Essen ehrt Selma Meyer und Alice Shalvi mit Straßennamen am Forschungscampus Thurmfeld
Am 16. Oktober 2026 hat Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen zwei neue Straßen am Forschungs- und Innovationscampus Thurmfeld nach den Wissenschaftlerinnen Prof. Dr. Alice Shalvi und Prof. Dr. Selma Meyer benannt. Der Termin fiel auf Alice Shalvis 100. Geburtstag. Ihre Nachkommen waren dafür aus Israel angereist.
Beide Frauen wurden in Essen geboren, gehörten zu den Vorreiterinnen ihrer Fachgebiete und mussten Deutschland wegen der nationalsozialistischen Verfolgung verlassen. Heute erschließen die Alice-Shalvi-Straße und die Selma-Meyer-Straße den Campus, auf dem derzeit die Forschungsbauten „ACTIVE SITES“ und „FutureWaterCampus“ der Universität Duisburg-Essen (UDE) entstehen. Die UDE hatte die Namensvorschläge gemacht, entschieden hat die Bezirksvertretung I.
Erinnerung zwischen neuen Forschungsbauten
Zur Feier kamen unter anderem UDE-Rektorin Prof. Barbara Albert, Vertreterinnen und Vertreter der Universität und der Stadt sowie Nachkommen der Geehrten. Kufen sagte, beide Wissenschaftlerinnen hätten sich auch für Frauenrechte eingesetzt. Die neuen Straßennamen sollten an die Verfolgung und das erlittene Unrecht der beiden jüdischen Wissenschaftlerinnen erinnern.
Gerade angesichts des zunehmenden Antisemitismus verwies der Oberbürgermeister auf die Bedeutung der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und des Schutzes jüdischen Lebens. Barbara Albert betonte die Verbindung zwischen der UDE, der Stadt Essen und den beiden Wissenschaftlerinnen. Dazu passt auch ein kürzlich unterzeichnetes Memorandum of Understanding zwischen der UDE und der Hebräischen Universität Jerusalem.
Selma Meyer: Pionierin der Kinderheilkunde
Selma Meyer (1881–1958) wurde in Essen geboren und studierte ab 1910 Medizin in Berlin. 1916 promovierte sie, 1917 erhielt sie ihre Approbation. Als erste Frau im Fach Kinderheilkunde und als zweite Frau überhaupt an einer deutschen medizinischen Fakultät habilitierte sie sich 1922. Fünf Jahre später wurde sie zur ersten außerplanmäßigen Professorin für Kinderheilkunde in Deutschland ernannt.
Ihre Forschung beschäftigte sich mit Infektionskrankheiten, Hämatologie und Sozialpädiatrie. 1933 entzogen ihr die Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft die Lehrbefugnis, 1938 verlor sie ihre Approbation. Meyer wurde ausgebürgert und enteignet. 1939 emigrierte sie nach England, 1940 in die USA. Bis zu ihrem Tod 1958 arbeitete sie als Kinderärztin in New York.
Alice Shalvi: Von Essen nach Jerusalem
Alice Hildegard Shalvi, geborene Margulies, kam am 16. Oktober 1926 in Essen zur Welt. Sie wuchs in einer orthodox-jüdischen, religiös-zionistischen Familie auf. Ihre Eltern waren der polnisch-jüdische Verbandsfunktionär Benzion Margulies und Perl Margulies. Kurz nach Hitlers Machtübernahme wurde das Elternhaus durchsucht. Ihr Vater emigrierte 1933 nach England; im Mai 1934 holte er die Familie nach London.
Während des Zweiten Weltkriegs lebten die Margulies zunächst in London, später in Waddesdon nördlich der Hauptstadt. Dort baute die Familie eine Fabrik für Geräte zur Kalibrierung von Munitionszündern auf. Shalvi begann 1944 an der Universität Cambridge Englische Literatur zu studieren, schloss das Bachelorstudium 1947 ab und erwarb 1950 den Masterabschluss. Außerdem machte sie ein Diplom in Sozialarbeit an der London School of Economics. 1946 nahm sie als Vertreterin britischer jüdischer Studierender am 22. Zionistischen Kongress in Basel teil.
