Emma wird eingestellt: Das Ende eines streitbaren feministischen Magazins
Uni Frankfurt, 2. November 2026 – Nach 398 Ausgaben, mehr als 36.000 Seiten und fast 50 Jahren ist Schluss: Die feministische Zeitschrift Emma wird eingestellt. Es gibt weder Insolvenz noch Verkauf noch eine Nachfolge. „Jetzt sind wir ermattet“, sagte Alice Schwarzer zum Ende ihres Projekts. Die letzte Ausgabe soll im Dezember 2026 erscheinen.
Bekannt wurde die Entscheidung am 21. Oktober 2026. Wirtschaftlich notwendig sei das Ende nicht, erklärte Schwarzer: Die Einnahmen hätten weiterhin die Ausgaben gedeckt. Gleichzeitig hatte sie öffentlich gesagt, ihr pazifistisches Engagement im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg habe jedes fünfte Abonnement gekostet. In den 2020er-Jahren war sie wegen eines in Emma veröffentlichten „Manifests für den Frieden“ kritisiert worden, das sich gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aussprach.
Ein Magazin, das Streit nicht scheute
Die erste Ausgabe erschien im Januar 1977 – nach Angaben einer weiteren Quelle im Februar 1977 – mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren. Weitere 100.000 mussten nachgedruckt werden. In der ersten Ausgabe veröffentlichte Schwarzer unter anderem den Aufsatz „Männerjustiz“. Mit den Einnahmen aus ihrem 1975 erschienenen Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ hatte sie das Magazin gegründet. Der Titel machte sie bekannt und vermögend.
Die Themen waren breit und selten bequem: Gewalt in der Ehe, sexueller Missbrauch von Kindern, Genitalverstümmelung, Prostitution, Ehegattensplitting, Pornografie, Lohnungleichheit und die politische Rolle von Frauen. 1978 klagten Schwarzer, Inge Meysel und weitere Frauen gegen das Magazin Stern und dessen Chefredakteur Henri Nannen. Frauen würden auf den Titelbildern als Sexobjekte dargestellt. Das Hamburger Landgericht wies die Klage ab, nach Angaben der Biografie aus formalen Gründen. Als erste Anti-Sexismus-Klage der Bundesrepublik löste sie trotzdem eine öffentliche Debatte über Sexismus in der Presse aus.
1986 demonstrierte Schwarzer auf dem Katholikentag für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218. Ein Jahr später startete Emma die „PorNO“-Kampagne. Pornografie sollte als Verstoß gegen die Menschenwürde geahndet werden; die Redaktion kritisierte die Verbindung von sexueller Lust mit Erniedrigung und Gewalt. Im Mai 1994 verwüsteten maskierte Frauen die fast leeren Redaktionsräume. Die Gruppe nannte sich später „FRAUEN LESBEN GRUPPEN AUS KÖLN + ANDERSWO“ und warf Emma unter anderem Rassismus, Euthanasiebefürwortung und Holocaustrelativierung vor.
Schon vor dem Start hatte die konkurrierende Zeitschrift Courage das Projekt boykottiert. Später kritisierten Vertreterinnen identitätspolitischer und intersektionaler Feminismusansätze Schwarzers universalistischen Feminismus. Die taz kam in einem Kommentar zu dem Urteil, Schwarzer und Emma hätten dem Feminismus eher geschadet als genutzt. FAZ und Welt würdigten dagegen ihre historische Bedeutung und das Magazin als wichtige Stimme.
Von der Abtreibungsdebatte bis zur Ukraine
Der vielleicht folgenreichste Auftakt ihrer öffentlichen Arbeit lag vor Emma. Am 6. Juni 1971 erschien im Stern die Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben!“. 374 Frauen bekannten sich öffentlich zu Schwangerschaftsabbrüchen, die in der damaligen Bundesrepublik illegal waren. Darunter waren Romy Schneider und Senta Berger. Die Idee hatte Schwarzer aus Frankreich aufgegriffen; sie stammte aus der dortigen Frauenbewegung. Die Aktion rückte den Kampf gegen den Paragrafen 218 ins Zentrum der öffentlichen Debatte.
Schwarzer wurde am 3. Dezember 1942 in Wuppertal-Elberfeld als uneheliches Kind geboren und wuchs bei ihren Großeltern in einem atheistischen, politisch geprägten Umfeld auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung wurde sie Journalistin. 1963 zog sie nach Paris, wo sie von 1970 bis 1974 als politische Korrespondentin arbeitete. An der Universität Vincennes belegte sie Psychologie und Soziologie und besuchte Lehrveranstaltungen von Michel Foucault. Simone de Beauvoir wurde ihre Mentorin und Freundin, mit Jean-Paul Sartre stand sie ebenfalls in Kontakt. Außerdem engagierte sich Schwarzer im Mouvement de Libération des Femmes.
