Heute, am 25.09.2026, ist an der Uni Halle von Krisen die Rede. Nicht nur von der nächsten Pandemie, sondern auch von Hochwasser, zunehmenden Hitzeperioden und geopolitischen Entwicklungen. Rund 80 Pflege-Expertinnen und -Experten kamen beim Entwicklungsforum „Disaster Nursing“ in Halle (Saale) zusammen, um darüber zu beraten, wie krisenfest das Gesundheitswesen sein kann.

Veranstaltet wurde das Forum vom Mitteldeutschen Zentrum für Krisenresilienz und Katastrophenmedizin (MZKR). Gegründet wurde das Zentrum Ende April 2026 vom BG Klinikum Bergmannstrost und der Universitätsmedizin Halle. Es soll Akteure zusammenbringen und Konzepte für eine Gesundheitsversorgung entwickeln, die auch dann funktioniert, wenn die gewohnten Abläufe ins Wanken geraten.

Wenn Bedarf und Ressourcen auseinanderdriften

Oberbürgermeister Alexander Vogt verwies auf die unterschiedlichen Krisenszenarien. MZKR-Leiter Dr. Hartmut Stefani fasste den Kern nüchtern: Eine Krise entsteht, wenn der medizinische Bedarf und die verfügbaren Ressourcen nicht mehr zusammenpassen. Steigende Patientenzahlen können dann mit Ausfällen bei Personal, Material, Infrastruktur, Stromversorgung, Logistik oder Transport zusammentreffen.

Ein Beispiel ist die Hitzekrise. Mehr Menschen brauchen medizinische Hilfe, während Beschäftigte selbst höheren Belastungen ausgesetzt sind. Dazu können weitere Versorgungsprobleme kommen. Entscheidend ist laut Stefani, ob das Gesundheitssystem unter den veränderten Bedingungen noch reagieren kann.

Resilienz bedeutet für ihn, Störungen zu erkennen, ihnen standzuhalten, sich anzupassen und aus Erfahrungen zu lernen. Im Gesundheitswesen heißt das: Die Versorgung muss auch in einer Krise aufrechterhalten oder möglichst rasch wiederhergestellt werden. Pflegekräfte sind dabei im Alltag und erst recht in Ausnahmesituationen ein zentraler Bestandteil.

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Stefani unterscheidet drei Ebenen. Persönliche Resilienz meint die eigene Handlungsfähigkeit, die Versorgung des privaten Umfelds und den Umgang mit psychischen Belastungen. Strukturelle Resilienz umfasst Einsatz- und Maßnahmenpläne, Führungsstrukturen, Personal und Material. Inhaltliche Resilienz wiederum meint das Wissen und die Kompetenzen, mit denen Pläne praktisch umgesetzt werden.

Keine dieser Ebenen reicht allein. Erst ihr Zusammenspiel macht das Gesamtsystem belastbar. Das klingt zunächst trocken, wird aber schnell sehr konkret: Beschäftigte können im Krankenhaus ausfallen, wenn sie etwa bei Kita-Schließungen oder Stromausfällen ihre eigene Familie nicht versorgen können. Zur persönlichen Vorsorge gehören deshalb auch Gespräche darüber, was zu Hause passiert, wenn plötzlich nichts mehr läuft.

Die Lehren aus Corona

Die Corona-Pandemie hat Schwachstellen offengelegt: hohe Arbeitsbelastung, fehlendes Schutzmaterial und psychische Belastungen. Teilweise wurden selbstgenähte Masken verwendet. Pflegekräfte konnten in Hochisolationsbereichen nicht immer mit der vorgesehenen Schutzkleidung arbeiten. Stefani wertete das nicht als Versagen einzelner Beschäftigter, sondern als Ausdruck fehlender Ressourcen.

Für strukturelle Resilienz braucht es funktionierende Notfallpläne, ausreichendes Material, klare Verantwortlichkeiten und belastbare Organisationen – auch dann, wenn Personal ausfällt. Doch Pläne und Fachwissen helfen nicht, wenn ihre Umsetzung nicht praktisch geübt wird. Eine medizinisch sinnvolle Maßnahme bleibt wirkungslos, wenn Pflegekräfte ihre Anwendung nicht beherrschen. Und vorhandenes Material nützt wenig, wenn niemand damit umgehen kann.

