Indische Studierende stärken Deutschlands MINT-Forschung und Fachkräftesicherung
Seit etwa zweieinhalb Jahren studiert Nipun Sharma an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Für ihr Masterstudium zog sie aus Indien an die Oder. Dort ist sie eine von fast 280 Studierenden aus Indien, die für ein Studium an die Viadrina gekommen sind. Frankfurt gefällt ihr – auch wenn ihr Aufenthalt nicht in allen Punkten so verlaufen ist, wie sie erwartet hatte.
Sharmas Weg steht für eine Entwicklung, die an deutschen Hochschulen längst sichtbar ist. Der Zustrom indischer Studierender hat nicht nur persönliche Gründe. Indien stellt inzwischen mit fast 50.000 eingeschriebenen Studierenden die größte Gruppe internationaler Studierender in Deutschland. China wurde als wichtigstes Herkunftsland überholt. An der Viadrina lässt sich dieser Wandel im Kleinen beobachten: im Seminar, auf dem Campus, zwischen Bibliothek und Wohnheim.
Warum Deutschland für viele interessant ist
Indien ist jung, wirtschaftlich im Aufbruch und geopolitisch bedeutsam. Dazu kommen wissenschafts- und technologiepolitische Ambitionen. Die erfolgreiche Landung einer indischen Mondsonde im Jahr 2023 gilt als Symbol dafür. Gleichzeitig sind die staatlichen indischen Forschungs- und Entwicklungsausgaben im internationalen Vergleich niedrig. Junge Talente suchen deshalb verstärkt internationale Studien- und Berufsperspektiven.
Deutschland kann davon profitieren. Das Land leidet unter Fachkräftemangel und findet im großen Pool gut ausgebildeter indischer Nachwuchskräfte potenzielle Verstärkung. Indische Studierende wählen überwiegend technische und naturwissenschaftliche Fächer – ihre Zahl in Deutschland steigt, während die Nachfrage deutscher Studierender nach diesen Fächern sinkt.
83 Prozent der indischen Studierenden kommen bereits mit einem Bachelorabschluss nach Deutschland und beginnen hier ein Masterstudium. Die kurze Studiendauer und englischsprachige Angebote machen den Abschluss attraktiv. Zwei Drittel möchten nach dem Studium in Deutschland arbeiten. Gerade für hochqualifizierte MINT-Berufe eröffnet die vergleichsweise hohe Bleibequote Chancen. Das Medianeinkommen indischer Beschäftigter liegt bereits über dem deutschen Bundesdurchschnitt.
Allerdings ist der Weg vom Hörsaal in den Betrieb nicht automatisch frei. Englischsprachige Studiengänge erleichtern den Einstieg an der Hochschule, können den Berufseinstieg aber erschweren, weil besonders mittelständische Unternehmen häufig praxistaugliche Deutschkenntnisse verlangen. Frühzeitige Deutschkurse, Praktika und Werkstudentenstellen könnten helfen. Auch Karriereberatung und Mentoring sollen weiter ausgebaut werden. Hochschulen, Kommunen und Unternehmen müssten dafür enger zusammenarbeiten – nicht erst, wenn das Abschlusszeugnis schon in der Schublade liegt.
Visa, Wohnungen und die Sprache
Deutschland könnte sich im internationalen Wettbewerb um Studierende günstiger positionieren. In den USA wird ein deutlicher Rückgang der Bewerbungen erwartet. Großbritannien, Kanada, Australien und die Niederlande diskutieren Begrenzungen oder haben bereits Maßnahmen zur Reduzierung internationaler Studierender umgesetzt. Wenn Deutschland seine Attraktivität weiter steigert, könnte es von dieser Verschiebung profitieren.
Dafür braucht es mehr englischsprachige Studienangebote, auch im Bachelorbereich, schnellere und stärker digitalisierte Visaverfahren sowie mehr bezahlbaren Wohnraum in Hochschulstädten. Nötig sei außerdem ein anhaltendes politisches Bekenntnis zu einem offenen und talentfreundlichen Deutschland. Der Auswahlprozess für indische Studierende wird zugleich als teilweise intransparent und zu wenig leistungsbezogen kritisiert. Leistungsorientiertere Verfahren könnten helfen, mehr besonders leistungsstarke Studierende zu gewinnen.
Auch die Netzwerke zählen. Für eine langfristige Integration reichen Studium und Arbeit allein nicht immer aus. Die indische Diaspora in Deutschland kann mit Peer-Angeboten, Mentoring und Alumni-Arbeit Erfahrungen und Kontakte einbringen. Hochschulen, Unternehmen und Zivilgesellschaft könnten gemeinsame Plattformen für Austausch und Talentbindung schaffen.
Der Bedarf ist groß. Deutschland steht vor den Folgen von Digitalisierung, Dekarbonisierung, demografischem Wandel und Deglobalisierung. Eine IW-Unternehmensbefragung bezeichnet den Fachkräftemangel als bedeutendes Hemmnis für Digitalisierung und Dekarbonisierung. Rund 75 Prozent der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung verfügen über eine MINT-Qualifikation. Im März 2025 fehlten in Deutschland rund 159.000 MINT-Arbeitskräfte.
