Darmkrebsvorsorge: Warum Bewegung, Rauchstopp und Koloskopie Leben retten können
Med Berlin, 6.10.2026 – Skander Bouassida kennt den Darm nicht nur aus dem Lehrbuch. Der Chirurg, Viszeralchirurg und Proktologe ist Chefarzt der Klinik für Koloproktologie und Leiter des Viszeralonkologischen/Darmzentrums am Vivantes Humboldt-Klinikum. Gerade ist er 50 geworden. Damit steht bei ihm selbst jene Untersuchung an, die er als wichtigste und sicherste Maßnahme der Darmkrebsvorsorge bezeichnet: die erste Vorsorgekoloskopie. Geplant ist sie für den Herbst.
Als junger Erwachsener war Bouassida Kettenraucher. Seit 19 Jahren raucht er nicht mehr. Der Ausstieg gelang nach mehreren schwierigen Monaten – mit Radfahren, Boxen, Bergsteigen und Laufen. Preiserhöhungen für Tabak und Rauchverbote in öffentlichen Räumen hätten ihm dabei ebenfalls geholfen. Rauchen gilt als einer der stärksten vermeidbaren Risikofaktoren für zahlreiche Krebsarten, darunter Darm- und Analkrebs. Tabak- und Cannabiskonsum setzen den Körper vielen krebserregenden Stoffen aus, die nicht nur die Atemwege, sondern auch den Verdauungstrakt betreffen können.
Vier Regeln, die im Alltag zählen
Als Arzt, Vater und Bürger bewertet Bouassida die Legalisierung von Cannabis kritisch. Für Jugendliche, sagt er, sei sie ein problematisches Signal. Seine vier Empfehlungen zur Krebsprävention sind deutlich unspektakulärer: nicht rauchen oder mit professioneller Hilfe aufhören, regelmäßig Bewegung einplanen – inklusive Krafttraining –, Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen und auf Fettmasse und Körpergewicht achten. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern aus gesundheitlichen.
Übergewicht, vor allem viszerales Bauchfett, erhöht das Risiko für verschiedene Krebsarten, besonders für Darmkrebs. Dieses Fettgewebe ist hormonell und entzündlich aktiv und kann chronische Entzündungsprozesse fördern. Essen lässt sich nicht einfach verbieten; langfristige Unterstützung, etwa ernährungsmedizinische Sprechstunden, ist deshalb sinnvoll. Muskelaufbau hilft bei der Gewichtskontrolle und kann sich günstig auf das Bauchfett auswirken.
Bewegung senkt nachweislich das Risiko für kolorektale Karzinome. Dahinter könnten mehrere Mechanismen stecken: Tumorzellen steht weniger Stoffwechselbrennstoff zur Verfügung, chronische Entzündungen gehen zurück und das Immunsystem überwacht den Körper besser. Aktive Muskeln bilden Myokine mit entzündungshemmenden und antiproliferativen Wirkungen. In Laborversuchen hemmte Blutserum von Sportlern nach intensivem Training das Wachstum von Tumorzellen. Außerdem senkt Bewegung den Insulinspiegel, der Tumorwachstum fördern kann.
Bouassida bevorzugt sättigende, ballaststoff- und eiweißreiche Mahlzeiten. Hochverarbeitete Lebensmittel und Zucker meidet er, täglich gehören Obst und Gemüse auf den Speiseplan, häufig kommt vor der Mahlzeit ein Salat. Olivenöl und Salz reichen ihm als einfache Zutaten; Obst ersetzt oft zuckerreiche Desserts. Eine ballaststoffreiche Ernährung ist mit einem geringeren Risiko, insbesondere für Darmkrebs, verbunden – der Effekt gilt allerdings als moderater als der von Rauchstopp, Gewichtskontrolle und Bewegung. Einzelne Lebensmittel oder spezielle Diäten sind keine krebshemmende Wunderlösung. Die Daten sprechen eher für ein Ernährungsmuster mit überwiegend pflanzlichen, ballaststoffreichen und wenig hochverarbeiteten Lebensmitteln. Ein gesunder Apfel kann langjährigen Zigarettenkonsum jedenfalls nicht wegzaubern.
Die Einladung der Krankenkasse nicht in der Lade verschwinden lassen
Das Darmkrebs-Früherkennungsprogramm wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss in der Richtlinie über organisierte Krebsfrüherkennungsprogramme geregelt. Anspruch haben alle gesetzlich Krankenversicherten ab 50 Jahren; gesetzliche und private Krankenkassen übernehmen die Kosten der regelmäßigen Früherkennung. Das Programm richtet sich an gesunde Menschen ohne Beschwerden und heißt deshalb Screening.
Ab 50 besteht einmalig Anspruch auf eine ärztliche Beratung über Ziele und Ablauf. Das können alle Vertragsärztinnen und Vertragsärzte anbieten, die Darmkrebs-Früherkennungs- oder Gesundheitsuntersuchungen durchführen. Frauen und Männer können zweimal im Abstand von zehn Jahren eine Darmspiegelung machen lassen. Alternativ ist ab 50 alle zwei Jahre ein immunologischer Stuhltest auf nicht sichtbares, sogenanntes okkultes Blut möglich. Wer zehn Jahre nach der ersten Koloskopie auf die zweite verzichtet, kann stattdessen Stuhltests durchführen. Nach einem auffälligen Stuhltest besteht immer Anspruch auf eine Darmspiegelung.
