An der Freien Universität Berlin wird über Proteste gesprochen, die längst größer sind als ein einzelner Demo-Aufruf. Weltweit gehen junge Menschen, vor allem aus der Generation Z, auf die Straße – in Nepal, Madagaskar, Marokko, Albanien und Frankreich. Auch in Deutschland wächst der Eindruck: Da liegt etwas in der Luft. Kriege, Klimakrise, Wohnungsnot, Bildungssorgen und die mögliche Wehrpflicht drücken sich nicht einfach weg.

Der Soziologe Simon Teune beschreibt die „Gen Z regelt“-Proteste als Ausdruck eines verbreiteten Zukunftsgefühls junger Menschen. Viele erleben das politische System nicht als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems. Demokratie wirkt dann nicht wie ein Werkzeug, das man in die Hand nehmen kann, sondern wie ein Apparat hinter Glas. Man sieht ihn, aber man kommt nicht richtig heran.

Wenn Politik kaum noch veränderbar wirkt

Zu den zentralen Themen zählen neben Kriegen und einer möglichen Wehrpflicht die Klimakrise, Mängel im Bildungssystem und die Schwierigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Unter Jugendlichen beobachtet Teune eine Entfremdung von demokratischen Institutionen und Verfahren. Politik werde kaum als gestaltbar erlebt – auch nicht durch Protest.

Die Erfahrungen von Fridays for Future spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Bewegung mobilisierte viele Menschen, doch Maßnahmen, die erreicht wurden, würden inzwischen teilweise wieder zurückgenommen. So entsteht der Eindruck, die Demokratie habe auf kommende Herausforderungen keine ausreichenden Antworten. Protest bleibt trotzdem ein demokratischer Impuls: Menschen erfahren sich als handelnde Personen, nicht nur als Publikum.

Damit daraus ein nachhaltiger demokratisierender Effekt entsteht, muss Politik auf die Protestierenden reagieren. Ein Umgang, der überwiegend von Diskreditierung und Repression geprägt ist, kann die Entfremdung weiter verschärfen. Begriffe wie „Krawallmigranten“ und „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ vermitteln Betroffenen, dass sie weder gehört werden noch zur Gesellschaft gehören.

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Teune wirft insbesondere der Union vor, Migration nach dem Vorbild der AfD zur Ursache aller Probleme zu erklären. Diese Deutung erkläre Teile der Bevölkerung zum Problem und blende soziale Ursachen aus. Im Zusammenhang mit einer ähnlichen Debatte verweist er auf einen rassistischen Terroranschlag in Frankreich. Eine solche Erzählung vertiefe die Kluft zwischen Politik und jungen Menschen mit Migrationsgeschichte – laut Teune machen sie rund 40 Prozent der entsprechenden Altersgruppe aus.

Zwischen Plünderung, Wut und politischer Inszenierung

Zu Plünderungen, etwa in Frankfurt am Main, seien die Ereignisse noch nicht ausreichend rekonstruiert. Aus früheren Situationen, unter anderem am 1. Mai in Berlin, sind laut Teune jedoch bestimmte Dynamiken bekannt. Eine vorausgehende mediale und politische Debatte über Gewalt kann Proteste fast ausschließlich mit Gewalt verbinden. Politische Inhalte geraten dann leicht unter die Räder.

Gleichzeitig kann eine solche Debatte Erwartungen erzeugen und ein Möglichkeitsfenster für Regelüberschreitungen öffnen. Weitere Faktoren könnten der Einfluss orthodox-kommunistischer Jugendgruppen mit revolutionärer Perspektive sein, gegenseitige Anstachelung in sozialen Medien und Freundeskreisen sowie das konkrete Auftreten der Polizei vor Ort.

Bei Krawallen und Plünderungen vermischen sich unterschiedliche Motive. Politische Gruppen könnten Angriffe auf die Polizei und brennende Autos gezielt einsetzen, um Bilder von Unregierbarkeit und Umbruch zu erzeugen. Andere könnten die Situation als Gelegenheit nutzen, Handlungsmacht zu erfahren oder am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Es wäre deshalb ein Fehler, solche Handlungen zu entpolitisieren und ihre sozialen Hintergründe auszublenden.

Teune ordnet die bisherigen Proteste eher als Serie von Protestereignissen denn als fertige soziale Bewegung ein. Darin treffen mehrere Bewegungen aufeinander: die antimilitaristische Bewegung, die Klimabewegung und die Bildungsbewegung. Ob diese Akteure dauerhaft zusammenfinden, ist offen. Dass sich bereits mehrere Zehntausend Menschen beteiligen, zeigt aber ein erhebliches Mobilisierungspotenzial.

Protestbewegungen entstehen meist schrittweise, durch Organisation und Vernetzung. Der CIVICUS-Bericht „State of Civil Society Report 2026“ beschreibt, wie junge Menschen sich über soziale Medien verbinden, Forderungen formulieren und politischen Druck aufbauen. Die Reichweite allein reicht allerdings nicht. Für nachhaltige politische Wirkung braucht es konkrete Forderungen, zuständige Ansprechpartner, Organisation und langfristiges Engagement.

