Cancel Culture in Deutschland: Viele fühlen sich frei, doch akademische Stimmen verstummen vorsorglich
Am 1. November 2026 wirkt die Debatte über „Cancel Culture“ in Deutschland noch immer größer als die Datenlage, die sie stützen soll. Eine Studie von Michael Hanzel und Fedor Dupont-Nivet untersucht den deutschen Diskurs dazu. Ihre Grundlage: sieben Befragungsstudien zu Meinungsfreiheit und Cancel Culture aus den Jahren 2019 bis 2024 sowie eine online verfügbare Fallsammlung möglicher Cancel-Culture-Ereignisse.
Der auffälligste Befund ist zunächst unspektakulär: Die Zahl der dokumentierten Fälle ist in den vergangenen Jahren nicht gestiegen. Gleichzeitig zeigen die ausgewerteten Fälle, dass Versuche, öffentliche Äußerungen zu behindern, durchaus Wirkung entfalten können. Beides passt nebeneinander – und macht die Sache, ehrlich gesagt, nicht gerade einfacher.
Was Menschen unter Druck verstehen
Die häufig zitierte Allensbach-Umfrage von 2021 befragte 1.070 Personen ab 16 Jahren persönlich. 45 Prozent sagten, man könne seine politische Meinung frei äußern, 44 Prozent verneinten das. Zwischen den politischen Lagern klaffte dabei eine deutliche Lücke: Unter AfD-Anhängern gaben 62 Prozent an, bei Meinungsäußerungen vorsichtig sein zu müssen. Unter Grünen-Anhängern lag dieser Anteil bei 31 Prozent.
Die Autoren warnen allerdings davor, solche Zahlen direkt als überprüfbare Zustandsbeschreibung zu lesen. Umfragen erfassen Wahrnehmungen und Meinungen. Unklare Begriffe können von Befragten unterschiedlich verstanden werden und dadurch künstliche Sachverhalte erzeugen. „Cancel Culture“ ist laut Studie nicht einheitlich definiert.
Julian Nida-Rümelin versteht darunter kulturelle Praktiken, die Menschen wegen abweichender Meinungen zum Schweigen bringen, aus dem Diskurs ausschließen oder ihre persönliche Lebensgestaltung beeinträchtigen sollen. Hanzel und Dupont-Nivet definieren „Canceln“ als den Versuch nichtstaatlicher Akteure, die öffentliche Meinungsäußerung von Personen, Gruppen oder Organisationen zu erschweren, zu behindern oder zu verhindern, weil deren Aussagen oder Positionen als moralisch unvertretbar gelten.
Für ihre eigene Auswertung untersuchten die Forscher die Fallsammlung der Website cancelculture.de. Zwischen Dezember 2019 und Juli 2024 fanden sie dort 657 dokumentierte Fälle. 160 Fälle, also 24 Prozent, blieben ohne Erfolg. 200 Fälle beziehungsweise 31 Prozent hatten teilweise Erfolg, 249 Fälle beziehungsweise 38 Prozent nachhaltigen Erfolg. Die genannten Anteile ergeben nicht 100 Prozent; Angaben zur Differenz macht der Artikel nicht.
Nach gesellschaftlichem Bereich fiel die Erfolgsquote unterschiedlich aus: Bei lokalen Fällen lag sie bei 60 Prozent, in der Wirtschaft bei 72 Prozent und in der Kultur bei 78 Prozent. Die Fallsammlung ist allerdings unvollständig. Das bleibt ein ziemlich großes Fragezeichen, gerade wenn aus ihr Aussagen über die tatsächliche Verbreitung abgeleitet werden sollen.
Die Hochschulen: weitgehend frei, aber nicht sorgenfrei
Eine deutschlandweit erste repräsentative empirische Studie zur akademischen Redefreiheit veröffentlichte das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) am 10. Oktober 2024. Befragt wurden anonym und digital Doktorandinnen, Postdoktorandinnen und Professorinnen verschiedener Fachrichtungen an deutschen Hochschulen. Die Studie wurde von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS ermöglicht und vom DZHW unter Beteiligung von Wissenschaftlerinnen mehrerer Universitäten durchgeführt; DIE ZEIT begleitete das Projekt journalistisch.
In die Auswertung gingen 9.083 vollständige Fragebögen ein. Insgesamt waren 54.690 Hochschulmitarbeiter eingeladen, die Teilnahmequote betrug 17 Prozent. Die Befragten beschäftigten sich unter anderem mit kontroversen Themen wie gendergerechter Sprache und dem Gaza-Krieg, aber auch mit Geschlechtsidentitäten, Nahost-Konflikt und Migration.
Rund vier von fünf Befragten bewerteten Autonomie und Forschungsfreiheit an Hochschulen als eher gut oder sehr gut. In der DZHW-Darstellung waren es rund 79 Prozent; unter Professoren lag der Anteil bei 86 Prozent. 19 Prozent bewerteten die Hochschulsituation als eher schlecht, drei Prozent als sehr schlecht. Bezogen auf die Grundgesamtheit entspricht dieser Drei-Prozent-Anteil etwa 4.400 Personen.
