 65. Lebensjahr ermöglichen; mit 85 Jahren wäre das angesparte Geld aufgebraucht. Das Bundesfinanzministerium sieht zugleich vor, dass ein Auszahlungsplan mindestens bis zum 85. Lebensjahr laufen muss, längere Laufzeiten aber möglich sind. Noch nicht ausgezahltes Vermögen bleibt dabei vererbbar. Der Beginn der Auszahlungsphase liegt grundsätzlich zwischen dem 65. und 70. Lebensjahr, früher nur bei vorherigem Bezug bestimmter gesetzlicher Renten oder Versorgungsleistungen.
Förderung: kleine Beiträge, neue Zielgruppen
Die Förderung wird künftig proportional zum Eigenbeitrag berechnet. Nach den Reformangaben gibt es 50 Cent je eingezahltem Euro bis 360 Euro Jahresbeitrag und 25 Cent je Euro für weitere Beiträge bis insgesamt 1.800 Euro. Die maximale Grundzulage beträgt 540 Euro jährlich. Die Deutsche Rentenversicherung beschreibt die erste Stufe mit 50 Cent je Euro bis 720 Euro; die Angaben führen beim maximalen Förderbetrag zum selben Ergebnis. Für jedes Kind sind bis zu 300 Euro Kinderzulage möglich, wenn bis zu 300 Euro eigener Beitrag eingezahlt werden – unabhängig vom Geburtsjahr.
Das einkommensabhängige Mindesteinkommen entfällt. Bereits 10 Euro im Monat reichen für eine Förderung; kleine und mittlere Beiträge erhalten prozentual besonders hohe Zulagen. Für die unmittelbare Förderberechtigung gilt grundsätzlich ein Mindestbeitrag von 120 Euro jährlich. Mittelbar förderberechtigte Ehepartner können Zulagen weiterhin erhalten, wenn der unmittelbar berechtigte Partner die Voraussetzungen erfüllt und sie selbst mindestens 120 Euro im Jahr einzahlen. Die Zulage beträgt höchstens 175 Euro.
Beiträge und Zulagen können weiterhin als Sonderausgaben geltend gemacht werden; das Finanzamt prüft einen zusätzlichen Steuervorteil. Für unter 25-Jährige ist ein einmaliger Berufseinsteigerbonus von 200 Euro vorgesehen. Jährlich dürfen höchstens 6.840 Euro in einen Vertrag eingezahlt werden, förderfähig sind Beiträge bis 1.800 Euro zuzüglich Zulagen. Der mögliche Sonderausgabenabzug steigt gegenüber dem bisherigen Höchstbetrag von 2.100 Euro – ohne Kinder und mittelbar berechtigten Ehepartner beispielsweise auf 2.340 Euro.
Förderberechtigt werden zusätzlich bestimmte Selbstständige und Gewerbetreibende sowie Pflichtmitglieder berufsständischer Versorgungseinrichtungen, etwa Ärztinnen und Ärzte in Versorgungswerken. Die private Altersvorsorge soll neben gesetzlicher Rente und Betriebsrente den Lebensstandard sichern. Wer früh anfängt, verlängert den Anlagezeitraum und kann die nötigen Monatsbeiträge senken.
Zum Vergleich: Für die volle bisherige Riester-Zulage mussten einschließlich Zulagen vier Prozent des rentenversicherungspflichtigen Vorjahreseinkommens eingezahlt werden, höchstens 2.100 Euro. Die maximale Grundzulage lag bei 175 Euro pro Person und Jahr. Für Kinder bis Ende 2007 gab es 185 Euro jährlich, für Kinder ab dem Geburtsjahr 2008 300 Euro.
Frauen, Börse und die Psychologie des Geldes
Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp rückte die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den Mittelpunkt. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger, bekommen geringere Renten und investieren seltener oder mit kleineren Beträgen. In der Generation Z seien 90 Prozent der Wertpapiersparer männlich und 10 Prozent weiblich. Orlopp forderte mehr Finanzbildung und einfachere Anlageprodukte – mit dem Ziel, dass Männer und Frauen gleichermaßen investieren.
Andrea Machost von Ökoworld sagte, 30 Prozent aller Frauen lebten derzeit mit 600 Euro Rente. Finanzjournalistin Carola Ferstl warb dafür, frühzeitig und mit wenigen Grundregeln an der Börse zu beginnen. Mehr Finanzbildung, weniger Berührungsängste und ein früherer Anlagebeginn – das klingt schlicht, ist im Alltag aber offenbar noch immer eine ziemliche Hürde.
Mentalist und Hypnotiseur Jan Becker zeigte, dass Anleger nicht ausschließlich nach Zahlen handeln. Vertrauen, Sicherheitsgefühl, Risikobereitschaft und der Wunsch nach Veränderung mischen sich in Finanzentscheidungen ein. Live-Experimente sollten sichtbar machen, wie Menschen unbewusst beeinflusst werden können. Ein etwas ungemütlicher Gedanke, gerade wenn man glaubt, völlig nüchtern auf sein Depot zu schauen.
BlackRock-Deutschlandchef Dirk Schmitz sprach sich für Investitionen in Privatmärkte aus. Rund 80 Prozent der weltweiten Gesamtwirtschaft befänden sich in privater Hand. Neue ELTIF-Fonds könnten Privatanlegern Zugang zu Infrastruktur, künstlicher Intelligenz und erneuerbaren Energien eröffnen. Privatmarktanlagen könnten langfristig als Beimischung für die Altersvorsorge geprüft werden.
Aktien, KI und das Klumpenrisiko
Börsenexperte Mick Knauff beschrieb eine angespannte Marktlage: Hohe Anleiherenditen, steigende Ölpreise und mögliche weitere Zinserhöhungen drücken auf die Stimmung. Steigende Zinsen erschweren die Entwicklung von Aktien, der Ölpreis erhöht den Inflationsdruck. Technologie- und Chipaktien stehen besonders unter Druck. Nvidia bleibt stark, hängt aber
