Dieter Plinkes Berliner Wohnung: 1000 Akkordeons suchen ein neues Zuhause
Wer Dieter Plinkes Berliner Altbauwohnung betritt, landet zwischen meterhohen Bücherwänden – und ungefähr 1000 Akkordeons. Der 81-jährige Pädagoge bewahrt seine Sammlung dort auf, dicht an dicht, Instrument neben Instrument. Man kann sich vorstellen, dass jeder freie Winkel irgendwann verdächtig nach einem weiteren Kasten mit Balg aussieht.
Begonnen hat alles mit einem Fehlkauf. Danach konnte Plinke mit dem Sammeln nicht mehr aufhören. Heute spielt er weiterhin regelmäßig Akkordeon und arbeitet im Bereich Musik und Musikvermittlung – trotz seines Alters, wie es aus seinem Umfeld heißt. Nun sucht er ein Museum oder eine Universität, die seine Sammlung übernimmt.
Rubinrote Tasten zwischen Büchern
Zu den Stücken gehört ein elfenbeinweißes Scandalli-„Showman“-Akkordeon aus dem Jahr 1968. Rubinrote Tasten und goldene Verzierungen machen das Instrument zum auffälligen Exemplar in der ohnehin umfangreichen Sammlung.
Beim Spielen bewegt sich Plinke im Dreivierteltakt. Der Klang entsteht durch Luft, die Zungen im Inneren des Akkordeons in Schwingung versetzt. Ein Zug, ein Druck, ein Atemzug aus Holz, Metall und Leder – und plötzlich ist der Raum nicht mehr ganz so still.
Von der Sheng zum Accordion
Das Akkordeon ist ein vergleichsweise junges Instrument. Seine Ursprünge liegen im Prinzip der freischwingenden, durchschlagenden Zungen. Dieses Prinzip geht auf die chinesische Sheng zurück, eine meist aus Metall gefertigte Windkammer mit Schnabel und 17, 21 oder 37 Pfeifen.
In Europa wurde die Idee im Orgelbau gegen Ende des 18. Jahrhunderts erprobt, nachdem der französische Jesuit Père Amiot 1776 mehrere Shengs von China nach Paris geschickt hatte. Um 1800 entstanden vermutlich die ersten einreihigen, diatonischen Instrumente mit wechseltönigem Diskant – das sogenannte Wiener Modell.
Bernhard Eschenbach und Kaspar Schlimbach bauten 1810 ein Instrument unter dem Namen „Aeoline“. Ch. F. L. Buschmann entwickelte es weiter: 1821 zur „Mund-Aeoline“, 1822 zur „Hand-Aeoline“ mit Zug- und Druckzungen. Ob Friedrich Buschmann aus Friedrichroda tatsächlich als Vater der Mundharmonika und des Akkordeons gilt, ist allerdings nicht eindeutig belegbar. 1828 beschrieb Buschmann eine Mundharmonika als von ihm erfundenes „neues Instrument“.
Wien wurde bereits ab 1825 zu einem Zentrum der Harmonika-Fertigung. Anton Haeckel ließ dort 1821 die „Physharmonika“ patentieren, die in Aufbau und Aussehen einem Harmonium ähnelte. Für 1829 ist in Wien eine Patentanmeldung für ein „Accordion“ von Cyrill Demian belegt – deshalb wird Demian häufig als Erfinder des Akkordeons bezeichnet.
Demians Instrument war diatonisch und wechseltönig, erzeugte also bei Zug und Druck unterschiedliche Töne. Außerdem besaß es integrierte Akkorde aus jeweils drei bis fünf Tönen. Von Wien aus verbreitete sich das Accordion nach Deutschland, Frankreich und Amerika. In Italien begann Paolo Soprani 1863 in Castelfidardo mit der Ziehharmonika-Produktion.
Konzertina, Bandoneon und deutsche Werkstätten
Auch jenseits des Akkordeons wurde kräftig gebaut und getüftelt. Charles Wheatstone erfand und patentierte 1826/29 die englische Concertina. Carl Friedrich Uhlig aus Chemnitz baute 1834 sein erstes Instrument, das als „Deutsche Konzertina“ bekannt wurde.
Heinrich Band aus Krefeld entwickelte die Konzertina um 1846 zum Bandoneon weiter. Konzertina und Bandoneon sind wechseltönig. Im Gegensatz zum Akkordeon besitzen sie keine voreingestellten Akkorde und keine abgewinkelte Tastatur.
Um 1840/45 entstanden in Gera, Magdeburg und Berlin die ersten Fertigungsstätten für Ziehharmonikas. In Klingenthal begann 1852 die Akkordeonproduktion, nachdem Adolph Herold ein Akkordeon aus Magdeburg mitgebracht hatte. Der Klingenthaler Schlosser Julius Bertold konstruierte 1878 Stanz- und Fräsmaschinen, die die Herstellung von Stimmplatten und Akkordeons vereinfachten. In den 1880er Jahren führten diese Maschinen zu Rekordumsätzen der Klingenthaler Harmonika-Industrie.
Zu den bekannten Akkordeonbauern dieser Zeit gehörten C. A. Seydel, I. C. Herold, F. A. Böhm, Otto Weidrich, F. A. Rauner A. G. und die Gebrüder Gündel. Die Harmonika-Produktion in Klingenthal entwickelte sich zu einem wichtigen Industriezweig. 1948 wurde sie unter dem Namen „VEB Klingenthaler Harmonikawerke“ zusammengefasst. Nach einer Umbenennung 1992 firmiert der Betrieb heute als „Weltmeister Akkordeon Manufaktur GmbH“.
Industrie, Orchester und Unterricht
In Trossingen begannen Matthias Hohner und Andreas Koch 1903 mit der Produktion von Handharmonikas. Vor dem Ersten Weltkrieg bestanden dort vier Großbetriebe: Matthias Hohner, Andreas Koch, Christian Weiß sowie Christian Messner & Co.
1907 arbeiteten in Deutschland rund 7.000 Menschen in der Harmonikaindustrie, ohne Heimarbeiter; 3.000 davon allein im Vogtland. Der Raum Gera in Thüringen blieb als drittes, kleineres Zentrum der Harmonika-Branche bestehen.
Hohner wurde 1909 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und übernahm die Firma Chr. Messner. 1928/29 folgten die Übernahmen der Betriebe Ch. Weiss und A. Koch. Dadurch wurde die Matth. Hohner AG zur weltweit größten Musikinstrumentenfabrik.
1927 gründete Hohner unter Hermann Schittenhelm das Hohner-Handharmonika-Orchester, das als erstes Akkordeonorchester der Welt gilt. Das Orchester wurde auch zu Werbezwecken eingesetzt und löste zahlreiche weitere Orchestergründungen aus. 1931 entstanden in Trossingen der Hohner-Verlag, die Hohner-Handharmonika-Fachschule – heute Hohner Konservatorium – und der Deutsche Harmonika-Verband.
Und nun steht in Berlin eine Sammlung mit rund 1000 Instrumenten zwischen Büchern. Dieter Plinke spielt weiter, arbeitet weiter und sucht zugleich einen Ort, an dem seine Akkordeons künftig zusammenbleiben können.
