Antisemitismus in Dresden zwischen rechter Erinnerungspolitik und linkem Aktivismus
Am 16. Oktober 2026 ist Antisemitismus an der TU Dresden kein Randthema. Eine Rede auf der Demonstration „Antifa heißt: Gegen jeden Antisemitismus!“ zeichnete ein politisches Panorama der Stadt, das von rechten Wahlerfolgen, linken Bündnissen und scharfen Konflikten über den Nahostkonflikt geprägt ist. Die AfD wurde bei den Kommunalwahlen in Dresden stärkste Kraft. Gleichzeitig mobilisieren die Freien Sachsen regelmäßig Verschwörungsgläubige und andere Protestgruppen; die „Junge Nationalisten“ (JN) und der „Dritte Weg“ organisieren das aktionistische und militante rechte Spektrum.
Die Rednerinnen verknüpften diese Gegenwart mit Dresdens Erinnerungspolitik. Traditionell habe es in der Stadt rechten Antisemitismus gegeben, unter anderem im Zusammenhang mit dem Dresdner Opfermythos. Dresden werde darin als unschuldige Kunst- und Kulturstadt während der NS-Zeit dargestellt, die alliierte Bombardierung als unnötig bewertet. Historische Aspekte deutscher Täterschaft und die militärische Bedeutung Dresdens würden dabei ausgeblendet.
Vom Opfermythos zum „Bombenholocaust“
Der seit den 1990er-Jahren verbreitete Geschichtsrevisionismus habe regelmäßig Neonazi-Aufmärsche zum Jahrestag der Bombardierung begünstigt. Rechte Gruppen bezeichneten die Bombardierung als „Bombenholocaust“ – eine Gleichsetzung, die laut Rede die Shoah relativiert, Täter und Opfer gleichstellt beziehungsweise ihre Rollen umkehrt.
Als Beispiel für die Verbindung von historischem und aktuellem Antisemitismus wurde ein seit 2008 unregelmäßig gezeigtes Transparent der NPD Kronach genannt: „Gestern Dresden Heute Gaza – Völkermörder zur Rechenschaft ziehen!“
Nach dem 7. Oktober hätten sich laut Rede auch in Dresden autoritäre linke Gruppen etabliert. Bei mehreren Strukturen, die zuvor als etabliert und vertraut gegolten hätten, sei in den vergangenen drei Jahren eine zunehmende antisemitische Ausrichtung beobachtet worden. Die 2025 gegründete AG Palästina-Solidarität der Dresdner Linkspartei falle im Stadtbild vor allem durch Sticker auf, die ein Ende Israels forderten. AfD-Politiker Tino Chrupalla habe bereits vor der Linkspartei ein Ende deutscher Waffenlieferungen an Israel gefordert; die Rede stellte dies ausdrücklich nicht als pazifistische Motivation dar.
Auch die kommunistischen Gruppen „Roter Aufbruch“ und „Kommunistische Organisation“ (KO) hätten deutlich an Zulauf gewonnen. Die Dresdner KO beteiligte sich an der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ und plante eine Informationsveranstaltung im Dresdner Hechtviertel. Eine spontane, breite Mobilisierung der linken Szene blockierte und verhinderte die Veranstaltung. Der bewegungsorientiertere „Rote Aufbruch“ erhalte im Vergleich zur stärker theoretisch ausgerichteten KO größeren Zulauf.
Am 8. Oktober war der „Rote Aufbruch“ mit einem Infostand beim Dahabflex-Konzert im Dresdner Club Puschkin vertreten. Bei einer von evibes organisierten Demonstration zum feministischen Kampftag 2026 war die Ablehnung von Antisemitismus ausdrücklich Thema. Der „Rote Aufbruch“ erschien dort mit einem Transparent, wonach jeder Widerstand gegen Patriarchat und Imperialismus legitim sei. Die Gestaltung habe erkennen lassen, dass damit der Nahostkonflikt gemeint war. Die Rednerinnen werteten das als mögliche Legitimation sexueller Gewalt im Zusammenhang mit dem 7. Oktober sowie der anschließenden Geiselhaft.
Zum Vergleich verwies die Rede auf Berichte aus verschiedenen Städten, darunter Leipzig, über Störungen, Übernahmeversuche und verbale Angriffe auf feministische Demonstrationen am 8. März durch palästinasolidarische Gruppen. In Dresden blieb die Situation begrenzt: Der „Rote Aufbruch“ wurde zunächst kritisch begleitet, musste sein Transparent einpacken, anschließend verließen mehrere Personen aus seinem Umfeld die Demonstration.
Bündnisse, Räume und offene Flanken
Die Strategie des „Roten Aufbruchs“ bezeichnete die Rede als Gefahr für antiautoritäre linke Organisationen. Verwiesen wurde dabei auf den Abbruch einer Demonstration gegen das Polizeigesetz in Leipzig.
