Med Berlin, 2. Oktober 2026 – Mohammad ist 19 Jahre alt und musste seit seiner Geburt ungefähr alle drei Wochen Blut bekommen. Der Grund: eine schwere, transfusionsabhängige Beta-Thalassämie. Jetzt kann er seinen Alltag wieder normal führen. Vier Monate nach einer Gentherapie an der Charité Berlin ist er laut Klinik nicht mehr auf Bluttransfusionen angewiesen.

Am 28. Mai erhielt Mohammad Exagamglogene Autotemcel, kurz Exa-cel. Die Behandlung erfolgte im Rahmen der regulären Versorgung – und war damit die erste Anwendung eines auf der Genschere Crispr basierenden Medikaments in Deutschland außerhalb einer klinischen Studie. Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier war dabei. Sie hatte Crispr 2012 gemeinsam mit Jennifer Doudna erstmals beschrieben.

Eine Therapie, die Blutbildung neu startet

Exa-cel ist das weltweit erste zugelassene Crispr-Medikament. In Europa darf es seit 2024 unter Auflagen bei bestimmten Patienten mit transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie oder schwerer Sichelzellkrankheit eingesetzt werden. Entwickelt wurde es von Crispr Therapeutics, einem von Charpentier mitgegründeten Unternehmen, und dem US-Konzern Vertex Pharmaceuticals.

Die Anwendung ist nur an spezialisierten Zentren erlaubt. Nach eigenen Angaben ist die Charité das erste entsprechend qualifizierte Zentrum Deutschlands. Bei Beta-Thalassämie sorgt ein Gendefekt dafür, dass der Körper zu wenig funktionsfähiges Hämoglobin bildet – jenes Eiweiß, das Sauerstoff durch den Körper transportiert. Weltweit werden jährlich etwa 60.000 Kinder mit der schweren Form geboren. Ohne Behandlung sterben Betroffene oft schon im Kleinkindalter.

Die regelmäßigen Bluttransfusionen retten Leben, können auf Dauer aber unter anderem eine schädliche Eisenüberladung der Organe verursachen. Eine Heilung war bislang vor allem durch eine Stammzelltransplantation von einem passenden Spender möglich. Laut Charité-Oberärztin Lena Oevermann kommt diese Option meist nur bis zum 14. Lebensjahr infrage, weil danach die Komplikationsrisiken zu hoch sind. Mohammad war dafür bereits zu alt. Nach einer Einzelfallprüfung übernahm seine Krankenkasse die Gentherapie.

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Dafür wurden zunächst seine Blutstammzellen aus dem Knochenmark ins Blut mobilisiert, entnommen und an Labore des Herstellers in den Niederlanden geschickt. Dort aktivierte Crispr ein Gen, das normalerweise nur im Mutterleib genutzt wird und die Bildung von fötalem Hämoglobin steuert. Dieses Hämoglobin kann Sauerstoff ebenso gut transportieren wie die Form, die Erwachsene normalerweise im Blut haben.

Nach monatelanger Qualitätsprüfung und einer Chemotherapie zur Vorbereitung des Knochenmarks bekam Mohammad mehr als 900 Millionen veränderte Stammzellen per Infusion zurück. Nach 40 Tagen begann sein Körper, fötales Hämoglobin zu bilden. Inzwischen bestehen laut Charité etwa 85 Prozent seines Hämoglobins aus der fötalen Form; der Gesamt-Hämoglobinwert liegt im Normbereich. Rund sechs Wochen nach der Infusion konnte er die Klinik verlassen. Nun möchte er eine Ausbildung beginnen.

Erste Daten aus Zulassungsstudien

Die Phase-III-Zulassungsstudie bei transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie umfasste 52 Patienten. Als primärer Endpunkt galt ein durchschnittlicher Hämoglobinwert von mindestens 9 g/dl ohne Erythrozytentransfusionen über mindestens zwölf aufeinanderfolgende Monate. Ausgewertet wurden 35 Patienten mit einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von 20,4 Monaten. 32 von ihnen, also 91 Prozent, erreichten dieses Ziel.

Bei der Sichelzellkrankheit nahmen 44 Patienten an der Phase-III-Zulassungsstudie teil. Hier durfte es über mindestens zwölf aufeinanderfolgende Monate keine schweren vasookklusiven Krisen geben. Von 30 ausgewerteten Patienten, die durchschnittlich 19 Monate behandelt worden waren, erreichten 29 den primären Endpunkt – 97 Prozent.

Die Zulassung stützte sich auf die Studien CLIMB SCD-121 zur Sichelzellkrankheit und CLIMB Thal-111 zur transfusionsabhängigen Beta-Thalassämie sowie auf die laufende offene Langzeitstudie CLIMB-131. Langzeitdaten mit einer Nachbeobachtung von mehr als fünf Jahren zeigten einen anhaltenden klinischen Nutzen.

Bei der Sichelzellkrankheit erreichten 39 von 42 Patienten, also 93 Prozent, mindestens zwölf aufeinanderfolgende Monate ohne vasookklusive Krisen. 98 Prozent wurden wegen solcher Krisen nicht stationär aufgenommen. Die Krisenfreiheit dauerte im Durchschnitt 30,9 Monate, maximal 59,6 Monate. Drei Patienten hatten den Zwölf-Monats-Endpunkt noch nicht erreicht, zeigten aber dennoch einen klinischen Nutzen: kein akutes Thoraxsyndrom sowie Rückgänge der Krankenhausaufenthalte um 91,7 Prozent, 1 Prozent beziehungsweise 100 Prozent.

Bei der transfusionsabhängigen Beta-Thalassämie erreichten 53 von 54 auswertbaren Patienten, also 98 Prozent, mindestens zwölf aufeinanderfolgende Monate ohne Transfusionen. Dabei lag der gewichtete durchschnittliche Hämoglobinwert bei mindestens 9 g/dl. Die Transfusionsunabhängigkeit dauerte durchschnittlich 34,5 Monate und maximal 64,1 Monate. Der einzige Patient ohne diesen Endpunkt war seit 8,2 Monaten transfusionsfrei. Bei allen Patienten stiegen Gesamt- und fötales Hämoglobin dauerhaft an; die Wirksamkeit zeigte sich unabhängig von Alter und Genotyp.

Hoffnung mit langem Beipackzettel

So erleichternd die Nachricht aus Berlin klingt: Die Behandlung ist kein kurzer Eingriff und schon gar kein Spaziergang. Die vorbereitende Chemotherapie kann schmerzhafte Schleimhautentzündungen verursachen, die Leber schädigen und wahrscheinlich unfruchtbar machen. Zur langfristigen Sicherheit und Wirksamkeit liegen noch keine ausreichenden Daten vor.

Deshalb müssen alle behandelten Patienten laut Zulassung 15 Jahre lang nachbeobachtet werden. Eine Langzeitstudie soll voraussichtlich bis 2039 untersuchen, wie wirksam Exa-cel bei beiden Erkrankungen bleibt. Mohammad hat inzwischen wieder Pläne für die nächsten Monate. Erst einmal: Ausbildung. Und hoffentlich mehr Alltag als Klinik.