Am 19. Januar 2027 geht es an der Universität Bielefeld um eine Frage, die zwischen Archiv, Labor und Hörsaal liegt: Josephine Musil-Gutsch spricht über „Towards an Integrated History of the Humanities and Sciences“. Der Vortrag beginnt um 16:15 Uhr und findet im Raum V2 105/115 der Universität Bielefeld, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld, statt. Eine Teilnahme ist vor Ort und online möglich; die Details stehen auf der Veranstaltungswebsite. Der Eintritt ist kostenlos.

Organisiert wird der Termin vom Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) und dem Institute for Studies of Science (ISoS) der Universität Bielefeld. Der Vortrag gehört zur Reihe „Interdisciplinarity in Scientific Research – Perspectives from Practice and Science Studies“. Kontakt für Rückfragen: medien@uni-bielefeld.de. Weitere Informationen gibt es unter www.uni-bielefeld.de sowie auf der Veranstaltungsseite.

Wenn Fächer nicht brav in ihren Schubladen bleiben

Die Veranstaltungsreihe nimmt theoretische und praktische Perspektiven auf interdisziplinäre Forschung in den Blick. Es geht um Bedingungen, Formen und Auswirkungen gemeinsamer Forschung, um den Unterschied zwischen inter- und multidisziplinären Ansätzen und um die Frage, wie Wissen über Fachgrenzen hinweg integriert wird. Auch die Entstehung und Stabilisierung interdisziplinärer Forschungsfelder steht auf dem Programm – ebenso wie der Umgang mit unterschiedlichen Methoden, Standards und wissenschaftlichen Kulturen.

Dazu kommen Erfahrungen aus Forschung, Förderung und institutioneller Praxis. Das klingt zunächst nach viel Papier und noch mehr Sitzungsordnern, berührt aber sehr konkrete Probleme: Wie verständigen sich Forschende, wenn sie nicht dieselben Begriffe, Verfahren oder Qualitätsmaßstäbe verwenden? Und was passiert, wenn aus verschiedenen Blickwinkeln nicht bloß ein Nebeneinander, sondern tatsächlich ein gemeinsamer Forschungsprozess werden soll?

Josephine Musil-Gutsch kommt von der Universität Erlangen-Nürnberg nach Bielefeld. Sie war dort von 2024 bis 2026 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum für interdisziplinäre Wissenschaftsreflexion. Heute ist sie Postdoc am LMU-Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology“. Studiert hat sie Komparatistik und Wissenschaftsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München; 2022 promovierte sie an der LMU. Forschungsstationen führten sie nach Amsterdam, Berkeley und Halle.

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Philologie zwischen Alchemie und Materialität

Ihr aktuelles Projekt untersucht die Rolle der Philologie in der Geschichtsschreibung der Alchemie. Im Projekt „Philology of Alchemy“ betrachtet Musil-Gutsch Alchemie als heterogenes Wissensfeld, das in unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Zusammenhängen praktiziert, diskutiert und überliefert wurde. Die Formen dieses Wissens reichten von handwerklichen Versuchsanleitungen bis zu okkulten Ritualen.

Eine langfristige vergleichende Analyse soll rekonstruieren, wie Wissen über Natur, Materialien und handwerkliche Fertigkeiten philologisch erzeugt und in Texten vermittelt wurde. Das Projekt verbindet mehrere Epochen und arbeitet mit Forschenden des Clusters zusammen. Es verknüpft vormoderne alchemistisch-philologische Praktiken mit ihrer Rezeption in der Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, etwa bei Julius Ruska, und mit aktuellen methodischen Ansätzen wie digitalen und performativen Methoden.

„Philologische Praktiken“ versteht Musil-Gutsch dabei als historisch entwickelte und kulturell geprägte, multiperspektivische Form der Wissensproduktion. Laut Projektbeschreibung wirkten sie auch über die Philologie im engeren Sinn hinaus. Zu ihren Forschungsinteressen zählen außerdem die gemeinsame Geschichte von Natur- und Geisteswissenschaften, die materielle Kultur der Wissenschaft, wissenschaftliche Forschungspraktiken und Interdisziplinarität.

Bereits ihre Dissertation führte in dieses Spannungsfeld. Das abgeschlossene Promotionsprojekt trägt den Titel „Vergangenheit unter dem Mikroskop. Kooperative Forschungspraxis von Natur- und Geisteswissenschaften, 1880–1930“ und erschien 2024 im Franz Steiner Verlag. Die von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Arbeit wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Untersucht wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaftlern im deutschsprachigen Raum um 1900. Forschende verschiedener Disziplinen analysierten materielle Quellen mit naturwissenschaftlichen Methoden: kulturhistorische Objekte aus Papier, Wachs und Glas, deren Datierung und Herkunft sie gemeinsam bestimmen wollten. Im Mittelpunkt stehen die Dynamik, der Wissensaustausch und die Bedingungen dieser Kooperationen.

