CROSS-EMS: Wie grenzüberschreitende Rettung ohne Sprachbarrieren funktionieren kann
Wenn ein Notruf nahe der Grenze eingeht, darf Hilfe nicht an Zuständigkeiten, Funknetzen oder Sprachbarrieren hängen bleiben. Genau darum geht es bei der bundesweiten Fachkonferenz CROSS-EMS, die am 30. Oktober in Berlin stattfindet. Rund 150 Teilnehmende aus Rettungsdiensten, kommunalen Verwaltungen, Notfallmedizin, Didaktik und Sprachwissenschaft werden erwartet – unter anderem aus Frankreich, Polen, Dänemark, Tschechien und deutschen Bundesländern mit Außengrenzen.
Veranstaltungsort ist die Berliner Mauerstraße. Ausgerichtet wird die Konferenz von der Universitätsmedizin Greifswald, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Dorothea Orsson und der Notfallmediziner Lutz Fischer koordinieren das Projekt und seine inhaltliche Konzeption. Projektleiter Klaus Hahnenkamp hebt die Bedeutung einer schnellen, zuverlässigen und koordinierten Zusammenarbeit von Rettungsleitstellen und Einsatzkräften über nationale Grenzen hinweg hervor.
Vom Modellprojekt zur einsatzfähigen Lösung
Im Mittelpunkt steht nicht die nächste Grundsatzdebatte über europäische Zusammenarbeit, sondern die praktische Frage: Was hilft Patientinnen und Patienten kurzfristig – und funktioniert das dann auch unter realen Einsatzbedingungen? Die Fachleute beraten über die Voraussetzungen für eine zuverlässige grenzüberschreitende Rettungskette. Unterschiedliche Rettungsdienstsysteme, Zuständigkeiten, Alarmierungsverfahren, technische Voraussetzungen und Sprachbarrieren sollen die Zusammenarbeit künftig weniger erschweren.
Aus einzelnen Projekten sollen übertragbare Lösungsansätze entstehen. Bewährte Verfahren aus erfolgreichen Modellprojekten werden deshalb auf wiederkehrende Probleme abgeklopft. Ein Ergebnisbericht soll die Lösungen dokumentieren und zeigen, wie sie zuverlässig, effizient und dauerhaft eingesetzt werden können. Daraus sollen konkrete Handlungsempfehlungen für die anschließende Umsetzung hervorgehen.
Die Konferenz hat drei Schwerpunkte: operative Kooperationsmodelle im grenzüberschreitenden Rettungsdienst, Kommunikation und Alarmierung bei Einsätzen über Grenzen hinweg sowie technische und organisatorische Interoperabilität. Zunächst werden Erfahrungen aus europäischen Grenzregionen in zwei Plenarsitzungen vorgestellt. Danach geht es in drei parallele Workshops. Dort prüfen die Teilnehmenden, ob sich die Ansätze auf andere Regionen übertragen lassen, übersetzen sie in praktische Empfehlungen und sprechen auch über Hindernisse aus dem Einsatzalltag – also über jene kleinen Reibereien, die im Ernstfall plötzlich sehr groß werden.
Die Universitätsmedizin Greifswald bringt Erkenntnisse aus den EU-kofinanzierten Projekten InGRiP, GeKoM und NaReT ein. Dabei geht es um operative Kommunikation, gemeinsame Einsatzvorbereitung, die Abstimmung der beteiligten Strukturen sowie um die Entwicklung und Erprobung organisatorischer und praktischer Lösungen.
Digitale Hilfe für zwei Länder
Wie solche Strukturen weiter ausgebaut werden können, zeigt der Blick auf ein grenzüberschreitendes Rettungsdienstprojekt beim Bayerischen Roten Kreuz. Nach der Etablierung des Zentrums für grenzüberschreitenden Rettungsdienst sollen medizinische Einrichtungen beider Länder digital für Bürger und Institutionen zugänglich werden.
Geplant ist unter anderem eine sprachunabhängig nutzbare Notruf-App. Sie könnte automatisierte Notrufe an die zuständigen Leitstellen in der jeweiligen Landessprache senden und die nächstgelegene medizinische Einrichtung sowie den nächstgelegenen Arzt anzeigen. Der im Projekt entstehende Klinikatlas soll digitalisiert und aktualisiert werden; Grundlage dafür sind die Ergebnisse des Projekts GüRD 1.
Auch nach der Einweisung in ein Krankenhaus jenseits der Grenze soll niemand völlig auf sich allein gestellt sein. Für Angehörige und medizinische Einrichtungen ist ein rund um die Uhr erreichbares, zweisprachig besetztes Hilfetelefon vorgesehen. Die Einsatzdokumentationen sollen weiterhin in der jeweiligen Landessprache erstellt werden. NIDA-Pads in den Rettungswagen könnten die Dokumentation bei Patientenübergaben oder beim Ausdruck in die Sprache der anderen Seite übersetzen.
Zwölf Bausteine für den Rettungsdienst ohne Grenzzaun
Das Projekt umfasst zwölf Kernaktivitäten:
- Notruf-App: Automatisierte Notrufe an die zuständigen Leitstellen in der jeweiligen Landessprache.
- Digitaler Klinikatlas: Aktualisierung und Digitalisierung des Klinikatlasses als Folgeprojekt von GüRD 1.
- Zweisprachige Einsatzdokumentation: Ergänzung der Dokumentationstools um eine Übersetzungsfunktion.
- Luftrettung: Anpassung der Luftrettung an die Anforderungen beider Länder.
- Kurzzeitpraktika und Konferenzen: Schnupperpraktika im Nachbarland sowie Konferenzen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen.
- Gemeinsame Einsatzleitung: Harmonisierung der gemeinsamen Leitung der Einsatzlogistik.
- Schulungen in Rettungswachen: Vor-Ort-Schulungen für Personal entlang der Grenze.
- Arbeitsgruppe Grenze: Beteiligung aller Betreiber der Notfallrettung auf bayerischer Seite sowie der Rettungsdienste aus den Bezirken Karlsbad, Pilsen und Südböhmen.
- Hilfetelefon für Angehörige: Einrichtung einer rund um die Uhr erreichbaren Anlaufstelle bei Einweisung in ein fremdsprachiges Krankenhaus.
- Gemeinsame Übungen „Salvator II“: Strategieübungen im BRK-Simulationszentrum in Regensburg.
- Abgleich und Anerkennung der Rettungssanitäter-Ausbildung: Vergleich von Grundlagen und Lehrplänen sowie Anerkennung der Qualifikationen.
- Update Babylon 2: Optimierung der Kommunikation zwischen den Leitstellen.
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