Der zweite Berliner Patient: HIV geheilt trotz nur teilweise mutierter Spenderzellen
Am 15. Oktober 2026 ist an der Uni Saarland eine Nachricht aus Berlin besonders bemerkenswert: Thomas Kahlert, der sogenannte „Zweite Berliner Patient“, gilt als einer von weltweit 13 Menschen, die von HIV geheilt wurden. Der 62-Jährige arbeitet seit 38 Jahren bei der Charité und sagt, es gehe ihm „sehr gut“.
Seine HIV-Infektion wurde 2009 bei einer Routineuntersuchung festgestellt. Einige Jahre später kam eine weitere schwere Diagnose hinzu: 2015 erkrankte Kahlert an akuter myeloischer Leukämie, einer Form von Blutkrebs. Neben einer Chemotherapie erhielt er deshalb eine Stammzelltransplantation.
Eine Transplantation mit weitreichender Wirkung
Am 14. Oktober 2015 wurden Kahlert Stammzellen einer gesunden Spenderin übertragen – einschließlich ihres Immunsystems. Seitdem sind bei ihm weder HI-Viren noch Krebszellen nachweisbar. Er gilt als geheilt.
Der medizinische Hintergrund klingt zunächst nach einem kleinen Detail, ist aber entscheidend: HIV befällt Immunzellen über bestimmte Andockstellen, die sogenannten CCR5-Rezeptoren. Etwa ein Prozent der Menschen europäischer Abstammung besitzt laut Charité eine CCR5-Delta-32-Mutation. Sie verhindert das Eindringen von HIV in die betroffenen Zellen.
Beim ersten „Berliner Patienten“ stammten die übertragenen Zellen von einem Spender mit dieser Mutation. Für Kahlert hingegen wurde keine vollständig HIV-immune Spenderperson gefunden. Seine Spenderin besaß neben der normalen CCR5-Variante zusätzlich die mutierte Variante, weil sie die Delta-32-Mutation nur von einem Elternteil geerbt hatte.
Warum Kahlerts Fall wichtig ist
Kahlert und die Spenderin sind damit heterozygot für die Mutation. Trotzdem blieb das Virus nach der Transplantation aus seinem Körper verschwunden. Der Fall zeigt, wie eng die Behandlung von Leukämie und die HIV-Forschung hier miteinander verbunden sind – nicht als planbare Standardtherapie, sondern als Folge einer ohnehin notwendigen Stammzelltransplantation.
Geäußert hat sich Kahlert bei der Eröffnung des neuen HIV-Heilungsforschungszentrums BeCURE der Charité. Dass ein geheilter Patient dort selbst zu Wort kommt, gibt der Forschung ein Gesicht: Hinter den Rezeptoren, Mutationen und Transplantationen steht ein Mensch, der seit Jahren mit einer Diagnose lebt, die für viele andere weiterhin Alltag bedeutet.