Ihre Methode war früh klar: öffentliche Skandalisierung, damit politische Debatten überhaupt losgingen. 1975 trat sie in einem kontroversen Fernsehgespräch mit Esther Vilar auf, der Autorin von „Der dressierte Mann“. Ihr Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ analysierte die kulturelle Konstruktion von Sexualität und wurde international zum Bestseller.
In späteren Jahren positionierte sich Schwarzer gegen Transaktivismus, gegen den politischen Islam und für pazifistische beziehungsweise friedenspolitische Anliegen. 2000 traf sie die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel, die Schwarzer seit deren Einstieg in die Politik als Familienministerin 1991 begleitet und beobachtet hatte. 2006 feierte die Emma-Redaktion in Berlin gemeinsam mit Anke Engelke das 30-jährige Bestehen des Magazins.
Die Person hinter dem Blatt
Die Zeitschrift war stark auf Schwarzer als zentrale Person ausgerichtet. Eine ausgeprägte Redaktions- und Nachfolgestruktur gab es laut dem zugrunde liegenden Bericht nicht. Die Auflage sank zuletzt auf etwa 25.000 bis 50.000 Exemplare. Ein Übergabeversuch scheiterte 2008: Lisa Ortgies übernahm die Chefredaktion, trennte sich aber nach zwei Monaten wieder von Emma. Schwarzer nannte die Zusammenarbeit später „eine einzige Katastrophe“ und verwies auf Ortgies’ fehlende Printerfahrung.
Ortgies erklärte dagegen, sie habe keine konzeptionelle Freiheit gehabt. Außerdem sei sie damals wegen eines Säuglings und ihres sterbenden Vaters privat stark belastet gewesen. Schwarzer wurde wiederholt ein autoritärer beziehungsweise patriarchalischer Führungsstil vorgeworfen.
2006 kritisierte Schwarzer die damalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman wegen deren Buch „Das Eva-Prinzip“, das traditionelle Geschlechterrollen und die Frau als Mutter propagierte. Mit Formulierungen wie „Mutterkreuz und Steinzeitkeule“ rückte sie Herman in die Nähe nationalsozialistischer Ideologie und forderte Emma-Abonnentinnen auf, sich bei der ARD für Hermans Ablösung einzusetzen. Der Vorgang gilt in dem Bericht als frühes Beispiel einer massiven medialen Kampagne mit NS-Vergleichen. Später geriet Schwarzer selbst zunehmend ins Visier solcher Angriffe – vor allem aus linken politischen und feministischen Kreisen.
Auch ihre Berichterstattung über den Prozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann im Jahr 2010 sorgte für Kritik. Schwarzer nahm als Zuhörerin teil und veröffentlichte Berichte, unter anderem für die Bild-Zeitung von 2010 bis 2011. Ihr wurde vorgeworfen, einseitig und vorverurteilend berichtet sowie die Unschuldsvermutung missachtet zu haben. Es kam zu juristischen Auseinandersetzungen und Vergleichen. Eine spätere Emma-Glosse, in der sie Kachelmann nach seinem Freispruch implizit als Vergewaltiger bezeichnete, wurde gerichtlich untersagt. Die Zusammenarbeit mit der Bild hatte bereits 2007 für Unmut gesorgt, weil Schwarzer das Blatt zuvor wiederholt als frauenfeindlich bezeichnet hatte.
Steuerfall, Bücher und ein offenes Ende
Seit den 1980er-Jahren besaß Schwarzer ein Schweizer Konto. 2013 zeigte sie sich selbst an, weil sie über Jahrzehnte Zinserträge nicht versteuert hatte. Für die letzten nicht verjährten zehn Jahre zahlte sie rund 200.000 Euro Steuern nach. Ihr Vermögen auf dem Konto wurde auf 1,5 bis 3 Millionen Euro geschätzt. 2014 wurde der Fall öffentlich. Weil die Selbstanzeige unvollständig war, erließ das Amtsgericht Köln 2016 einen Strafbefehl; Schwarzer musste eine sechsstellige Geldstrafe zahlen.
Als Gründe nannte sie zunächst die gegen sie gerichtete „Hatz“ der 1980er-Jahre, später „Nachlässigkeit“ beziehungsweise einen Fehler. In der bi