1949 wanderte sie nach Israel aus und ließ sich in Jerusalem nieder. Im selben Jahr schloss sie ihr Studium der Sozialarbeit ab. An der Hebräischen Universität Jerusalem wurde sie Mitglied des englischsprachigen Fachbereichs; dort promovierte sie 1962. Von 1950 bis 1990 lehrte sie an der Universität. Im Mai 1950 lernte sie Moshe Shelkowitz kennen, im Oktober heirateten die beiden. Moshe nahm später den Nachnamen Shalvi an. Das Paar hatte sechs Kinder, drei Töchter und drei Söhne. Moshe Shalvi starb am 6. Juli 2013.
Shalvi gründete die Pelech-Schule, eine experimentelle religiöse Mädchenschule, an der unter anderem unkonventionell Talmud unterrichtet wurde. Von 1975 bis 1990 leitete sie ehrenamtlich eine progressive Oberschule für religiöse Mädchen in Jerusalem und gründete beziehungsweise leitete Pelech. 1969 baute sie an der Universität in Beʾer Scheva, der heutigen Ben-Gurion-Universität im Negev, den Fachbereich Anglistik auf. Sie leitete die Fachbereiche für englische Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem und an der Ben-Gurion-Universität des Negev. Von 1973 bis 1976 stand sie dem Institut für Sprache und Literatur der Hebräischen Universität vor; von 1973 bis 1979 initiierte sie außerdem die Nachbarschaftsvereinigungsbewegung Ohalim. 1990 wurde sie emeritiert.
Wissenschaft, Schule und Frauenrechte
Als Feministin und Aktivistin für Frauenrechte gehörte Shalvi 1984 zu den Gründerinnen des Israel Women’s Network und wurde dessen erste Vorsitzende. Von 1984 bis 2000 war sie Gründungsdirektorin und später Vorsitzende des Netzwerks, das die Stellung von Frauen in Israel verbessern wollte. Sie setzte sich gegen Benachteiligung und Diskriminierung ein, ebenso für die Anerkennung des Beitrags von Frauen in allen Bereichen und Ebenen der israelischen Streitkräfte.
In den 1990er-Jahren gründete sie die International Coalition for Agunah Rights. Die Organisation unterstützt Frauen, deren Ehemänner die religiöse Scheidung verweigern. 1997 wurde Shalvi Rektorin des Schechter-Instituts für Jüdische Studien in Jerusalem, das dem Jewish Theological Seminary in New York angehört; vier Jahre lang hatte sie dieses Amt inne. Außerdem gehörte sie dem Beirat des Remember the Women Institute und dem Vorstand des Israel/Palestine Center for Research and Information an.
Für ihr Engagement erhielt sie mehrere Auszeichnungen: 1989 den Emil-Grünzweig-Menschenrechtspreis beziehungsweise den Emil Grunzweig Human Rights Award als Gründerin des Israel Women’s Network, 2000 eine Ehrendoktorwürde der Brown University, 2001 den Alice-Salomon-Award, 2007 den Israel-Preis für ihr Lebenswerk und ihren besonderen Beitrag zu Gesellschaft und Staat Israel, 2009 den Leibowitz-Preis gemeinsam mit Rabbi Arik Ascherman und 2017 den Sylvan Adams Nefesh B’Nefesh Bonei Zion Prize für ihr Lebenswerk. Der Israel-Preis gilt als höchste staatliche Auszeichnung Israels.
Ihre Autobiografie Never a Native erschien 2018. Dafür erhielt sie 2018 den National Jewish Book Award in der Kategorie Women’s Studies; die deutschsprachige Quelle nennt für ihr Lebenswerk außerdem einen National Jewish Book Award im Jahr 2019. Rabbi Tamar Elad-Appelbaum, eine ehemalige Schülerin Shalvis, interviewte sie 2023 kurz vor ihrem Tod zu ihren Erfahrungen als Pädagogin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin.
Alice Shalvi starb am 2. Oktober 2023 in Jerusalem, zwei Wochen vor ihrem 97. Geburtstag, im Alter von 96 Jahren. Der Dokumentarfilm Alice. Last Conversation über ihr Leben wurde von Nurit Jacobs-Yinon und Avigail Sperber produziert und 2026 beim Haifa-Filmfestival vorgestellt. An ihrem 100. Geburtstag trägt nun auch in Essen eine Straße ihren Namen – nicht weit von den neuen Laboren und Forschungsgebäuden am Thurmfeld.
