Berlins Linke gewinnt die Wahl – und vor der Koalitionssuche liegen harte Konflikte
Berlin hat gewählt – und der Abend endet nicht mit einer einfachen Machtverschiebung, sondern mit reichlich Zündstoff. Die Linke siegte bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus vor CDU und AfD. Nach ARD- und ZDF-Hochrechnungen kam sie auf mehr als 25 Prozent, die CDU auf rund 20 Prozent. Spitzenkandidatin Elif Eralp beanspruchte prompt den Regierungsauftrag. Sie könnte die erste Linken-Politikerin als Regierende Bürgermeisterin Berlins werden.
Im Wahlkampf setzte Eralp vor allem auf Mieten und Bezahlbarkeit. Ihr Ziel ist eine rot-grün-rote Koalition aus Linken, Grünen und SPD. Bundeskanzler Merz warnte die SPD allerdings vor der „Hölle“ eines solchen Bündnisses. Die SPD-Parteivorsitzenden Lars Klingbeil und Saskia Esken verlangen von der Linken zudem eine klare Abgrenzung zu Clan-Mitgliedern und Antisemitismus.
Ein Wahlergebnis mit persönlicher Wucht
Wie stark die Reaktionen ausfallen, zeigte ein virales Instagram-Video des Berliner Chirurgen Dr. Masyar Rahmanzadeh. Der auf Hüft-, Knie- und Fußchirurgie spezialisierte Arzt mit iranischen Wurzeln arbeitet im Berliner Gelenkzentrum. In dem Clip äußerte er sich entsetzt über das Wahlergebnis und kündigte persönliche Konsequenzen für sein Leben und seine Arbeit in Berlin an – sinngemäß auch, die Stadt zu verlassen.
Laut dem Artikel wurde das Video innerhalb kurzer Zeit 1,5 Millionen Mal angesehen. Ob Rahmanzadeh tatsächlich aus Berlin wegzieht, ist bislang unklar. Der Chirurg betonte außerdem, dass ein in seinem Beitrag verwendetes Melonenemoji nicht als Unterstützung Palästinas gemeint sei.
Sein familiärer Hintergrund verleiht der Wortmeldung zusätzlich Gewicht: Sein Vater, Prof. Dr. Rahim Rahmanzadeh, gilt als Pionier der Unfall- und Gelenkchirurgie. Er führte 1966 die erste künstliche Hüftgelenkimplantation in Deutschland durch und erhielt später das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
Koalitionssuche mit mehreren Sollbruchstellen
Für die SPD war der Wahlabend bitter. Die Partei erreichte mit Spitzenkandidat Steffen Krach rund zwölf Prozent – ihr historisch schwächstes Ergebnis in Berlin. Krach nannte es eine „Zäsur“. Die Grünen kamen auf etwa 15 Prozent und lagen damit ebenfalls unter früheren Wahlergebnissen. Die AfD steigerte sich gegenüber 2023 deutlich auf rund 14 bis 15 Prozent.
Das erstmals bei einer Abgeordnetenhauswahl angetretene BSW erreichte laut Hochrechnungen etwa fünf Prozent und könnte knapp ins Parlament einziehen. Die FDP scheiterte klar an der Fünfprozenthürde. Eine Zweierkoalition reicht voraussichtlich nicht aus, ein Dreierbündnis ist nötig.
Rechnerisch und politisch stehen vor allem zwei Varianten im Raum: Rot-Grün-Rot aus Linken, Grünen und SPD – mit einer deutlich komfortableren Mehrheit – oder ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers wollte nach dem Rückzug von Kai Wegner das Rote Rathaus für die CDU halten. Seine „Weiter-So-Kampagne“ blieb offenbar hinter den Erwartungen zurück; als möglicher Faktor wurde auch das Image der Bundes-CDU genannt.
Nach ARD-Zahlen von 19:57 Uhr hätten CDU, Grüne und SPD zusammen 79 von 159 Sitzen erreicht. Laut ZDF-Hochrechnung von 20:14 Uhr wären es 65 von 130 Sitzen gewesen. Um 20:15 Uhr war dieses Bündnis rechnerisch noch nicht möglich. Evers räumte schwierige Mehrheitsverhältnisse ein, warb aber dafür, mögliche Bündnisse auszuloten. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf und Krach schlossen eine Koalition mit der CDU ebenfalls nicht aus.