Sinkende PISA-Ergebnisse, rückläufige Studienanfängerzahlen in MINT-Fächern und der demografische Wandel gefährden die bisherige Entwicklung. Für ein stabiles Beschäftigungsniveau wird eine hohe Nettozuwanderung als erforderlich beschrieben. Bis 2035 soll das Arbeitskräfteangebot um rund sieben Millionen zurückgehen.
Vom Campus in den Arbeitsmarkt
Die Zahlen zur Beschäftigung indischer Fachkräfte sind deutlich: Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Inderinnen und Indern in MINT-Berufen stieg von knapp 7.000 Ende 2012 auf knapp 53.400 im Juni 2024 – ein Zuwachs von 665 Prozent. In akademischen MINT-Berufen kletterte die Zahl von 3.750 auf 32.431, also um 765 Prozent.
Auch die Forschung trägt diese Spur. Der Anteil von Erfinderinnen und Erfindern mit indischen Wurzeln an allen Erfindenden verfünffachte sich zwischen 2010 und 2020. Besonders kräftig war der Zuwachs bei Patentanmeldungen in Informations- und Kommunikationstechnologien sowie in der Elektrobranche.
Der Medianlohn indischer Vollzeitbeschäftigter lag Ende 2023 bei 5.359 Euro monatlich. Zum Vergleich: Der Durchschnitt über alle Berufe in Deutschland betrug 3.796 Euro. Internationale Studierende gelten damit nicht nur als künftige Fachkräfte, sondern auch als Beitragszahlende der sozialen Sicherungssysteme. Arbeitgeber können durch ihre Beschäftigung teilweise langwierige Auslandsrekrutierungen vermeiden.
Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz von 2023 senkt Hürden für beruflich Qualifizierte, erweitert die Blaue Karte EU, erleichtert die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und führt die Chancenkarte zur Jobsuche in Deutschland ein. Informationsangebote wie „Make it in Germany“ und die Förderung von Studierenden aus Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum sollen die Zuwanderung unterstützen.
Viele Bewerberinnen und Bewerber investieren in Indien mehrere Jahre in Sprachkurse und sparen für Visa, Reise und die erste Zeit in Deutschland. Die DIHK und die AHK Indien begleiten diesen Weg mit zwei vom Bund geförderten, für Bewerbende gebührenfreien Projekten: „Hand in Hand for International Talents“ unterstützt Fachkräfte bestimmter Ausbildungsberufe beim Spracherwerb, bei der Migration und bei der Integration in Betriebe. „ProRecognition“ hilft bei der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen sowie bei Fragen zu Arbeitsmarktzugang und Visa.
Das 2022 unterzeichnete deutsch-indische Migrationsabkommen soll die Bedingungen für Migration aus Indien verbessern. Die Aufstockung des Personals an deutschen Auslandsvertretungen in Indien hat laut Artikel die Visaverfahren verbessert. Trotzdem bleiben fehlende oder unzureichende Deutschkenntnisse, lange Bearbeitungszeiten bei Ausländerbehörden und angespannte Wohnungsmärkte mühsame Stolpersteine.
Seit 2021 ist Indien Fokus- und Partnerland der Bundesagentur für Arbeit bei der aktiven Anwerbung von Auszubildenden und Fachkräften. Ein dreijähriges Pilotprojekt der BA richtet sich besonders an indische Studierende und läuft an zehn Standorten in Hamburg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Sachsen. Es soll bestehende Hochschulangebote nicht ersetzen, sondern erfolgreiche Ansätze weiterentwickeln, neue Maßnahmen erproben und Erfahrungen und Kompetenzen der beteiligten Akteure verknüpfen.
Die Arbeitsagenturen sollen beim Übergang vom Studium in den Beruf beraten und vermitteln. Geplant sind Informationen zu berufsspezifischen Anforderungen in Deutschland, Beratung zur Beschäftigungsaufnahme und Zugang zu Deutschkursen in Zusammenarbeit mit Hochschulen. Beteiligt werden sollen Politik, BA, Hochschulen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Indien als Partner – mit offenen Fragen
Die Zahl indischer Studierender in Deutschland stieg von 4.825 im Jahr 2010 auf 42.578 im Jahr 2022. Indien hat 1,45 Milliarden Einwohner und eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung. Für Deutschland ist das Land deshalb ein wichtiger Partner, auch weil der internationale Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte zunimmt.
Indische Fachkräfte finden hier technologische Entwicklungsmöglichkeiten, eine leistungsfähige Forschungslandschaft und hohe Ausbildungs- und Arbeitsstandards. Hinzu kommen die Nähe zu Schlüsseltechnologien wie Mobilität, Maschinenbau, erneuerbaren Energien und künstlicher Intelligenz, langfristige Aufenthalts- und Niederlassungsperspektiven sowie Integrationsangebote für Familienangehörige. Nach Deutschland kommen junge Menschen für eine Ausbildung ebenso wie erfahrene akademische Fachkräfte.
Der DAAD hebt in einem neuen Strategiepapier die Bedeutung der deutsch-ind
