Handyspiele als Frühwarnzeichen für künftigen Alkoholkonsum erforscht
Ein kurzes Handyspiel kann womöglich einen Hinweis darauf geben, dass im folgenden Monat mehr Alkohol getrunken wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Universitätsklinikums Würzburg und der TU Dresden, an der auch der Forschungsverbund TRR 265 der Charité beteiligt war. Die Untersuchung erschien im Fachjournal „Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging“.
603 Menschen spielten dafür ein Jahr lang einmal im Monat kurze Spiele auf ihrem Handy. Die Erhebung fand in Dresden, Mannheim und Berlin statt. Wer dabei riskanter oder unvorsichtiger als sonst entschied, trank im Folgemonat häufig mehr Alkohol. Die umgekehrte Richtung ließ sich nicht messen: Ein höherer Alkoholkonsum führte im darauffolgenden Spiel nicht erkennbar zu riskanterem Verhalten.
Vier Spiele, 20 Minuten – und ein auffälliger zeitlicher Ablauf
Die Teilnehmenden hatten überwiegend eine leichte bis mittelschwere Alkoholkonsumstörung. Einen Entzug brauchten sie nicht, ihren Konsum konnten sie aber nicht mehr vollständig kontrollieren. Über das Handy machten sie Angaben zu ihrem Alkoholkonsum, darunter auch zur zuletzt getrunkenen Menge.
Jede Spielrunde dauerte etwa 20 Minuten und bestand aus vier Tests. Zwei Spiele prüften die Selbstkontrolle: Einmal mussten braune Früchte rechtzeitig aussortiert werden, einmal galt es, sich Punktmuster zu merken. Die beiden anderen Spiele zielten auf Risikoverhalten. In einem davon konnten die Spielenden zwischen einer sicheren und einer riskanten Wette wählen. Im Kartenspiel kosteten weitere aufgedeckte Karten möglicherweise Punkte.
Nur die Risikospiele standen mit dem späteren Alkoholkonsum in Verbindung. Wer bei den Wetten häufiger ins Risiko ging, trank im Folgemonat mehr. Im Kartenspiel zeigte sich ein ähnliches Muster: Personen tranken häufiger mehr, wenn sie weniger Karten aufdeckten und dadurch vorschneller entschieden. Bei den Aufgaben zur Selbstkontrolle fanden die Forschenden keinen entsprechenden Zusammenhang.
Die zeitliche Abfolge blieb bestehen, nachdem der vorherige Alkoholkonsum berücksichtigt worden war. Das klingt zunächst ziemlich eindeutig, beweist aber keine Kausalität. Die Trinkmengen wurden selbst angegeben, und die Ergebnisse gelten im Durchschnitt – nicht zwingend für jede einzelne Person.
Vom Forschungsspiel zum Frühwarnsystem
Das Team möchte die Spiele zu einem Frühwarnsystem auf dem Handy weiterentwickeln. Auffällige Werte könnten dann Anlass für eine frühzeitige Beratung geben. Eine Behandlung lässt sich daraus derzeit noch nicht ableiten. In einer Folgestudie sollen 150 Personen zweimal täglich spielen, damit der Zeitpunkt möglicher Veränderungen genauer bestimmt werden kann.
Der größere wissenschaftliche Rahmen heißt TRR 265. Der Sonderforschungsbereich beschäftigt sich mit „Verlust und Wiedererlangung der Kontrolle bei Suchterkrankungen“. Sein neuer Internetauftritt ist unter www.trr265.org erreichbar.
Alkohol- und Tabakkonsum zählen weltweit zu den wichtigsten Risikofaktoren für Mortalität und Morbidität. Zwar wächst das Wissen über individuelle Faktoren, die Beginn und Fortdauer von Substanzkonsum fördern. Fundierte Erkenntnisse darüber, welche Faktoren und Mechanismen den Verlust und die Wiedererlangung der Kontrolle über den Drogenkonsum beeinflussen, fehlen aber noch.
