Brasilien steht acht Tage vor der Stichwahl um das Präsidentenamt. Am 25. Oktober 2026 treten der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und der rechtsgerichtete Herausforderer Flávio Bolsonaro gegeneinander an, Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. Von der Freien Universität Berlin aus blickt der Politikwissenschaftler Günther Maihold mit einer klaren Prognose auf den Wahlsonntag: Er rechnet mit einem Sieg Bolsonaros.

Maihold spricht von einer möglichen „Wechselstimmung“ gegen eine vierte Amtszeit Lulas. Der 80-Jährige stehe auch wegen seines Alters nicht für einen politischen Neuanfang. Flávio Bolsonaro ist 45 Jahre alt und habe seine Anhänger unter anderem mit dem Thema Sicherheit mobilisiert. Dass sein Vater eine Haftstrafe verbüßt, müsse für ihn kein Nachteil sein, sagt Maihold. Die Bolsonaro-Familie habe die juristische Verfolgung vielmehr als Bestandteil ihrer politischen Kampagne dargestellt.

Ein Wahlabend mit zwei sehr unterschiedlichen Ergebnissen

Bei der ersten Runde am 4. Oktober waren mehr als 158 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, über Präsident und Vizepräsident, das Abgeordnetenhaus, zwei Drittel des Senats, alle 27 Gouverneure sowie die Parlamente der 26 Bundesstaaten und des Bundesdistrikts Brasília abzustimmen. Andere Angaben beziffern die Zahl der Wahlberechtigten mit rund 156 Millionen. Für das Präsidentenamt reichte es jedenfalls für keinen Kandidaten: Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei PL erhielt 47 Prozent, Lula von der Arbeiterpartei PT rund 45 Prozent.

Damit kommt es am 25. Oktober zur Stichwahl. Auch einige Gouverneurswahlen werden erst im zweiten Durchgang entschieden. Die übrigen Präsidentschaftskandidaten, darunter Ronaldo Caiado von der PSD, Romeu Zema von NOVO und Renan Santos von der Partei Missão, blieben im einstelligen Bereich. Santos ist 42 Jahre alt; seine Partei ging aus dem Movimento Brasil Livre hervor und will eine eigenständige rechtsliberale Kraft außerhalb der traditionellen Konfrontation zwischen PT und Bolsonarismus aufbauen.

Das Ergebnis lag deutlich über einer Datafolha-Prognose von Ende September, die Lula bei 40 und Bolsonaro bei 36 Prozent gesehen hatte. In einer Stichwahl-Prognose lagen beide bei etwa 47 beziehungsweise 45 Prozent. Beide Kandidaten weisen Ablehnungswerte von ungefähr 45 Prozent auf. Brasilianische Medien beschreiben das Duell als polarisiert, aber offen. Frühere Umfragen hatten Lula je nach Institut bei etwa 38 bis 41 Prozent und Flávio Bolsonaro bei rund 33 bis 37 Prozent gesehen; mehrere Erhebungen sahen Lula zunächst bei etwa 40 Prozent und auch in möglichen Stichwahlen vorn. Sein Vorsprung gegenüber Jahresbeginn ist allerdings kleiner geworden.

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Brasilien hat ein präsidentielles Regierungssystem. Der Präsident ist Staats- und Regierungschef, wird für vier Jahre direkt gewählt und darf einmal direkt wiedergewählt werden. Der Nationalkongress besteht aus Senat und Abgeordnetenhaus. Die 81 Senatoren werden für acht Jahre gewählt, jeder Bundesstaat und der Bundesdistrikt stellen drei. Die 513 Abgeordneten kommen für vier Jahre nach Verhältniswahl ins Parlament. Gouverneure werden ebenfalls direkt für vier Jahre gewählt. Wahlberechtigt ist, wer mindestens 16 Jahre alt ist; zwischen 18 und 70 Jahren gilt Wahlpflicht.

Sicherheit, Alter und das Erbe der Familie

Flávio Bolsonaro war 16 Jahre Abgeordneter in Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator. Er gilt als gemäßigter als sein Vater, setzt öffentliche Sicherheit aber zum Kernthema seiner Kampagne. Angekündigt hat er 500.000 neue Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors. Zudem stellte er eine Amnestie für Jair Bolsonaro in Aussicht.

Jair Bolsonaro wurde wegen seiner führenden Rolle beim Putschversuch im Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt und steht aus gesundheitlichen Gründen unter Hausarrest. Für Flávio ist das politisch dennoch kein Klotz am Bein. Die Familie präsentiert die juristische Verfolgung als Teil ihres politischen Kampfes. Auch Flávios Ankündigung, die Justiz neu zu ordnen und sie „stärker an die Zügel zu nehmen“, findet bei seiner Wählerschaft Anklang.

