Ein Zimmer, das seit Jahren niemand mehr betreten kann, öffnet sich jetzt digital: Das ehemalige Arbeitszimmer des Marburger Medizin-Nobelpreisträgers Emil von Behring ist per Webbrowser und Virtual-Reality-Brille zugänglich. Das Digitalisierungsprojekt „Emil von Behring digital entdecken“ steht vor dem Abschluss – und macht nicht nur Möbel sichtbar, sondern auch Briefe, Bücher, Fotografien und viele kleine Spuren eines ungewöhnlichen Lebens.

Bei einer öffentlichen Abschlussveranstaltung am 22. Oktober 2026 um 18 Uhr im Vortragsraum der Universitätsbibliothek Marburg wurde der virtuelle Rundgang erstmals vorgestellt. Eine Anmeldung war nicht erforderlich. Veranstalter waren die Universitätsbibliothek, das Universitätsarchiv und das Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Marburg.

Ein Arbeitszimmer zwischen Schreibtisch und Stehpult

Behrings ehemaliges Arbeitszimmer befindet sich seit 1939 in einem Gebäude des früheren Hauptwerks der Behringwerke. Ursprünglich stand es in seiner Villa in der Wilhelm-Roser-Straße. Seine Witwe Else übertrug den Raum testamentarisch an die von ihrem Mann gegründeten Behringwerke. Weil der heutige Standort von der Pharmaindustrie genutzt wird, ist das Zimmer seit 2017 nicht mehr öffentlich zugänglich.

Wer digital hineinschaut, sieht einen großbürgerlichen Repräsentationsraum der „Belle Etage“: Behrings Schreibtisch, ein Stehpult, Bücherschränke, ein Wandteppich, ein Sofa und Stühle. Auf dem Tischkalender steht dauerhaft der 4. Dezember. An diesem Tag veröffentlichten Behring und der japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasato 1890 eine wichtige Schrift zur Entwicklung eines Heilserums gegen Diphtherie.

Erhalten sind außerdem Schreibtischutensilien, Familienfotos, Bronzestatuen, Behrings Galauniform mit Hut, ein Tintenfass, eine Löschblattwiege, eine Zigarrenspitze und eine Sammlung von Zellfärbemitteln. Die heutige Anordnung entstand allerdings teilweise durch eine Inszenierung nach Behrings Tod. Auch das gehört zur Geschichte dieses Raums: Er zeigt nicht einfach einen eingefrorenen Alltag, sondern eine spätere Vorstellung davon, wie dieser Alltag ausgesehen haben könnte.

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Der virtuelle Rundgang bildet das Arbeitszimmer mit 360-Grad-Aufnahmen vollständig ab. Zahlreiche Einzelobjekte wurden zusätzlich fotografiert und beschrieben. 24 Gegenstände geben Einblicke in Behrings Privat- und Familienleben, seine Forschung sowie seine Tätigkeit als Unternehmer und Gründer der Marburger Behringwerke. Zu sehen sind unter anderem der Schreibtisch, Familienfotos und Schreibutensilien, außerdem Statuen, Bilder und Bronzebüsten.

13.000 Digitalisate und Bücher mit Randnotizen

Das Projekt macht Dokumente, Bücher und persönliche Gegenstände online zugänglich. Der digitale Behring-Nachlass umfasst rund 13.000 Digitalisate privater Briefe, Notiz- und Tagebücher, Fotografien und Dokumente. Der Bestand wurde in eine moderne Datenbank-Infrastruktur überführt und über ein frei zugängliches digitales Portal veröffentlicht.

Mehr als 400 Bücher aus Behrings Privatbibliothek wurden ebenfalls digitalisiert. Sie stehen mit ihren persönlichen Notizen und Markierungen in den Digitalen Sammlungen der Universitätsbibliothek bereit. Die Bibliothek selbst ist ein eigenwilliges Spiegelbild: medizinische und chemische Fachliteratur steht neben Belletristik, Goethes Werken sowie Bade- und Reiseführern. Viele Bände tragen handschriftliche Anmerkungen – kleine Einsprüche, Ergänzungen, vielleicht auch Gedanken, die sonst längst verschwunden wären.

Projektleiterin ist Diana Müller, Lorenz Gilli koordiniert das Vorhaben. Wissenschaftlich begleitet wurde es von der Medizinhistorikerin und Behring-Expertin Dr. Ulrike Enke. Gefördert wurde das Projekt vom hessischen Wissenschaftsministerium im Programm „Hessisches Kulturgut digital“. Podcasts sollen unter anderem gemeinsam mit den Macherinnen der Fernsehserie „Charité“ Fragen der Erinnerungskultur behandeln.