Genau hier setzt Disaster Nursing an. Pflegekräfte sollen Gefahren früh erkennen, besonders gefährdete Menschen identifizieren, Prioritäten setzen und auch bei stark steigenden Patientenzahlen handlungsfähig bleiben. Dafür müssen sie Alarm- und Einsatzpläne kennen und deren praktische Bedeutung verstehen. Nicht nur lesen, sondern machen. Immer wieder.

Auch außerhalb von Halle wird daran gearbeitet, Disaster Nursing in Deutschland stärker zu verankern. Beim DRK-Wohlfahrtskongress in Berlin sprach Anne-Kathrin Gerhard am 25.03.2025 über „Versorgungssicherheit auch in der Krise: Krisenresilienz stärken“. Jennifer Kasper stellte am 10.04.2025 bei der Altenpflegemesse in Nürnberg das Kompetenzzentrum „Pflege im Bevölkerungsschutz“ und erste Schritte zur Professionalisierung von Disaster Nursing in Deutschland vor.

Weitere Beiträge folgten: Kasper präsentierte am 30.04.2025 in Bonn beim Ausbildungskongress der DRK-Schwesternschaft „Bonn“ e.V. das Poster „MODINA – Krisenresilienz durch Pflegekompetenz“. Miriam Peters und Johannes Oeser stellten am 08.–09.05.2025 bei der 4. International Conference of the German Society of Nursing Science in Berlin das Poster „Development of a Module Nursing Care in Crises and Disasters“ vor.

Bei der ICN in Helsinki ging es am 12.06.2025 um „MODINA – Disaster Nursing in Nursing Education“, vorgestellt von Susanne Scheck, Johannes Oeser und Miriam Peters. Am 25.09.2025 präsentierten Miriam Peters, Johannes Oeser und Jennifer Kasper bei Lernwelten in Basel „Modina. Krisenresilienz durch Pflegekompetenz“. Bereits am 25.01.2025 hatten Susanne Scheck, Frauke Hartung und Miriam Peters beim Kongress Pflege 2025 in Berlin den Beitrag „Pflege im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz: Disaster Nursing – Bevölkerungsschutz als neues Handlungsfeld für die Profession Pflege?“ veröffentlicht beziehungsweise vorgestellt.

Keine neue Insel im Krisensystem

Das MZKR will keine Parallelstrukturen zu bestehenden Einrichtungen schaffen. Rettungsdienste, Krankenhäuser, ambulante Pflege, Hilfsorganisationen, Behörden und weitere Akteure sollen ihre Erfahrungen und Kompetenzen verknüpfen. Das Forum war deshalb als Arbeitsveranstaltung angelegt: Auf Vorträge folgten Workshops, in denen die Teilnehmenden Ideen für Disaster Nursing als langfristigen Bestandteil der Krisenvorsorge in Mitteldeutschland entwickelten.

Staatliche und organisatorische Hilfe braucht im Krisenfall Zeit, betonte Stefani. Bis Behörden, Rettungsdienste und andere Strukturen wirksam werden, muss jeder Einzelne handlungsfähig bleiben. Seine praktische Empfehlung klingt unspektakulär, ist aber ziemlich brauchbar: mit der Familie über einen Stromausfall sprechen, benötigte Dinge sammeln, Absprachen treffen und sicherstellen, dass die eigene Versorgung nicht sofort zusammenbricht.

Disaster Nursing soll damit nicht nur auf einzelne Katastrophen vorbereiten, sondern die Belastbarkeit des gesamten Gesundheitssystems stärken. Dafür braucht es persönliche Vorsorge, ausreichend Personal und Material, klare organisatorische Voraussetzungen, qualifizierte Pflegekräfte und regelmäßige praktische Übungen.

Die zusätzlich genannte PDF-Quelle des Gesundheitskongresses besteht nach den vorliegenden Angaben aus Rohdaten einer PDF-Datei im Format PDF-Version 1.7. Enthalten sind technische PDF-Objekte, Metadatenverweise, Seiten- und Medienbox-Definitionen sowie komprimierte Binärdaten. Ein lesbarer Nachrichtenartikel oder überprüfbare inhaltliche Informationen sind darin nicht vorhanden.

Beim Forum in Halle blieb am Ende ein Gedanke hängen, der kleiner anfängt als ein Krankenhaus und gerade deshalb leicht übersehen wird: Krisenvorsorge beginnt beim einzelnen Menschen.