Mutterschaft im Mittelalter war weit mehr als eine biologische Tatsache. Sie hing auch davon ab, welcher Religion jemand angehörte, woher eine Person stammte, welchen sozialen Rang sie hatte und wie ihr Körper oder ihr Geschlecht gelesen wurden. Genau diese Verflechtungen untersucht das dreijährige europäische Forschungsprojekt „Twinning for Intersectional Mothering in the Middle Ages and Beyond“ (InterMoMA), das am 1. Januar 2027 startet.

Mit rund 1,5 Millionen Euro wird InterMoMA im Rahmen von Horizon Europe gefördert. Das Projekt gehört zu fünf neu bewilligten Vorhaben der Förderlinie „Twinning“, die internationale Vernetzung, Wissensaustausch und Forschungsmobilität stärken soll. Die Leitung übernimmt das Centre for Medieval Arts and Rituals (CeMAR) der University of Cyprus in Nikosia. Mit dabei sind außerdem die Freie Universität Berlin und die Uppsala University in Schweden.

Stiefmütter, Feen und monströse Mütter

An der Freien Universität Berlin arbeitet ein Team um die Literaturwissenschaftlerin Jutta Eming daran, wie mittelalterliche Erzählungen Vorstellungen von Mutterschaft prägen, bestätigen oder auch infrage stellen. Zum Berliner Team aus dem Bereich der Älteren deutschen Literatur gehören neben Eming Antonia Murath, Laura Monique Ginzel und Carolin Pape.

Untersucht werden unterschiedliche Rhetoriken von Mutterschaft, die literarische Konstruktion von Mutterfiguren und die Beziehungsdynamiken zwischen Müttern und anderen Figuren. Auf dem Prüfstand stehen dabei nicht nur vertraute Rollenbilder. Auch intrigante Stiefmütter, Feen und monströse Wesen treten auf – Figuren, die etablierten Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Familie, Verwandtschaft und Zugehörigkeit überschreiten oder sich ihnen entziehen.

Der Ansatz des „Intersectional Mothering“ versteht Mutterschaft nicht als universelle oder ausschließlich biologische Erfahrung. Gemeint ist vielmehr eine historisch und gesellschaftlich geprägte Praxis. Geschlecht, soziale Stellung, Religion, Herkunft und weitere gesellschaftliche Differenzierungen beeinflussen, welche Erfahrungen Mütter machen, welche Handlungsmöglichkeiten ihnen offenstehen und wie sie kulturell dargestellt werden.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

InterMoMA nimmt dafür verschiedene mittelalterliche Kulturen und Literaturen in den Blick. Zugleich sollen Verbindungen zu aktuellen Debatten über Fürsorge, Geschlechterfragen und soziale Ungleichheit entstehen. Geplant sind Forschungsaufenthalte, Expertinnenbesuche, Workshops, Webinare und eine Summer School. Sie soll 2028 an der Freien Universität Berlin stattfinden. Ein Schwerpunkt liegt auf Wissenschaftlerinnen in frühen Karrierephasen; außerdem wird gefragt, unter welchen Bedingungen wissenschaftliche Arbeit und Care-Arbeit miteinander vereinbart werden können.

Als Bildbeispiel dient ein Ausschnitt aus einer französischen Handschrift des 15. Jahrhunderts, auf dem die Fee Melusine zu sehen ist. Eine Mutterfigur, die schon auf den ersten Blick nicht so recht in eine einfache Schublade passt.

Ungleichheit als Seminarstoff

Wer die größeren sozialen Zusammenhänge dahinter genauer kennenlernen möchte, kann an der Freien Universität Berlin das Seminar „Gleichheit und Ungleichheit im Mittelalter“ besuchen. Es findet donnerstags von 10–12 Uhr im IG-Farben-Haus, Raum IG-3.401, statt. Dozentin ist Prof. Dr. Sita Steckel.

Im Mittelpunkt stehen soziale, religiöse und geschlechtliche Ungleichheiten im europäischen und mediterranen Mittelalter, ungefähr zwischen 500 und 1500. Das Seminar fragt nach der Vielfalt und Dynamik mittelalterlicher Gesellschaften, nach Debatten über Gleichheit und Ungleichheit von Gruppen, Glaubensgemeinschaften und Geschlechtern sowie nach Konflikten um Ressourcen und Rechte.

Auch historische Formen expliziter Ungleichbehandlung kommen zur Sprache – etwa die Bevorzugung von Mehrheitsreligionen oder Männern. Daneben geht es um mittelalterliche Begründungen für Gleichheit, Gleichartigkeit und Verschiedenheit. Konkrete Quellenbeispiele machen sichtbar, wie solche Debatten geführt wurden und wie unterschiedlich die Forschung sie heute betrachtet.

Die Forschung des 20. und 21. Jahrhunderts zu Gleichheit und Ungleichheit dient zusätzlich dazu, Überblickswissen über zentrale Entwicklungen und aktuelle Theorien der Mittelalter- und Geschichtsforschung zu erarbeiten. Der Stoff ist also nicht bloß ein Blick zurück: Im Seminar treffen historische Quellen und moderne Denkmodelle aufeinander.

