Constructor Bremen, 23. Oktober 2026 – Wenn über die deutsche Einheit gesprochen wird, klingt es oft nach einer einfachen Rechnung: Der Westen zahlt, der Osten empfängt. Nach 1990 flossen tatsächlich große Transferzahlungen von West- nach Ostdeutschland. Aber Geld bleibt selten dort liegen, wo es zuerst ankommt. Es wandert weiter – in Supermärkte, an Unternehmen, zu Beschäftigten, in Gewinne und über Steuern wieder zurück.

Eine Analyse der Berliner Zeitung nimmt deshalb nicht nur die ostdeutsche Seite der Transferzahlungen in den Blick, sondern auch die wirtschaftlichen Rückwirkungen im Westen. Das verändert die Perspektive. Die Einheit erscheint dann nicht bloß als westdeutsches Milliardenprojekt, sondern auch als Nachfrageprogramm, von dem westdeutsche Unternehmen erheblich profitierten.

Was die Transfers auffingen – und was nicht

Die Erfolgserzählung beginnt mit einer desolaten Ausgangslage vieler DDR-Betriebe: veraltete Produktionsanlagen, niedrige Produktivität, eine marode Infrastruktur. Städte, soziale Sicherungssysteme und öffentliche Einrichtungen mussten modernisiert werden. Laut Bundesbank näherten private und öffentliche Investitionen den ostdeutschen Kapitalstock dem westdeutschen Niveau an.

Auch die Lücke zwischen ostdeutscher Produktion und den dort verwendeten Einkommen wurde deutlich kleiner. Ein größerer Teil des ostdeutschen Konsums wurde mit selbst erwirtschaftetem Einkommen statt mit Transfers finanziert. Der Lebensstandard glich sich kurzfristig schneller an als Eigentum, Vermögen oder wirtschaftliche Macht.

Bei Immobilien ist der Abstand bis heute sichtbar. Ostdeutsche Haushalte besitzen deutlich seltener Wohneigentum; die Eigentumsquoten haben sich trotz jahrzehntelanger Einheit nicht vollständig angeglichen. Entsprechend gibt es im Osten weniger Vermögen zu vererben. Das klingt trocken, landet aber irgendwann auf dem Konto, im Grundbuch und in Familiengesprächen über die nächste Generation.

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Auch die Machtzentren liegen weiterhin überwiegend im Westen. Im Osten gibt es kaum Konzernzentralen großer Dax-Unternehmen. Ostdeutsche sind in Führungspositionen von Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft unterrepräsentiert, wichtige Entscheidungen werden weiterhin häufig westlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze getroffen.

Was politisch gemeinsam als „Transfers“ oder „Kosten der Einheit“ bezeichnet wird, war zudem ein ziemlich gemischter Topf: Sozialversicherungsleistungen, reguläre Bundesausgaben, Infrastrukturinvestitionen, Wirtschaftsförderung und speziell für Ostdeutschland geschaffene Hilfen. Ein erheblicher Teil bestand aus Leistungen, die ein gesamtdeutscher Staat grundsätzlich für seine Bürger erbringt. Nur ein relativ kleiner Teil diente unmittelbar dem Aufbau ostdeutscher Produktionskapazitäten.

Der größere Teil stabilisierte private Einkommen, öffentliche Haushalte und den Konsum. Die Unterstützung sollte die sozialen Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs abfedern und politische Stabilität sichern. Wo die dadurch ausgelöste Nachfrage anschließend bedient wurde, war für die Verteilung der wirtschaftlichen Effekte entscheidend.

Der Euro, der zurück in den Westen floss

Eine Schätzung von Ulrich Busch und Christian Müller für die frühen 2000er-Jahre kommt zu dem Ergebnis, dass 2003 ungefähr zwei Drittel der durch Transfers ermöglichten zusätzlichen ostdeutschen Nachfrage durch westdeutsche Produktion gedeckt wurden. Wegen der Datenlage ist das nur eine Näherung. Der Mechanismus dahinter ist trotzdem zentral: Geld floss von West nach Ost – und kehrte zu einem großen Teil über den Kauf westdeutscher Waren und Dienstleistungen als Umsatz, Einkommen und Gewinn in den Westen zurück.

Westdeutsche Unternehmen bekamen zusätzliche Nachfrage, beschäftigten Arbeitnehmer, erzielten Gewinne und zahlten Steuern. Ein Teil der Transfermittel wurde damit indirekt durch die Nachfrage finanziert, die die Transfers selbst erzeugten. Zeitweise wurde im Westen sogar mehr zusätzliche Wertschöpfung ausgelöst, als für die Transfers aufgewendet wurde.

Eine selbsttragende ostdeutsche Produktionsentwicklung entstand daraus allerdings nicht. Eher eine teilweise selbsttragende Transferwirtschaft. Das ist ein sperriger Begriff, beschreibt aber ziemlich genau, warum mehr Konsum nicht automatisch mehr ostdeutsche Eigentümer, Forschungszentren oder Konzernzentralen hervorbrachte.