In „Free Palestine Dresden“ hätten sich Mitglieder der KO mit Personen aus dem anarchistischen Spektrum zusammengeschlossen. Die Gruppe organisiert Vorträge, recherchiert Verbindungen der TU Dresden nach Israel und tritt teilweise gemeinsam mit dem „Roten Aufbruch“ auf. Free Palestine Dresden hielt am 7. Oktober eine Kundgebung ab.
Zwischenzeitlich nutzte die Gruppe Räume des Internationalistischen Zentrums (IZ). Nach dessen Schließung eröffnete in Dresden-Pieschen ein AIZ; dort finden Veranstaltungen statt, die unter anderem von Free Palestine beworben werden. Die Rede befürchtet, dass sich dort ein Zentrum der Dresdner antiimperialistischen Szene etabliert.
Das Anarchistische Netzwerk Dresden (AND), das sich zuvor pro-ukrainisch positioniert habe, stellte sich im Konflikt um das Hausprojekt La Casa in Berlin-Hellersdorf auf die Seite der von der Rede als antisemitisch bezeichneten Akteure. Im August wurde der Gruppe „New Casa“ im anarchistischen Hörfunk ein Podium gegeben. Kritische Nachfragen habe die Moderation nicht gestellt, auf die Aussagen vielmehr zustimmend reagiert.
Unangesprochen geblieben seien dabei unter anderem der Einzug in ein Hausprojekt trotz Vetorechts, antisemitische Graffiti und die Gewaltbereitschaft bei den Auseinandersetzungen im Juli. Stattdessen habe die Moderation einen Bezug zu Dresden hergestellt und die Berliner Verhältnisse offenbar positiv bewertet. Die Rede bekundete Solidarität mit „Reclaim La Casa“.
Bei den vom AND organisierten A-Tagen fand im anarchistischen Café Malobeo die Veranstaltung „Beyond Outrage“ statt. Der Erfolg der Free-Palestine-Bewegung sei dort laut Rede vor allem mit kollektiver Empörung statt mit materiellen Ergebnissen begründet worden. Diese Empörung solle strategisch organisiert werden. Die Rednerinnen stellten das in Zusammenhang mit dem Anstieg antisemitischer Vorfälle seit 2023 sowie mit antisemitischen Inhalten und verbalen, körperlichen und tödlichen Angriffen auf Israelis und Jüdinnen und Juden.
Nur ein Teil der anarchistischen Szene trete öffentlich in dieser Weise auf, wurde zugleich betont; der größere Teil äußere sich bislang nicht öffentlich. Die Gefahr bestehe darin, dass sich in Dresden eine andernorts bereits deutlich aggressivere Form linken Antisemitismus entwickle. Ziel sei, eine weitere qualitative und quantitative Eskalation zu verhindern.
Nahostkonflikt und Erinnerungspolitik
Seit dem 7. Oktober habe das Thema Nahostkonflikt in der Linken stark an Bedeutung gewonnen, während andere linke Themen zu Nebenwidersprüchen würden. Als „Antizionismus“ auftretende Positionen bezeichnete die Rede teilweise als antisemitisch und als Übernahme rechter Denkfiguren.
Genannt wurde etwa Victimblaming: Menschen würden aufgrund ihrer Herkunft für ihre eigene Vergewaltigung, Verschleppung oder Ermordung verantwortlich gemacht. Kritisiert wurden außerdem die Verharmlosung und Relativierung der Shoah sowie Forderungen nach einem Ende der Erinnerung daran. Die Rede stellte Parallelen zu Forderungen der AfD nach einer „erinnerungspolitischen Wende“ her.
In Heidenau habe die CDU gemeinsam mit AfD und Bürgerinitiative Oberelbe per Stadtratsbeschluss verhindert, dass der Pirnaer Verein Akubiz weitere Stolpersteine verlegt. Die Rede bewertete dies als Versuch, die Erinnerung an die Shoah aus dem Alltag zu entfernen, an abgelegene Orte zu verdrängen und ihre Singularität zu verwischen.
Antisemitische Positionen innerhalb der Linken hätten konkrete gewaltvolle Folgen. Jüdinnen und Juden seien erneut mit Ausgrenzung und Unsicherheit in vielen Bereichen des Alltags konfrontiert. Es gebe nahezu täglich Meldungen über Anfeindungen sowie regelmäßig Berichte über körperliche Angriffe und terroristische Attentate. Kritisiert wurde eine linke Bewegung, die mit Islamisten kooperiere, um Israel zu bekämpfen, während die politische Rechte ihre gesellschaftspolitischen Ziele weiter umsetze.
Am 7. Oktober 2026 jährt sich der Hamas-Angriff auf Israel zum dritten Mal. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) lädt deshalb am Mittwoch, 7. Oktober 2026, um 17 Uhr zu einer Mahnwache auf dem Dresdner Neumarkt vor der Frauenkirche ein. Gedacht werden soll der mehr als 1.200 Getöteten und der damals in den Gazastreifen verschleppten Geiseln; beim Angriff wurden mehr als 250 Menschen als Geiseln genommen.
Als Redner sind der Journalist und Autor Constantin Schreiber, Sachsens Kultusminister Conrad Clemens, Dres