Albanien, Frankreich – und die offene Frage nach Deutschland

Das Institut für Generationenforschung fragt, ob in Deutschland eine eigenständige politische Bewegung entsteht oder ob internationale Protestbilder die Mobilisierung auslösen. Nach eigenen Angaben war das Institut in Albanien und Frankreich vor Ort und führte Gespräche mit Protestierenden. Die Eindrücke sind ausdrücklich nicht repräsentativ, sollen aber zeigen, dass die Generation Z keine politisch einheitliche Bewegung bildet.

In Albanien beobachtete das Team eine anhaltende Protestbewegung, an der sich nach seinen qualitativen Eindrücken Menschen verschiedener politischer Richtungen beteiligten, darunter konservative Gruppen. Ein 19-jähriger albanischer Protestierender sagte: „Die Bewegung ist weder links noch rechts ausgerichtet und protestiert seit 140 Tagen friedlich gegen Regierung und Opposition.“

In Frankreich nahm das Team ein deutlich linksorientiertes Protestumfeld wahr. Eine 22-jährige Französin sagte, bei Demonstrationen komme es in Frankreich häufig zu Bränden; sie erwarte, dass Proteste der deutschen Generation Z weniger gewaltsam ausfallen würden. Für Deutschland erwartet das Institut eher eine geordnetere Protestkultur als in Teilen Frankreichs. Diese Einschätzung ist allerdings noch nicht überprüft.

Die Ursachen der Proteste unterscheiden sich laut Rüdiger Maas von Land zu Land. Zugleich vergleichen sich junge Menschen häufig mit früheren Generationen. Hinter den Demonstrationen stehen Themen wie fehlender gesellschaftlicher Fortschritt, Zukunftsängste und die Sorge, den Lebensstandard der Eltern nicht halten zu können.

Die Jugendtrendstudie 2026 des Instituts für Generationenforschung und der Universität Augsburg beschreibt zunehmende Einsamkeit und sozialen Rückzug junger Menschen. Laut der Vodafone-Stiftung-Studie „Generation einsam?“ von Februar 2026 fühlt sich knapp die Hälfte der befragten 14- bis 20-Jährigen häufig oder gelegentlich einsam. Da drängt sich die Frage auf, ob gemeinsamer Protest neben politischer Einflussnahme auch Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit vermitteln kann. Als gesicherte Erklärung für die aktuellen Protestbewegungen gilt dieser Zusammenhang bislang nicht.

Die entscheidende Bewährungsprobe beginnt nach der Demonstration. Erst dann zeigt sich, ob Unzufriedenheit in dauerhafte politische Handlungsmacht übersetzt werden kann. Ein Hashtag ist schnell geteilt. Ein Ansprechpartner, der tatsächlich antwortet, deutlich seltener.

Zwischen Polizeigewalt und sichtbarem Widerspruch

Debatten über mögliche Demonstrationsverbote am 20. November könnten unterschiedliche Wirkungen haben. Sie könnten die Wahrnehmung bestätigen, dass Politik nicht Teil der Lösung sei, und dadurch die Entschlossenheit erhöhen. Die angekündigte Polizeigewalt kann zugleich Menschen abschrecken, die grundsätzlich protestbereit sind.

Die deutliche Distanzierung von Gewalt und Vermummung durch „Gen Z regelt“ steht in einer älteren Debatte. Nach einer Position verliert ein Protest seine Wirkung, sobald er mit Gewalt verbunden wird. Nach einer anderen sind sichtbare Formen des Widerspruchs für gesellschaftliche Wirkung wichtig. Welche Wirkung eintritt, hängt von den konkreten Umständen ab – ein Satz, der wenig spektakulär klingt, aber in der Praxis ziemlich viel Arbeit macht.

Bildungsministerin Karin Prien (CDU) kündigte einen Bildungsgipfel an. Teune wertet es als begrenzten Erfolg, dass die Perspektive Jugendlicher wieder berücksichtigt wird. Er verweist jedoch darauf, dass auch nach Fridays for Future und einem Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Bedeutung der Generationengerechtigkeit kaum praktische Verbesserungen erfolgt seien. Die bloße Ankündigung eines Gipfels bedeute daher noch wenig.

Misstrauen hat einen Ort

Der „Deutschland-Monitor 2025“ untersucht insbesondere die Generation Z. Die Mehrheit der Deutschen befürwortet die Demokratie grundsätzlich, mit ihrer Funktionsweise zufrieden sind derzeit jedoch nur 60 Prozent. In Ostdeutschland liegt der Anteil bei 51 Prozent.

Viele junge Menschen fühlen sich politisch kaum vertreten, teilweise benachteiligt und sorgen sich um ihre Zukunft. Einige engagieren sich, andere interessieren sich kaum für Politik. Studien zufolge sind viele trotz grundsätzlich optimistischer Zukunftserwartungen verunsichert und haben wenig Vertrauen in die Politik.

In Zeitz in Sachsen-Anhalt wird das greifbar. Viele junge Erstwähler fühlen sich von der Politik nicht angesprochen. Britta (20), Marko (20) und Henry (22) dürfen bei der kommenden Landtagswahl erstmals wählen. Henry will seine Stimme abgeben und zwischen mehreren