Das Abschlussprogramm begann um 18:15 Uhr mit Grußworten von Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Nauß und Bibliotheksdirektorin Dr. Andrea Wolff-Wölk. Um 18:30 Uhr folgten unter dem Titel „Emil von Behring digital entdecken“ Einblicke und Rückblicke von Dr. Lorenz Gilli und Dr. Diana Müller. Dr. Ulrike Enke sprach um 19 Uhr im Festvortrag „Behrings Dinge. Objekte erzählen Geschichte(n)“. Ab 19:30 Uhr waren Empfang und Ausklang im Foyer vorgesehen. Die Vorträge behandelten die Erschließung des Zimmers und ausgewählte Gegenstände aus dem Besitz der Familie Behring.

Vom Serum zur Marburger Industrie

Emil Adolf Behring wurde 1854 in Hansdorf im damaligen Kreis Rosenberg geboren und starb 1917 in Marburg. Er war Mediziner, Immunologe, Serologe, Unternehmer und Professor für Hygiene. Heute gilt er als Begründer der passiven Immunisierung beziehungsweise der Blutserumtherapie. 1901 erhielt er für die Heilserumbehandlung mit Antitoxinen den ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Im selben Jahr wurden Behring und seine Familie von Kaiser Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben.

Sein Weg begann nicht geradlinig im Labor. Ein Stipendium ermöglichte ihm das Abitur am Königlichen Gymnasium in Hohenstein. Am 22. Oktober 1874 begann er am Königlichen medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelms-Institut in Berlin ein staatlich finanziertes Medizinstudium, verbunden mit einer achtjährigen militärärztlichen Dienstverpflichtung. 1878 promovierte er an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität über die Neurotomia opticociliaris; 1880 erhielt er die Approbation.

Danach arbeitete er als Truppenarzt in der Provinz Posen: in Wohlau von 1878 bis 1880, in Posen von 1880 bis 1883, in Winzig von 1883 bis 1887 und in Bojanowo im Jahr 1887. In Veröffentlichungen von 1882 bis 1884 untersuchte er antiseptische Mittel, besonders Jodoform. Dabei beschrieb er auch starke Nebenwirkungen und Vergiftungserscheinungen, unter anderem nach der Behandlung einer tiefen Kopfwunde.

Der Bonner Pharmakologe Carl Binz beeinflusste Behrings weitere wissenschaftliche Entwicklung maßgeblich. Von März 1887 bis Oktober 1888 vertiefte Behring in Bonn seine Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten in organischer und analytischer Chemie; zu seinem Umfeld gehörten Konrad Heinrich Klinger und Otto Wallach. 1888 veröffentlichte er „Ueber die Ursache der Immunität von Ratten gegen Milzbrand“. Darin fragte er, warum weiße Ratten nur wenig empfänglich für Milzbrandsporen sind und wie Immunität überhaupt entsteht.

Im Herbst 1888 zog Behring nach Berlin und wurde zunächst Stabsarzt am Friedrich-Wilhelms-Institut. Ab Juli 1889 arbeitete er am von Robert Koch geleiteten Hygieneinstitut der Berliner Universität. Im Sommer 1891 wechselte er an das neu gegründete Königlich Preußische Institut für Infektionskrankheiten nahe der Berliner Charité und übernahm dort auf Kochs Wunsch eine Krankenstation.

Gemeinsam mit Franz Nissen veröffentlichte Behring am 1. März 1890 Untersuchungen über bakterienfeindliche Eigenschaften verschiedener Blutserumarten. Beide vermuteten, dass die immunisierenden Wirkstoffe im zellfreien Blutserum enthalten seien. Parallel dazu forschte der japanische Bakteriologe Shibasaburō Kitasato an Tetanus. Behring, Kitasato und weitere Forscher veröffentlichten am 4. Dezember 1890 die Arbeit „Über das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Thieren“.

Die Tierversuche zeigten, dass Blut immuner Kaninchen Tetanusgift zerstören konnte. Die Eigenschaften waren auch im zellfreien Serum nachweisbar, das bei anderen Tieren therapeutisch wirken konnte. Nicht immune Tiere besaßen diese Eigenschaften nicht. Die Veröffentlichung wurde damit zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zur Blutserumtherapie gegen Diphtherie und Tetanus.

Die erste sicher belegte Anwendung des Diphtherieheilserums am Menschen erfolgte im November 1892 bei einem sechsjährigen Mädchen in der Leipziger Kinderklinik unter Otto Heubner. Heubner hatte sich nach der Lektüre von Behrings Arbeiten direkt an ihn gewandt; wegen Lieferengpässen wurde das Serum über die Farbwerke in Höchst geliefert. Ein Bericht über eine