Sollte Bolsonaro gewinnen, erwartet Maihold eine stärkere Angleichung von Justiz und Politik, möglicherweise die Neubesetzung von Richterposten und Versuche, Einfluss auf die Medien zu nehmen. In Brasilien stehen sich grundsätzlich zwei ungefähr gleich große politische Lager gegenüber. Bolsonaro habe seine Anhänger mit einem stark auf soziale Medien ausgerichteten Wahlkampf besser erreicht als Lula.

Lulas Team wirft dem US-Konzern Meta, zu dem Facebook, Instagram und WhatsApp gehören, eine Benachteiligung vor. Beiträge des Lula-Lagers seien teilweise ohne Teilen-Button angezeigt worden, hätten geringere Reichweiten erzielt oder technische Fehler aufgewiesen. Meta wies die Vorwürfe zurück und erklärte, die Behauptung einer Bevorzugung einer politischen Seite sei falsch.

Lula bewirbt sich um seine vierte Amtszeit. Er war bereits von 2003 bis 2011 Präsident und regiert erneut seit 2023. Der Gewerkschafter stammt aus armen Verhältnissen im Nordosten und wirbt mit Arbeitsmarktreformen und Sozialprogrammen. Die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 44 Stunden an sechs Tagen will er auf 40 Stunden an fünf Tagen reduzieren. Beginnt eine neue Amtszeit im Januar 2027, wäre Lula 81 Jahre alt.

Bilanz, Belastungen und ein schwieriger Kongress

Seit Januar 2023 ist die Arbeitslosenquote Ende 2025 auf 5,1 Prozent gesunken – der niedrigste Wert seit 2012. Der Mindestlohn wurde jährlich erhöht. Seit 2026 sind Einkommen bis 5.000 Reais monatlich, etwa 845 Euro, im Rahmen einer Steuerreform steuerfrei. Die Entwaldung im Amazonasgebiet ging deutlich zurück, der Agrarsektor entwickelte sich stabil, die Exporterlöse blieben hoch, und Brasilien trat international aktiver auf.

Daneben stiegen Staatsausgaben und öffentliche Verschuldung, zeitweise kletterten die Lebensmittelpreise. Ein Betrugsskandal bei der Rentenkasse INSS führte 2025 zum Rücktritt des zuständigen Sozialministers. Viele Menschen empfinden die staatlichen Dienstleistungen weiterhin als unzureichend und die politische Elite in Brasília als zunehmend weit weg von den Problemen vor Ort.

Lulas Regierung hatte keine stabile Kongressmehrheit. Das Parlament überstimmte mehrfach präsidentielle Vetos. Im April 2026 fiel auch das Veto gegen das sogenannte Dosimetrie-Gesetz, das unter anderem Strafreduzierungen für Verurteilte im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 8. Januar 2023 ermöglicht hätte. Das Oberste Gericht setzte die Anwendung nach mehreren Verfassungsbeschwerden vorläufig aus.

Bei den Kongresswahlen wurden im Senat 54 der 81 Sitze neu vergeben. Bolsonaros PL gewann 19 Sitze und verfügt nun über 28. Das Movimento Democrático Brasileiro, MDB, gewann sieben Sitze und kommt insgesamt auf acht. Lulas PT gewann sechs Sitze und verfügt nun über neun. Im Abgeordnetenhaus wurden alle 513 Sitze neu gewählt; die PL gewann mit 121 Sitzen mit Abstand die meisten, die PT 70. Gemeinsam mit PCdoB und Grünen kommt die PT im Bündnis „Federação Brasil da Esperança“ auf 88 Sitze.

Nach dem ersten Wahlgang waren 20 von 27 Gouverneurswahlen entschieden. Die gewählten Gouverneure gehören acht verschiedenen Parteien an, über sieben Gouverneursposten wird in Stichwahlen entschieden. Für die Regierungsbildung ist das sogenannte Centrão damit wieder ein entscheidender Faktor: ein informelles Bündnis wechselnder, überwiegend mittig-konservativer und wirtschaftsliberaler Parteien und Abgeordneter. Dazu zählen MDB, PSD, União Brasil, Progressistas und Republicanos.

Diese Parteien sind regional verankert und vor allem pragmatisch ausgerichtet. Je nach Zusammensetzung kontrollieren sie mehr als die Hälfte des Abgeordnetenhauses. Unterstützung für Regierungsprojekte wird unter anderem über Ministerposten, politische Ämter und Haushaltsmittel ausgehandelt. Der Kongress befindet sich laut brasilianischen Beobachtern bereits im „Modus 2026“ – Entscheidungen werden zunehmend mit Blick auf die Wahl getroffen.

Zwischen sinkender Mordrate und wachsender Angst

Öffentliche Sicherheit, Lebenshaltungskosten, Korruption und das Verhältnis zu den USA gehören zu den zentralen Wahlkampfthemen. Die Mordrate sank 2025 auf 19,1 vorsätzliche gewaltsame Todesfälle je 100.000 Einwohner, den niedrigsten Wert seit 2012; damals waren es 27,7 Fälle. Gleichzeitig stieg die Zahl der Femizide 202