Vor dem Rathaus in Kassel sammeln sich an diesem Samstag, 1. November 2026, Jugendliche, Studierende, Eltern und Großeltern. Um 14 Uhr beginnt unter dem Motto „Gen Z steht auf“ die Demonstration der bundesweiten Initiative „Gen Z regelt“, die in mehr als 30 deutschen Städten zu Protesten aufgerufen hat. Auf der Website der Initiative haben sich mehr als 160.000 Menschen für die Proteste angemeldet. In über 30 weiteren Städten sind assoziierte Demonstrationen angekündigt. Die Initiative vertritt dabei ausschließlich die Proteste in den Städten, in denen sie selbst organisiert ist.

Wie viele Menschen in Kassel tatsächlich dabei sind, bleibt eine Frage der Zählweise: Die Veranstalter sprechen von bis zu 1.300 Teilnehmern, die Polizei von 500 bis 600. Es ist laut, aber nicht chaotisch. Viele halten Schilder hoch, aus der Menge kommen Rufe, zwischendurch brandet Applaus auf. Obwohl die Kundgebung ausdrücklich an die Generation Z gerichtet ist, sind auch ältere Menschen gekommen. Eine 60-jährige Lehrerin sagt, sie demonstriere aus Solidarität für die Zukunft der nächsten Generation. Die 62-jährige Ulli Wunderlich, die fünf Enkel hat, wolle „friedlich aufstehen“.

Wehrpflicht, Preise und marode Schulen

Wegen Ausschreitungen bei Jugendprotesten in Frankreich hatten Sicherheitsbehörden bundesweit mit möglichen Zwischenfällen gerechnet. In Kassel ist die Polizei stark vertreten, doch die Demonstration verläuft ohne Zwischenfälle. Zu Beginn sagt eine Rednerin, niemand wolle in den Krieg ziehen. Mehrfach skandiert die Menge: „Nie wieder Wehrpflicht“.

Ein 21-jähriger Student ist auch deshalb gekommen. Ihn beschäftigen die Wehrpflicht, die anstehende Abstimmung über eine Zivilklausel an der Universität Kassel und steigende Preise. Auf den Plakaten und in den Gesprächen tauchen außerdem hohe Lebenshaltungskosten, Sozialabbau, marode Schulen und Nebenjobs von Auszubildenden auf. Mitorganisator Sali sagt, jeder zweite Auszubildende habe einen Nebenjob.

Die Forderungen der Initiative reichen über Kassel hinaus: bessere Schulen, konsequenterer Klimaschutz, keine Wehrpflicht und eine stärkere politische Beteiligung junger Menschen. Vertreter aus Köln, München, Frankfurt und Berlin erklären, sie fühlten sich von der Politik seit Jahren ignoriert. Ihr Demonstrationsrecht wollten sie so lange nutzen, bis ihre Anliegen berücksichtigt würden. Für viele Beteiligte ist es der erste Protest auf der Straße – und der erste direkte Kontakt mit der Presse.

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Die 17-jährige Marie Hacker aus Köln engagiert sich bei Fridays for Future und in der Landesschülervertretung. Sie berichtet von überfüllten Klassen, Lehrermangel, nicht renovierten Schulgebäuden und Unterricht in Containern. Viele Jugendliche fühlten sich im Schulalltag nicht gehört und nicht einbezogen, sagt Hacker. Auch die berufliche Zukunft mache ihr Sorgen: Sie zweifle, wie sie später eine Arbeit finden solle. Laut einer IW-Studie entfallen in Deutschland 9,2 Prozent der Gesamtausgaben auf Bildung. In den nordischen Ländern sind es 12,4 Prozent, im EU-Durchschnitt 9,6 Prozent.

Der 25-jährige Philosophiestudent Maximilian Kisters aus Düsseldorf nennt vor allem Lebenshaltungskosten und Wohnraum als Probleme. Ein WG-Zimmer in Düsseldorf kostet durchschnittlich 563 Euro im Monat. Gestiegene Lebenshaltungskosten und Stellenabbau setzen junge Erwachsene zusätzlich unter Druck. Bildungsforscher sehen darin eine Frustration, die in diesem Umfang bei früheren Generationen nicht bestanden habe.

Eine Bewegung zwischen vielen Anliegen

Nicht jede Verbindung auf dem Demonstrationszug leuchtet sofort ein. Jebril Daghfous vom Jugendparlament kritisiert zunächst, dass viele unterschiedliche Themen miteinander verbunden würden. Nach Gesprächen während der Versammlung erklärt er, die Verbindung der Anliegen nun besser nachvollziehen zu können. Aus den verschiedenen Forderungen könne eine Bewegung entstehen, sagt Daghfous. Dass so viele Jugendliche friedlich zusammenkommen, begrüßt er.

Gerufen werden „Alle zusammen gegen den Faschismus“, „Ganz Kassel hasst die CDU“ und „Viva, viva Palästina“. Eine Rednerin berichtet von Gesprächen mit Jugendlichen aus Frankreich. Eine 18-jährige Schülerin verweist auf Frankreich, Belgien und die Niederlande und hofft auf eine internationale Protestbewegung.