Eine Rolle spielten dabei die Entwicklung der Mikrochemie und die zunehmende Beschäftigung geisteswissenschaftlicher Disziplinen mit der Materialität historischer Quellen. Zu den Beispielen gehören die Datierung mittelalterlicher Manuskripte durch Paläographen und Botaniker sowie die chemische Analyse einer Wachsbüste in den Berliner Museen durch Chemiker und Kunsthistoriker. Die Studie beschreibt damit eine gemeinsame Forschungspraxis jenseits der „Zwei-Kulturen“-Debatte.

Was Interdisziplinarität praktisch bedeutet

Interdisziplinarität bezeichnet die kooperative Nutzung und Weiterentwicklung von Ansätzen, Denkweisen oder Methoden verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen. Mehrere unabhängige Einzelwissenschaften bearbeiten eine meist wissenschaftliche Fragestellung mit ihren jeweiligen Methoden. Entscheidend ist nicht, ob die beteiligten Fächer bereits selbst interdisziplinär arbeiten oder ob der fächerübergreifende Ansatz erst durch ihre Kombination entsteht.

Der Unterschied zur Multidisziplinarität liegt darin, dass Methoden und Arbeitsprozesse kooperativ zwischen den Disziplinen entstehen. Ein bloßer Austausch fertiger Ergebnisse reicht nicht. Nötig sind die Zusammenführung verschiedener Teilaspekte, ein wechselseitiger Nutzen für die beteiligten Partner und gemeinsame Lösungsstrategien.

Ganz eindeutig ist der Begriff trotzdem nicht. Interdisziplinarität kann als Methode der Erkenntnisgewinnung verstanden werden, als normative Zielsetzung wissenschaftlicher Kooperation oder als Dialog über Chancen und Grenzen fachübergreifender Zusammenarbeit. Übergreifend lässt sie sich als akademische Grundhaltung beschreiben: mit Offenheit, Kontextbewusstsein, der Anerkennung eigener disziplinärer Grenzen, Dialogbereitschaft sowie Kooperations- und Integrationsfähigkeit.

Wissenschaftliche Disziplinen sollen dabei nicht abgeschafft werden. Vielmehr geht es darum, ihre Grenzen und Fehlentwicklungen wahrzunehmen und zu problematisieren. Forschung ist durch Arbeitsteilung und Spezialisierung geprägt, doch die untersuchte Wirklichkeit hält sich meist nicht an Fächergrenzen. Viele Fragen lassen sich deshalb nicht aus einem einzelnen Fach heraus beantworten.

Interdisziplinarität steht – ähnlich wie Transdisziplinarität – in Zusammenhang mit Kritik an kontextloser Forschung, hochspezialisiertem wissenschaftlichem Expertentum und unzureichender Begründung disziplinärer Arbeit. Das stellt auch Lehre und Didaktik vor Aufgaben. In der Sportwissenschaft etwa wurde gefordert, Sporterziehung nicht auf praktisches Tun, dessen Begründung oder begleitende Reflexion zu beschränken. Sie soll fachliche Grundlagen, Ausprägungen, Möglichkeiten, Werte, Fehlentwicklungen und Missbräuche kognitiv untersuchen. Daraus ergibt sich die Zusammenarbeit mit Medizin, Biomechanik, Psychologie, Soziologie und Pädagogik.

Vom gemeinsamen Wortschatz bis zur neuen Disziplin

Fächerübergreifende Forschung braucht einen Verständigungsprozess. Die Beteiligten müssen eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung und Lösung von Problemen finden und gemeinsame Kriterien zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen entwickeln. Als Prinzipien der Zusammenarbeit werden unter anderem Gleichordnung, Transzendierung, die Identifikation des Forschungsgegenstands, Minimalität beim Wissenstransfer, Synergie und Integration genannt.

Auch sprachbezogene Prinzipien spielen eine Rolle: Einheit, die Verwendung der Alltagssprache und Vergleich. Was als interdisziplinär gilt, hängt zudem vom jeweiligen Fach ab. Nachrichtentechnik und Hochspannungstechnik werden von Ingenieuren möglicherweise als ein Fachbereich betrachtet. Mediziner bezeichnen dagegen bereits die Zusammenarbeit von Urologie und Gynäkologie als interdisziplinär, obwohl beide Fächer eng verwandt sind.

Manche Fachrichtungen sind überhaupt aus solcher Zusammenarbeit entstanden, darunter Politologie, Biochemie, Geotechnik, Sportwissenschaft und Verkehrswissenschaft. Weniger stark institutionalisierte Felder gibt es ebenfalls, etwa Gorillaforschung und Wagnisforschung. Einzelne Wissenschaftler können persönliche Interdisziplinarität praktizieren, indem sie Kompetenzen mehrerer Disziplinen verbinden – beispielsweise im Projektunterricht der Schuldidaktik.