Das Forschungskonsortium will Verläufe von Kontrollverlust und Kontrollwiedererlangung beim Drogenkonsum identifizieren, die zugrunde liegenden neurobiologischen und Lernmechanismen untersuchen und mechanismusbasierte Therapien entwickeln. Dafür verbindet es drei Ansätze: Mobile-Health-Tools und Tiermodelle, vernetzte Human- und Tierstudien sowie die Entwicklung von Interventionen.
Bei den Mobile-Health-Tools und Tiermodellen geht es unter anderem um Trigger wie Drogenreize, Stress und kleine Drogenmengen zu Beginn eines Rückfalls auf Alkohol- und Tabakkonsum. Zusätzlich werden Alter, Geschlecht, körperliche Aktivität und kognitive Funktionen als modifizierende Faktoren untersucht – im Alltag von Menschen ebenso wie in Tiermodellen des Suchtverhaltens.
Vernetzte Human- und Tierstudien sollen jene Mechanismen identifizieren und mathematisch modellieren, durch die Trigger und modifizierende Faktoren zielgerichteten, habituellen und zwanghaften Drogenkonsum beeinflussen. Darauf aufbauend sollen Interventionen gezielt an den gefundenen Mechanismen ansetzen und die Wiedererlangung der Kontrolle über den Drogenkonsum unterstützen. Das überregionale Verbundprojekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über vier Jahre mit etwa 12 Millionen Euro gefördert.
Viele trinken riskant – auch wenn der Pro-Kopf-Wert sinkt
Die Zahlen zeigen, warum solche Frühwarnideen nicht bloß akademische Spielerei sind. Laut „Jahrbuch Sucht 2026“ gelten in Deutschland rund 2,16 Millionen Erwachsene als alkoholabhängig; weitere 1,7 Millionen trinken missbräuchlich. Jährlich werden etwa 44.000 Todesfälle mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht.
Für das Jahr 2024 weist die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen bei 3,9 Millionen Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren eine alkoholbezogene Störung aus: 1,7 Millionen mit Alkoholmissbrauch und 2,2 Millionen mit Alkoholabhängigkeit. 8,6 Millionen Menschen dieser Altersgruppe gaben an, in den vergangenen 30 Tagen Alkohol in riskanten Mengen konsumiert zu haben. Als riskant gilt ein durchschnittlicher Konsum von mehr als 12 Gramm Reinalkohol pro Tag bei Frauen beziehungsweise mehr als 24 Gramm bei Männern.
9,5 Millionen Personen tranken an mindestens einem der letzten 30 Tage fünf oder mehr alkoholische Getränke. Das wird als episodisches Rauschtrinken bezeichnet. Deutschland weist im internationalen Vergleich seit vielen Jahren einen hohen Alkoholkonsum auf.
Der registrierte Pro-Kopf-Alkoholkonsum der Menschen ab 15 Jahren lag 2024 bei 10,0 Litern Reinalkohol. 2012 waren es 11,7 Liter, 2014 11,6, 2016 11,4, 2018 11,3, 2020 10,7, 2021 10,6, 2022 10,8 und 2023 10,3 Liter. Einschließlich nicht registrierten Alkohols betrug der Gesamt-Pro-Kopf-Konsum 2024 10,5 Liter (Stand: August 2026).
Die Angaben stammen aus dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2024 von Olderbak et al. sowie von Manthey und Kilian im DHS Jahrbuch Sucht 2026 und im Open Science Framework. Wer selbst merkt, dass der Konsum aus dem Ruder läuft, kann die Sucht-&-Drogen-Hotline unter 01806 31 30 31 rund um die Uhr erreichen. Hilfe bieten außerdem örtliche Suchtberatungsstellen über das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Treffen der Anonymen Alkoholiker sowie Hausarztpraxen für Erste Hilfe und Überweisungen.
Falls aus dem Handyspiel eines Tages tatsächlich ein Risikowert wird, sollte dieser laut den Forschenden auf dem Handy der betroffenen Person bleiben und nicht in fremden Datenbanken gespeichert werden. Ein kleiner Balken auf dem Display – und bitte nicht gleich eine Akte irgendwo im Nirgendwo.