Der Zug führt vom Rathaus über die Untere Königsstraße, Jägerstraße und Mauerstraße. Anders als geplant endet er nicht am Königsplatz, sondern führt über Rathaus, Stände- und Scheidemannplatz zurück zum Stern. Einige Passanten beobachten den Zug skeptisch. Vor einer Bäckerei am Stern gibt es Applaus. Gleichzeitig findet in Kassel die Veranstaltung „Casseler Freyheit“ statt, weshalb die Innenstadt mit Pollern abgesperrt ist.

In Göttingen beteiligen sich ebenfalls etwa 1.000 Menschen an einer Demonstration. In einigen Städten hatten sich Ladenbesitzer und Gewerbetreibende vorsorglich vorbereitet; in Düsseldorf verbarrikadierten einige ihre Geschäfte. Polizei und Verfassungsschutz beobachten die Lage, gehen derzeit aber nicht von einer Eskalation aus. Die Vertreter von „GenZ regelt“ distanzieren sich von Gewalt und kündigen friedliche Proteste an.

Für das Bildungssystem sieht die Bildungs- und Jugendforscherin Nina Kolleck einen seit Jahrzehnten bestehenden und sich verschlechternden Zustand. Überlastete Lehrkräfte und schlechte PISA-Ergebnisse verstärkten den Eindruck, dass bei Kindern und Jugendlichen gespart werde. Die Leistungen deutscher 15-Jähriger in Mathematik und Lesen sind laut den genannten PISA-Ergebnissen erneut gesunken. Rund ein Drittel erreicht dort nicht das Mindestniveau. Im Vorjahr wurden in allen drei getesteten Kompetenzbereichen die niedrigsten in Deutschland gemessenen PISA-Werte festgestellt.

Kolleck hält die Forderungen für legitim. Im Namen „GenZ regelt“ sieht sie ein Signal an die Politik: Die Anliegen junger Menschen würden zu wenig berücksichtigt, obwohl die Gesellschaft wegen des demografischen Wandels auf junge Menschen angewiesen sei. Als Gründe für die geringe politische Berücksichtigung nennt sie das Wahlrecht und die Altersstruktur der Bevölkerung. Parteien der politischen Mitte konzentrierten sich stärker auf ältere Wähler, weil diese bei Wahlen den größeren Einfluss hätten. Kolleck warnt vor wachsendem Jugendfrust und der Sorge, Deutschland wegen fehlender Zukunftsperspektiven verlassen zu müssen.

Zwischen Social Media und dauerhafter Bewegung

Der Blick über Deutschland hinaus zeigt, dass junge Menschen weltweit Proteste organisieren und politische Konsequenzen fordern. Beispiele gab es 2025 in Nepal, Madagaskar und Marokko. Der CIVICUS-Bericht 2026 beschreibt, wie sich junge Menschen über soziale Medien vernetzen, Forderungen formulieren und politischen Druck aufbauen.

Rüdiger Maas, Leiter des Instituts für Generationenforschung, nennt als verbindende Themen verschiedener Länder fehlenden Fortschritt, die Angst vor einem niedrigeren Lebensstandard als die Elterngeneration und fehlende Zukunftsperspektiven. In Deutschland bleibt die Frage offen, ob eine eigenständige politische Bewegung entsteht oder ob die Proteste vor allem durch internationale Bilder und soziale Medien angeregt werden.

Das Institut beobachtete Proteste in Albanien und Frankreich vor Ort. In Albanien fiel die Ausdauer der Protestierenden auf. Nach den qualitativen Eindrücken des Teams beteiligten sich Menschen verschiedener politischer Orientierungen, darunter konservativ geprägte Gruppen. Ein 19-jähriger Teilnehmer erklärte, die Bewegung sei weder links noch rechts und protestiere seit 140 Tagen friedlich gegen Regierung und Opposition. In Frankreich nahm das Team ein deutlich linksorientiertes Protestumfeld wahr. Eine 22-jährige Französin sagte, bei Demonstrationen komme es dort häufig zu brennenden Gegenständen, erwartete aber weniger gewaltsame Proteste der deutschen Generation Z.

Diese Beobachtungen aus Albanien und Frankreich sind nicht repräsentativ. Die Generation Z gilt als politisch nicht homogen. Für Deutschland erwartet das Institut eher eine stärker geordnete Protestkultur als in Teilen Frankreichs. Ob das so bleibt, soll sich im weiteren Verlauf zeigen.

Wut allein reicht laut Institut für Generationenforschung nicht aus. Entscheidend seien konkrete politische Wirkung und nachhaltiges Engagement. Für deutsche Protestbewegungen stellen sich deshalb praktische Fragen: Welche konkreten Veränderungen werden gefordert? Wer ist für die Umsetzung verantwortlich? Und wie lange hält das Engagement nach dem Ende der öffentlichen Aufmerksamkeit an?

Die Jugendtrendstudie 2026 des Instituts, erstellt mit der Universität Augsburg, beschreibt zunehmende Einsamkeit und sozialen Rückzug junger Menschen. Eine Studie der Vodafone Stiftung von 2026 ergab, dass sich knapp die Hälfte der befragten 14- bis 20-Jährigen häufig oder gelegentlich einsam fühlt. Ob gemeinsamer Protest neben politischem Einfluss auch Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit vermitteln kann, ist eine Forschungsfrage – bislang aber keine gesicherte Erklärung für die aktuellen Protestbewegungen.

Maas betont, dass die Ursachen von Protesten je nach