DEEP an der ESMT Berlin: Wie Forschung zu Europas Deep-Tech-Unternehmen wird
Am 28.10.2026 geht es an der ESMT Berlin um eine Frage, die in deutschen Hochschulen schon lange herumliegt wie ein ungeöffneter Brief: Wie wird aus guter Forschung ein Unternehmen, das international mithalten kann? Deep-Tech-Forschung in Robotik, Künstlicher Intelligenz, Raumfahrt und Quantencomputing gewinnt an Bedeutung – doch der Weg aus dem Labor in die Wirtschaft bleibt schwierig.
Deutschland fehlen große Technologieunternehmen wie Google, OpenAI oder Nvidia. Thorsten Lambertus vom „Deep – Institute for Deep Tech Innovation“ an der ESMT Berlin spricht darüber, wie Deutschland beim Forschungstransfer aufholen könnte. Das Ziel klingt ambitioniert: ein eigenes Unternehmen von der Größe und Bedeutung Nvidias aufzubauen.
Vom Forschungsergebnis zum Unternehmen
Europa bringt herausragende Forschung und bahnbrechende Technologien hervor, macht daraus aber vergleichsweise wenige global wettbewerbsfähige Unternehmen. Dieses „europäische Paradox“ beschreibt auch die Lage in Deutschland: Das Forschungspotenzial ist da, die wirtschaftliche Verwertung hinkt hinterher.
DEEP – Institute for Deep Tech Innovation will diese Lücke schließen. Das Institut überführt wissenschaftliche Spitzenforschung in international führende Unternehmen und möchte damit Europas technologische Führungsrolle, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Wohlstand stärken. Dafür identifiziert DEEP herausragende Chancen, baut hochwertige Kooperationen auf, zielt auf messbare Ergebnisse und bringt wissenschaftliche Leistungen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung.
Viele Start-ups um ihrer selbst willen sind dabei ausdrücklich nicht das Programm. DEEP wählt gezielt herausragende Forschende, Unternehmerinnen und Unternehmer, Technologien sowie Geschäftsmöglichkeiten aus. Fachwissen aus Forschung, Unternehmertum, Investitionen, Industrie und Politik wird miteinander verbunden. Programme zu Wissen, Partnerschaften und unternehmerischen Fähigkeiten sollen Deep-Tech-Innovationen praktisch nutzbar machen.
Die Themen reichen unter anderem von Cybersicherheit und Lebenswissenschaften über Naturkapital und Recheninfrastruktur bis zu Agrifood. DEEP Qatar vernetzt Forschende, Unternehmer, Investoren und Institutionen aus Europa und Katar. Konferenzen, Workshops und Networking-Events bringen Akteure des Deep-Tech-Ökosystems zusammen; Studien, Publikationen und Analysen widmen sich Deep-Tech-Innovation, Kommerzialisierung und Entscheidungsfindung.
Auch Studierende der ESMT Berlin erhalten Unterstützung, Wissen und Kontakte, wenn aus einer Geschäftsidee mehr werden soll als eine Notiz am Rand eines Seminarblocks. DEEP kooperiert mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Investoren, Stiftungen und Organisationen des öffentlichen Sektors. Angesprochen sind Forschende, Unternehmer, Investoren, Führungskräfte aus Unternehmen und politische Entscheidungsträger, die sich für Kommerzialisierung, Kooperationen und ein stärkeres europäisches Deep-Tech-Ökosystem interessieren.
Teams, Patente und der lange Weg aus dem Labor
Im Nachrichtenbereich von DEEP stehen im Juli 2026 mehrere Beiträge von Tina Manker, Teamcoach im DEEP-Pioneers-Programm. Am 15. Juli beschreibt sie, wie leistungsstarke Teams durch regelmäßige Reflexion und zeitnahes, ehrliches Feedback ihre Leistung und Zusammenarbeit verbessern. Am 8. Juli erklärt Manker, dass starke Teams Meinungsverschiedenheiten nicht vermeiden: Ehrliche Gespräche und konstruktives Feedback sollen Vertrauen schaffen, Probleme früh angehen und die Zusammenarbeit stärken. Bereits am 6. Juli betont sie in einem Beitrag der ESMT Berlin, dass der langfristige Erfolg von Deep-Tech-Unternehmen neben technologischen Durchbrüchen auch vom Aufbau belastbarer Gründungsteams abhängt.
Der Blick auf den Technologietransfer zeigt, warum solche Strukturen nötig sind. Wissenstransfer umfasst Wissenschaftskommunikation, anwendungsorientierte Lehre, Forschung und Beratung, Gründungsunterstützung sowie Technologietransfer in Form marktfähiger Produkte, Verfahren und Dienstleistungen. Ausgründungen aus Hochschulen, Kooperationen mit etablierten Unternehmen, Lizenzierungen und Patentübertragungen sind die wichtigsten Wege. Das geistige Eigentum an Hochschulerfindungen liegt zunächst bei den Hochschulen.
Forschung und Innovation laufen dabei selten sauber in einer geraden Linie von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung und Produktentwicklung bis zur Markteinführung. Es gibt Rückkopplungen, Rückschläge, unerwartete Entwicklungen – und manchmal eine direkte Anwendung einer Erkenntnis, mit der zunächst niemand gerechnet hat. Zwischen Grundlagenforschung, angewandter Forschung und Produktentwicklung besteht keine klare Arbeitsteilung; transferierbares Wissen entsteht oft im dauernden Austausch.