Die Mehrheit fühlt sich persönlich nicht in ihrer Redefreiheit eingeschränkt und berichtet auch aus dem näheren akademischen Umfeld überwiegend von keinen Einschränkungen. Hinweise auf strukturelle Einschränkungen oder eine systematische „Cancel Culture“ an Hochschulen wurden nicht festgestellt. Die Studienautoren kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass Einschränkungen der akademischen Redefreiheit kein flächendeckendes Problem sind.
Ganz glatt läuft es trotzdem nicht. Acht Prozent befürchten bei freier Forschung moralische Angriffe, sieben Prozent bei der Lehre. Sechs Prozent berichten von moralischen Abwertungen oder beruflichen Problemen im Zusammenhang mit ihrer Forschung. 14 Prozent vermieden bestimmte Forschungsthemen aus Angst vor negativen Konsequenzen, zwölf Prozent fühlten sich unter Druck gesetzt. Neun Prozent veröffentlichten Forschungsergebnisse aus Sorge vor negativen Folgen nicht.
1,7 Prozent hatten in den vergangenen zwei Jahren aus Sorge vor Druck oder negativen Konsequenzen eine Lehrveranstaltung abgesagt oder abgebrochen. Hochgerechnet gaben 6.477 wissenschaftlich Beschäftigte an, in diesem Zeitraum berufliche Probleme wegen der freien Gestaltung ihrer Lehre gehabt zu haben.
Frauen und nicht-binäre Personen berichten häufiger von persönlichen Einschränkungserfahrungen als Männer. Auch Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen schildern solche Erfahrungen etwas häufiger als Angehörige anderer Fächergruppen. Moralische Diskreditierungen und berufliche Nachteile seien daher kein reines Randphänomen, heißt es in der Studie – die Erfahrungen unterschieden sich nach Status, Fach und Geschlecht.
Kontroverse Themen, politische Schieflagen
Die Mehrheit hält kontroverse Forschung und Diskussionen zu Geschlechtsidentitäten, Rüstungsforschung und Atomkraft für zulässig. Bei gesellschaftlich umstrittenen Themen wie Embryonenforschung und Klimawandel gehen die Auffassungen jedoch auseinander. Etwa ein Drittel findet, dass an Universitäten auch die Leugnung des Klimawandels erlaubt sein sollte. Nur sieben Prozent befürworten, dass die Ablehnung des Grundgesetzes an Hochschulen erlaubt sein sollte.
Das deutsche Wissenschaftssystem ist politisch eher links positioniert: 53,4 Prozent ordnen sich der politischen Mitte zu, 37,6 Prozent links davon und etwa zehn Prozent rechts davon. 29 Prozent sprechen sich dafür aus, die Verweigerung gendersensibler Sprache zu verbieten. Eine Mehrheit lehnt parteiübergreifend die Position ab, Israel als Staat nicht anzuerkennen.
Die Wissenschaftlerinnen, die an der Ausarbeitung beteiligt waren, kommen unter anderem vom DZHW sowie von Universitäten in Berlin, München, Frankfurt am Main, Bremen und Mannheim. Genannt werden Gregor Fabian, Mirjam Fischer, Julian Hamann, Uwe Schimank, Christiane Thompson, Richard Traunmüller und Paula-Irene Villa. Von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS waren Anna Hofmann und Matthias Koch beteiligt. Ein Kurzbericht mit Ergebnissen, Details und Angaben zur Methodik ist unter https://doi.org/10.31235/osf.io/mycjs verfügbar.
Frei sprechen heißt nicht automatisch, gehört zu werden
Die Autoren der Cancel-Culture-Studie kritisieren, dass dem deutschen Diskurs valide und zuverlässige Daten fehlen. Sie stellen infrage, ob „Cancel Culture“ wissenschaftlich verwendet werden sollte, weil der Begriff die Existenz eines solchen Phänomens bereits nahelegt. Vorgeschlagen wird deshalb die Formulierung „vermeintliches“ oder „unterstelltes Phänomen der Cancel Culture“ – die endgültige Bewertung lassen die Autoren offen.
Nach ihrer Auswertung fühlt sich die ausdrücklich befragte Mehrheit der Bevölkerung nicht in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt. Gleichzeitig deutet die untersuchte Fallsammlung auf eine erhebliche Wirksamkeit von Cancel-Aufrufen hin. Menschen, die sich tatsächlich nicht völlig frei äußern können, könnten in Umfragen zurückhaltender antworten. Auch rechtliche Rahmenbedingungen können zu vorsichtiger Kommunikation führen, etwa die mögliche Überwachung von Websites durch Landesmedienanstalten.
Ein nachhaltiges vollständiges Unterbinden von Meinungsäußerungen findet laut Studie nur selten statt. Das bedeutet aber nicht, dass jede Äußerung öffentliches Gewicht bekommt. Wer ignoriert wird – insbesondere durch Journalismus –, kann sich formal äußern und trotzdem keinen öffentlichen Einfluss erreichen.
Meldestellen und Forderungen nach strengeren Strafen könnten zudem einen sogenannten Chilling-Effekt auslösen: Menschen halten sich dann vorsorglich mit Meinungs- oder Kunstäußerungen