Eine Zusammenarbeit mit der AfD hatten alle Parteien vor der Wahl ausgeschlossen. Das BSW dürfte bei der Koalitionsbildung ebenfalls keine Rolle spielen. Gysi forderte die Linke auf, als stärkste Kraft Verantwortung für die gesamte Stadt zu übernehmen.
Wohnungen, Antisemitismus und harte Bedingungen
Der größte inhaltliche Knoten zwischen Linken, Grünen und SPD liegt bei der Wohnungsfrage. Die Linke unterstützt Pläne, in Berlin Hunderttausende Wohnungen zu vergesellschaften. Linke und Grüne wollen den entsprechenden Volksentscheid umsetzen, die SPD lehnt das ab. Eralp erklärte, bei Koalitionsverhandlungen auf der Vergesellschaftung zu bestehen.
Linken-Politiker Gregor Gysi schlug ein weiteres Referendum vor. Der frühere Volksentscheid habe nur empfehlenden Charakter gehabt; ein erneutes zustimmendes Votum müsste per Gesetz umgesetzt werden. Das dürfte die Gespräche nicht gerade leichter machen.
Hinzu kommen Antisemitismusvorwürfe gegen die Berliner Linke. Aus dem Neuköllner Bezirksverband gab es wiederholt umstrittene Äußerungen. Bei einer Linken-Wahlkampfveranstaltung wurde zum „Tod“ der israelischen Armee und zur Intifada aufgerufen. Bei der Wahlparty erschienen außerdem ein Anti-Israel-Aktivist und der Clan-Chef Remmo.
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, bezeichnete das Wahlergebnis als beunruhigend und forderte SPD und Grüne auf, eine Regierungsbeteiligung der Linken zu verhindern. „Intifada“ bezeichnet den palästinensischen Aufstand gegen die israelische Besatzung; Aufrufe wie „Globalize the Intifada“ werden auch als Forderung nach Angriffen auf jüdische Menschen außerhalb Israels verstanden.
Grünen-Co-Parteichef Felix Banaszak machte eine Regierungsbeteiligung seiner Partei unter Führung der Linken von einem klaren Bekenntnis gegen Antisemitismus abhängig. Der Berliner Grünen-Landesverband hatte sich wiederholt für ein Bündnis mit der Linken ausgesprochen. Jetzt liegen die Nerven blank – ein bisschen zumindest.
Was die Zahlen am Wahlabend bedeuten
Rund 2,49 Millionen Wahlberechtigte stimmten an einem Sonntag über das Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen, die BVV, ab. Bei der Abgeordnetenhauswahl wurde mit der Erststimme ein Direktkandidat oder eine Direktkandidatin in 78 Wahlkreisen gewählt. Mit der Zweitstimme entschieden sich die Wählerinnen und Wähler für eine von 17 Parteien mit Landesliste.
Für die Sitzverteilung ist die Zweitstimme maßgeblich. Das Abgeordnetenhaus besteht aus mindestens 130 Abgeordneten; Überhang- und Ausgleichsmandate können das Parlament vergrößern. Nach dem vorläufigen Ergebnis sollten 158 Abgeordnete einziehen. Für eine Regierungsmehrheit wären in diesem Fall mindestens 80 Mandate erforderlich.
Eine Wahlkarte zeigt die Ergebnisse der Parteien und Direktkandidaten in den einzelnen Wahlkreisen. Über einen Umschalter lassen sich auch die Ergebnisse der BVV-Wahlen aufrufen. Dazu kommen Grafiken zur Wählerwanderung, eine Darstellung des Wahlverhaltens verschiedener Bevölkerungsgruppen und ein Koalitionsrechner, mit dem sich mögliche Mehrheiten prüfen lassen.
Die Ergebnisse wurden am Wahlabend schrittweise veröffentlicht: ab 18 Uhr zunächst eine Prognose, anschließend mehrere Hochrechnungen und voraussichtlich in der Nacht oder am frühen Morgen das vorläufige Endergebnis. Die Angaben beziehen sich auf die Sendung „rbb24 Berlin wählt: Ergebnisse & Analysen“ vom 20. September 2026 um 20:25 Uhr.
Ob im Roten Rathaus am Ende Rot-Grün-Rot einzieht oder CDU, Grüne und SPD zusammenfinden, hängt nun an politischen Zusagen, roten Linien und sehr viel Verhandlungsgeschick. In Berlin dürfte es in den kommenden Tagen jedenfalls nicht leiser werden.