Das Quadrantenmodell von Stokes betrachtet Erkenntnisinteresse und Anwendungsorientierung als unabhängige Dimensionen. Anwendungsorientierte Grundlagenforschung kann also zugleich erkenntnisgetrieben und praktisch relevant sein. Der Transistor, der Laser und mRNA-Impfstoffe gelten als technologische Neuerungen mit Ursprung in einer solchen Forschung. Beim Quantencomputing treffen fundamentale Fragen zu Verschränkung, Dekohärenz und Quantenzuständen auf das Ziel, stabile Qubits und skalierbare Architekturen zu entwickeln.
An diesem Transfer sind Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Unternehmen beteiligt. Deutschland besitzt dafür eine vielfältige Forschungslandschaft mit Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und privatwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung. Transferpolitik muss deshalb das gesamte Forschungs- und Innovationssystem und unterschiedliche Transferpfade im Blick behalten.
Deutschlands starke Forschung – und die Lücke bei der Verwertung
Hochschulen erfüllen im Technologietransfer drei Funktionen: Sie qualifizieren Menschen, die Wissen außerhalb der Wissenschaft anwenden, erzeugen neues Wissen als Grundlage für Transfer und betreiben Transfer als Teil ihrer „Dritten Mission“. Gerade der „Transfer über Köpfe“ ist ein zentraler Weg wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Wirtschaft. Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften sichern Fachkräfte für regionale und überregionale Arbeitsmärkte; die meisten Promovierten arbeiten mittelfristig außerhalb der Wissenschaft, häufig in industrieller Forschung und Entwicklung.
Viele Hochschulen fördern mit Entrepreneurship Education unternehmerisches Denken und Gründungsorientierung. Laut EFI-Analysen ist das Erfindungspotenzial der Publikationen deutscher Hochschulen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Forschungsergebnisse deutscher Universitäten erreichen beim Potenzial für patentierte Erfindungen inzwischen annähernd das Niveau US-amerikanischer Hochschulen.
Nur landet die Nutzung häufig anderswo. In Biotechnologie, Maschinenbau sowie Luft- und Raumfahrt entfallen rund 70 Prozent der patentierten Erfindungen mit Bezug zu deutschen Publikationen auf das Ausland. In der Künstlichen Intelligenz liegt der Anteil bei etwa 90 Prozent. Die Zahl forschungsbasierter Unternehmensgründungen war zuletzt rückläufig. Akademische Gründungen konzentrieren sich auf Hochschulstandorte und entstehen besonders häufig in forschungsstarken Regionen.
Nach der Abschaffung des Hochschullehrerprivilegs im Erfinderrecht 2002 gingen die Rechte an Hochschulerfindungen zunächst auf die Hochschulen über. Die Patentanmeldungen deutscher Hochschulen stiegen daraufhin deutlich an: 2015 wurde mit mehr als 1.200 Patentfamilien der Höchststand erreicht, bis 2021 sank die Zahl auf 887 Patentfamilien. Universitäten dominieren die Patentaktivitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften spielen eine deutlich geringere Rolle. Forschungsstarke Universitäten tragen einen großen Teil der Patentaktivität – der Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und Technologietransfer ist eng.
Die Ausstattung ist also nicht das Problem: Deutsche Hochschulen verfügen über qualifizierte Fachkräfte, gründungsbezogene Studien- und Unterstützungsangebote sowie wissenschaftliche Erkenntnisse mit hoher praktischer Relevanz. Schwierigkeiten liegen bei der Dynamik von Gründungen, den zuletzt rückläufigen Patentzahlen und der Verwertung deutscher Forschungsergebnisse im Ausland. Deutschland weist insbesondere in Künstlicher Intelligenz, Mikroelektronik und Quantentechnologien eine Transferschwäche auf, vor allem im Vergleich zu den USA.
An vielen Hochschulen gilt Transfer zwar gesetzlich als Aufgabe, wird aber eher als Zusatz denn als strategische Kernaufgabe behandelt. Transfererfolge zählen häufig weniger als erfolgreiche Drittmitteleinwerbungen für Forschung. Transferstellen sind oft projektbezogen und nicht dauerhaft finanziert, nur wenige Hochschulen verfügen über etablierte und professionalisierte Strukturen. Dazu kommt: Viele Transferstellen sind nicht eng genug mit der Forschung verbunden.
In Berufungsverfahren und wissenschaftlichen Karrieren wiegen Publikationen und Drittmittel stärker als Transferleistungen. Gründungen oder umfangreiche Verwertungsaktivitäten können damit zum Karriererisiko werden. Für Transfer- und Gründungsvorhaben fehlen an den meisten Hochschulen Freistellungsmodelle. Bayern ermöglicht seit 2023 Gründungsfreisemester mit fortlaufender Besoldung für in der Regel bis zu zwei Semester. Bis 2025 wurden dort 27 Gründungsfreisemester bewilligt, 19 an Universitäten und 8 an Hochschulen für angewandte Wissenschaft