Die Krankenkassen laden erstmals mit 50 Jahren ein, weitere Schreiben folgen – sofern kein Widerspruch vorliegt – mit 55, 60 und 65 Jahren. Beigefügt ist eine ausführliche Versicherteninformation über Vor- und Nachteile, Untersuchungsmöglichkeiten und den Ablauf. Wegen unterschiedlicher Risikoprofile gibt es getrennte Fassungen für Frauen und Männer, außerdem Versionen in Leichter Sprache. Wer nicht warten will, darf Beratungs- und Untersuchungsangebote innerhalb der vorgesehenen Zeitabstände auch ohne Einladung wahrnehmen. Hausärztinnen und Hausärzte sowie bei Frauen Gynäkologinnen und Gynäkologen beraten und geben Stuhltest-Sets aus; Koloskopien führen Fachärztinnen und Fachärzte für Gastroenterologie durch, ein Überweisungsschein ist nicht erforderlich.
Die Teilnahme ist freiwillig. Eine Nichtteilnahme verändert weder den Versicherungsschutz noch eine spätere Behandlung. Trotzdem bleibt sie hinter den Möglichkeiten zurück: Nur etwa jeder Zehnte nutzt eine Einladung der Krankenkassen zur Vorsorgeuntersuchung, rund zwei Prozent absolvieren das gesamte Vorsorgeprogramm. Gleichzeitig wird über Einzelheiten wie eine glutenfreie Ernährung ohne medizinische Indikation diskutiert, obwohl deren Nutzen für die Darmkrebsprävention gering, unsicher oder nicht belegt sein kann. Große alltägliche Risiken werden oft unterschätzt, seltene oder spektakuläre Gefahren dagegen überschätzt.
Bei einer Koloskopie können Krebsvorstufen erkannt und direkt entfernt werden. Das ist mehr als bloße Früherkennung. Vorher wird der Darm vollständig entleert, nach schriftlichen und mündlichen Anweisungen. Ein biegsames, etwa fingerdickes Endoskop mit Kamera untersucht Dick- und Enddarm; verdächtige Wucherungen lassen sich sofort mit Instrumenten durch das Endoskop abtragen. Gewebeproben werden im Labor auf Krebszellen und andere Veränderungen untersucht.
Meist ist die Untersuchung unangenehm, aber selten schmerzhaft; auf Wunsch ist eine Kurznarkose möglich. Finden sich keine Auffälligkeiten, reicht meist eine Wiederholung nach zehn Jahren. Werden Polypen oder andere Krebsvorstufen entfernt, liegt die nächste Kontrolle gewöhnlich nach drei bis fünf Jahren oder früher – abhängig von Anzahl und Ausprägung. Bei einer größeren, nicht endoskopisch entfernbaren Geschwulst wird eine Gewebeprobe entnommen; die weiteren Untersuchungen richten sich nach dem Befund.
Ganz ohne Grenzen ist auch die beste Methode nicht. Schätzungsweise werden etwa fünf von 100 vorhandenen Tumoren übersehen, besonders sehr kleine oder flache Veränderungen. Sorgfältige Darmreinigung und die Erfahrung der untersuchenden Ärztinnen und Ärzte beeinflussen die Zuverlässigkeit. Komplikationen treten bei etwa 1–2 von 1.000 Frauen und 2–3 von 1.000 Männern auf. Möglich sind meist kleine Blutungen, besonders nach einer Polypenentfernung, die sich während der Untersuchung stillen lassen. Schwerere Blutungen oder Verletzungen der Darmwand sind deutlich seltener; sehr selten gibt es Herz-Kreislauf-Probleme durch eine Kurznarkose. Bei Vorerkrankungen oder früheren Bauchoperationen kann das Verletzungsrisiko erhöht sein.
Studien und Modellrechnungen bewerten den erwarteten Nutzen dennoch höher als die Risiken. Bei 1.000 Frauen, die ab 50 Jahren Koloskopien durchführen lassen, können schätzungsweise bis zu sieben Darmkrebserkrankungen und bis zu zwei Todesfälle verhindert werden. Bei 1.000 Männern sind es bis zu 13 Erkrankungen und bis zu vier Todesfälle. Diese Zahlen beziehen sich auf Menschen ohne vorherigen auffälligen Stuhltest oder Warnzeichen.
Stuhltest, HPV-Impfung und die kleinen Entscheidungen
Der immunologische Stuhltest wird zu Hause nach Anleitung entnommen und möglichst am nächsten Tag in der Arztpraxis abgegeben. Darmtumoren und manche Polypen bluten häufiger als gesunde Darmschleimhaut; der Test erkennt kleinste Mengen des Blutfarbstoffs Hämoglobin. Während der Menstruation sollte er nicht durchgeführt werden, sondern erst einige Tage nach Ende der Blutung. Das Labor wertet die Probe aus, das Ergebnis liegt meist nach mehreren Tagen vor. Die Arztpraxis informiert normalerweise nur bei einem auffälligen Ergebnis.
Ein positives Ergebnis