Begünstigt wurde dieser Kreislauf durch die Eigentums- und Vertriebsstrukturen nach der Einheit. Die Treuhandanstalt verschaffte westdeutschen Handelsunternehmen schnellen Zugang zum ostdeutschen Markt. Ein großer Teil des privatisierten ostdeutschen Produktivvermögens gelangte unter westdeutsche Kontrolle. Westdeutsche Unternehmen verfügten bereits über etablierte Anbieter, Vertriebswege und Eigentümerstrukturen.

Wurde ein Transfer-Euro im Osten für ein Produkt eines westdeutschen Unternehmens ausgegeben, floss der Umsatz teilweise zurück in den Westen. Gehörte das ostdeutsche Geschäft westdeutschen Eigentümern, wanderte auch der dort erzielte Gewinn überwiegend dorthin. Die akute Transferabhängigkeit Ostdeutschlands ist heute geringer als in den 1990er- und 2000er-Jahren. Die damaligen Wirkungen stecken aber noch in Eigentumsverhältnissen, Unternehmensgrößen, Vertriebsnetzen, Konzernzentralen und den Möglichkeiten des privaten Vermögensaufbaus.

Von der Planwirtschaft zur Produktivitätslücke

Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung liegt die Produktivität Ostdeutschlands noch immer über 20 Prozent unter der Westdeutschlands. Der Ökonom Ufuk Akcigit untersucht gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, wie DDR-Wirtschaftsstrukturen, die Treuhand-Privatisierung und die Unternehmensentwicklung nach 1990 diesen Unterschied geprägt haben.

Die Grundlage bilden digitalisierte DDR-Unternehmensdaten, Treuhandverträge sowie Daten zu Unternehmen, Produkten und Eigentumsverhältnissen nach der Wiedervereinigung. Untersucht werden drei Phasen: die Planwirtschaft der DDR, die Privatisierung staatseigener Betriebe durch die Treuhandanstalt und die Entwicklung der Unternehmen im wiedervereinigten Deutschland.

Die alten Strukturen wirkten länger fort, als man vielleicht denkt. Produktive Unternehmen konnten nur begrenzt wachsen, unproduktive Betriebe mussten selten schließen. Unternehmensgründungen, Schließungen und Arbeitsplatzverlagerungen waren deutlich seltener als in Marktwirtschaften. Arbeitskräfte und Kapital wechselten also kaum zu produktiveren Unternehmen.

Das Planungssystem schwächte zudem die Innovationsanreize. Übertraf ein Betrieb sein Produktionsziel, erhöhten die Behörden anschließend die Vorgaben – der sogenannte „Ratchet-Effekt“. Modellrechnungen zufolge hätte das jährliche Produktivitätswachstum in Planwirtschaften um etwa 1,8 Prozentpunkte höher liegen können, wenn Unternehmen stärker auf Produktivitätsunterschiede hätten reagieren können.

Der DDR fehlten nicht grundsätzlich qualifizierte Arbeitskräfte oder Forschung. Das Wirtschaftssystem verhinderte jedoch häufig, dass Wissen und technisches Können in wettbewerbsfähige Unternehmen und kommerzielle Innovationen umgesetzt wurden. Bei wissenschaftlichen Publikationen pro Kopf liegen Ost und West näher beieinander als bei Patenten. Akcigit leitet daraus ab, dass Ostdeutschland nicht grundsätzlich zu wenig forscht, Forschungsergebnisse aber weniger erfolgreich in Technologien und kommerzielle Anwendungen überführt.

Nach 1990 kamen weitere Bremsen hinzu: politischer Druck, Arbeitsplätze und soziale Stabilität zu sichern, die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte in den Westen, eine schwächere Übertragung wissenschaftlicher Forschung in Patente und kommerzielle Innovationen sowie fehlende Unternehmens-, Bildungs- und Innovationsnetzwerke.

Die Treuhand: Tempo, Arbeitsplätze und verlorene Strukturen

Die Treuhandanstalt wurde im Frühjahr 1990 in der DDR gegründet, zunächst zur Sicherung und Verwaltung des volkseigenen Vermögens. Mit dem Treuhandgesetz vom Juni 1990 änderte sich ihr Auftrag: Die volkseigenen Betriebe sollten möglichst schnell privatisiert, saniert oder geschlossen werden.

Nach der Wiedervereinigung war die Behörde für Tausende Unternehmen und rund vier Millionen Beschäftigte zuständig. Bis Ende 1994 wurden mehr als 12.000 Unternehmen und Unternehmensteile privatisiert oder kommunalisiert; mehr als 3.700 Betriebe wurden stillgelegt. Von rund 4,1 Millionen Arbeitsplätzen in Treuhandunternehmen bestanden Ende 1994 noch etwa 1,5 Millionen. Mehr als zweieinhalb Millionen Stellen gingen verloren.

Mit den Betrieben verschwanden Ausbildungsplätze, Betriebskindergärten, Kulturhäuser, Sportgemeinschaften und soziale Netzwerke. Besonders hart traf es Städte und Regionen, die von einzelnen Kombinaten oder Großbetrieben abhängig waren. Wo morgens das Werkstor offenblieb oder eben nicht, entschied sich mehr als ein Arbeitsplatz: Es ging um Buslinien, Vereinsleben, Lehrstellen, den Bäcker an der Ecke – um den Takt einer ganzen Stadt.

Viele DDR-Unternehmen waren schon 1990 wirtschaftlich geschwächt: Maschinen und Anlagen waren veraltet, die Produkt