FU Berlin, 4. November 2026 – Der Mars ist längst nicht so ruhig, wie er von Weitem wirkt. Neue Daten der ExoMars-Mission liefern Hinweise darauf, dass der Planet möglicherweise noch immer vulkanisch aktiv ist. In der Marsatmosphäre wurde 2021 Chlorwasserstoff nachgewiesen, ein Gas, das häufig bei vulkanischen Prozessen entsteht.

Die Messungen stammen vom Trace Gas Orbiter (TGO), einer Raumsonde der Esa und Roskosmos. Seit Oktober 2016 umkreist der ExoMars Trace Gas Orbiter den Mars, untersucht Spurengase in der Atmosphäre – also Stoffe, die nur in sehr geringen Konzentrationen vorkommen – und dient zusätzlich als Relaisstation für NASA-Missionen. Zusammen mit feinen Rissen in der Marsoberfläche ergibt sich daraus ein ziemlich spannender Verdacht: Unter dem roten Staub könnten noch Magmakammern schlummern.

Ein Gas am falschen Ort

Ein internationales Forschungsteam entdeckte im Frühsommer große Mengen Chlorwasserstoff (HCl) über Spalten des Vulkans Alba Mons. Das ist insofern knifflig, als HCl auf dem Mars zwar regelmäßig auftritt und mit den Staub- und Wasserkreisläufen sowie den Jahreszeiten verbunden ist. Üblicherweise liegt das Maximum im Winter der Nordhalbkugel. Über Alba Mons wurde das Gas aber im Nordsommer gefunden – zu einer Zeit, in der die Atmosphäre kalt, trocken und staubarm ist.

Bisher erklärten Forschende das Auftreten durch Reaktionen von salzhaltigem Staub mit Wasserdampf. Auf der Erde gilt Chlorwasserstoff hingegen als Hinweis auf vulkanische Aktivität. Die neue Interpretation: Magmatische Gase könnten durch feine Risse nach oben gelangen, ähnlich wie bei irdischen Fumarolen. Aufnahmen der TGO-Kamera CaSSIS zeigen an den Flanken von Alba Mons frische Spalten, teilweise mehrere hundert Meter lang. Durch sie könnten Gase aus dem Marsinneren an die Oberfläche gelangen.

Auch der zeitliche Ablauf passt möglicherweise dazu. Im kalten Marswinter können Temperaturen bis etwa minus 120 Grad Celsius die Risse mit Eis verschließen. Wenn das Eis im frühen Sommer schmilzt, könnten die Gase wieder austreten. Der Planetenforscher Ralf Jaumann bewertet den Nachweis als starkes Indiz dafür, dass im Marsinneren Wärme freigesetzt wird.

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Ein alter Planet mit Restwärme

Vulkanismus ist auf dem Mars grundsätzlich nichts Neues. Der Planet besitzt zahlreiche große Vulkane, darunter den bis zu 26 Kilometer hohen Olympus Mons, den größten bekannten Vulkan im Sonnensystem. Ob diese Vulkane erloschen oder weiterhin aktiv sind, ist allerdings ungeklärt. Frühere Beobachtungen deuteten bereits darauf hin, dass einige Marsvulkane in den vergangenen Millionen Jahren aktiv waren.

Die jüngsten bekannten Lavaströme sind nach bisherigen Schätzungen höchstens etwa 50.000 Jahre alt, könnten wegen von Messunsicherheiten aber auch jünger sein. Ihr Alter wird unter anderem anhand der Anzahl von Einschlagskratern bestimmt: Je mehr Krater eine Oberfläche trägt, desto länger liegt sie vermutlich schon offen. Frische Lavaflüsse wurden bisher jedoch nicht beobachtet. Marsbeben sind registriert worden, eindeutig mit Vulkanen verbundene Eruptionen ebenfalls nicht.

Neu an den aktuellen Ergebnissen ist deshalb der mögliche Hinweis auf gegenwärtige vulkanische Aktivität – oder zumindest auf einen schlafenden Vulkanismus. Eine internationale Forschungsgruppe um Alexander Trokhimovskiy kommt in einer am 4. November in Science Advances veröffentlichten Studie zu diesem Schluss. Die Studie trägt den Titel „Enigmatic HCl detections as a potential signature of igneous activity on Mars“.

Der Mars entstand vor etwa 4,5 Milliarden Jahren aus der protoplanetaren Scheibe der Sonne. Beim Zusammenballen schwerer Elemente, insbesondere Eisen, wurde das Gestein durch Reibung erhitzt; der junge Planet bestand zunächst aus geschmolzenem Gestein. Durch die Abkühlung bildete sich eine feste Kruste. Wärme aus dem Inneren führte später zu Rissen und zur Entstehung von Vulkanen. Zusätzlich liefert der radioaktive Zerfall von Uran, Thorium und Kalium Energie.

Nach Einschätzung Jaumanns ist der Marsmantel größtenteils erstarrt, aber nicht vollständig. Der Eisenkern ist laut Messungen der NASA-Sonde InSight weitgehend flüssig, erzeugt jedoch kein globales Magnetfeld. Im oberen Mantel oder in der Kruste könnten weiterhin Magmakammern existieren. Aufgeschmolzenes Gestein könnte wegen seines Auftriebs nach oben steigen und dort gefrorene Materialien sublimieren lassen. Das entweichende Gas könnte der TGO registriert haben.

Was das für die Suche nach Leben bedeutet

Vulkanische Gase könnten die Marsatmosphäre in der Vergangenheit verdickt und die Durchschnittstemperatur erhöht haben. Die Esa hält es für möglich, dass früher große Teile der Marsoberfläche von flüssigem Wasser bedeckt waren. Durch aufsteigende Lava und den Kontakt mit Grundwasser könnten sich erwärmte, lebensfreundliche Nischen gebildet haben. Flüssiges Wasser wird von Forschenden auch tief unter der heutigen Marsoberfläche vermutet.

In den Spalten von Alba Mons könnten aktive hydrothermale Systeme Mikroorganismen Energie und chemische Grundstoffe liefern und sie zugleich vor den harten Bedingungen an der Oberfläche schützen. Genau deshalb gelten die Risse als möglicher neuer Ort für die Suche nach Leben auf dem Mars. Nicht nach kleinen grünen Männchen, wohlgemerkt, sondern nach einfachen Organismen – falls dort überhaupt noch etwas lebt.

Die Forschungsgruppe kombinierte für ihre Untersuchung atmosphärische und geologische Analysen. Das zeitweise Auftreten und Verschwinden von Chlorwasserstoff war bislang vor allem mit den Staub- und Wasserkreisläufen des Mars erklärt worden. Nun kommt eine zweite Möglichkeit hinzu: Gase aus dem Untergrund, die durch Risse entweichen und saisonal durch Eis blockiert oder freigegeben werden.

Colin Wilson, ESA-Projektwissenschaftler, bezeichnete die Erkenntnisse als möglichen größten Erfolg der TGO-Mission. Ganz geklärt ist damit trotzdem nichts. Es gibt weder beobachtete neue Lavaströme noch eine eindeutig dokumentierte Eruption. Aber irgendwo unter Alba Mons könnte Wärme weiterarbeiten, langsam, unsichtbar und ziemlich hartnäckig.