Vorausgesetzt wird regelmäßige vorbereitende Lektüre, teilweise auf Englisch. Die Textausschnitte umfassen etwa 7–15 Seiten. Dazu können kurze Lehrvideos oder Präsentationen als Hausaufgabe kommen. Mehrere kurze schriftliche Aufgaben drehen sich um Recherche und Bibliografie, eine Rezension oder ein Mini-Referat zu Forschungsansätzen sowie die Kontextualisierung und Interpretation von Quellen.

Je nach Studiengang und Modulanforderung können daraus Hausarbeiten entstehen. Wer Lust darauf hat, kann Seminarergebnisse außerdem auf einem Seminarblog veröffentlichen. Die Anmeldung läuft über das entsprechende Modul in OLAT; dafür soll die Anmeldevorlage verwendet werden.

Zur Einführung stehen unter anderem Bernd Fuhrmanns Beitrag „Die Wahrnehmung von Reichtum und Armut im Spätmittelalter und im frühen 16. Jahrhundert“, erschienen in Günther Schulz (Hg.), Arm und Reich: zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheit in der Geschichte, Stuttgart 2015, S. 25–47, sowie Stefan Gosepaths „Gleichheit als normatives Prinzip“ in Aus Politik und Zeitgeschichte 37–38/2022, S. 4–10. Hinzu kommt der Beitrag von Ulrike Davy und Antje Flüchter, „Concepts of Equality: Why, Who, What for?“, in Imagining unequals, imagining equals: concepts of equality in history and law, Bielefeld 2022, S. 11–30.

Alte Ordnungen, heutige Fragen

Soziale Ungleichheiten gehören zu den drängendsten Herausforderungen der Gegenwart und haben zugleich historische Bezüge. Wer historische Ungleichheiten untersucht, kann gegenwärtige soziale Phänomene genauer verstehen – nicht, weil sich die Vergangenheit einfach kopieren ließe, sondern weil sich Mechanismen manchmal erstaunlich gut vergleichen lassen.

Das Mittelalter gilt oft als Epoche mit einer sozialen Ordnung, die heute als überwunden betrachtet wird. Doch die bekannten Darstellungen zeigten nicht unbedingt die tatsächlichen Lebensverhältnisse. Häufig entwarfen sie einen Idealzustand: eine Gesellschaft, wie sie nach Auffassung ihrer Auftraggeber sein sollte. Dieses Bild war stark vereinfacht. Frauen und Andersgläubige, etwa Jüdinnen und Juden, kamen darin nicht vor. Sozialer Auf- oder Abstieg und die Entstehung neuer Gruppen blieben unberücksichtigt. Jeder Mensch schien an den durch seine Geburt bestimmten Platz gebunden.

Die funktionale Dreiteilung in Beter, Krieger und Arbeiter war allerdings nicht das einzige mittelalterliche Gesellschaftsmodell. Fragen nach dem sozialen Zusammenleben und seiner idealen Ordnung wurden ähnlich intensiv diskutiert wie heute. Je nach sozialem und gesellschaftlichem Hintergrund fielen die Vorstellungen darüber unterschiedlich aus. Gerade in Umbruchsphasen, wenn bestehende Modelle ihre Orientierungsfunktion verloren, nahm die Diskussion über soziale Ordnung Fahrt auf. Man sieht daran auch, wie Menschen mit sozialem Wandel umgingen.

Ein Forschungsprojekt zur sogenannten „Transformation der römischen Welt“ untersucht den Übergang Westeuropas aus dem Römischen Reich. Der Zeitraum von ungefähr 400 bis 850 markiert den Übergang von der Antike zum Mittelalter. Eine besondere Schwierigkeit liegt dabei in der Erforschung marginalisierter Gruppen, die keine unmittelbaren Selbstzeugnisse hinterlassen haben und in Gesellschaftsmodellen wie der Dreiständeordnung oft fehlen.

Gesellschaftsgeschichte darf deshalb nicht bei den Eliten stehen bleiben. Das Projekt nutzt Methoden der modernen Ungleichheitsforschung, um sich den nur indirekt belegten Gruppen anzunähern. Elitäre Ordnungsvorstellungen werden nicht nur danach befragt, wer Führungsansprüche erhob, sondern auch danach, welche Folgen diese Ansprüche für andere Gruppen hatten. Dabei wird das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen berücksichtigt.

Armut bedeutete nicht allein eine geringere wirtschaftliche Teilhabe. Sie konnte ebenso von Religionszugehörigkeit und Geschlecht abhängen. Das soziale Leben im Mittelalter war damit vielfältiger, als vereinfachte Darstellungen nahelegen – auch wenn es deshalb nicht notwendigerweise egalitärer war.

Zwischen der Abhängigkeit mittelalterlicher Bauern von ihren Grundherren und heutigen Formen unfreier Arbeit besteht kein direkter Zusammenhang. Parallelen gibt es jedoch bei den Mechanismen, mit denen Hierarchien durchgesetzt und aufrechterhalten werden. Der Blick auf die Vergangenheit kann dadurch neue Perspektiven für die Gegenwart eröffnen. Zu verstehen, wie soziale Ungleichheiten entstehen und funktionieren, gilt als Voraussetzung dafür, zu ihrer Aufhebung beizutragen.