Investitionsgipfel in Berlin: Deutschland wirbt mit KI und Reformen um privates Kapital
Roter Teppich für Investoren: In einem stillgelegten Berliner Kraftwerk hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den ersten Investitionsgipfel der Bundesregierung eröffnet. Unter dem Motto „Red Carpet for Investments“ warb er um privates Kapital aus aller Welt. Deutschland sei offen für Investitionen und Geschäfte, bereit, schneller zu wachsen und ein stabiler, verlässlicher Partner, sagte Merz.
Eröffnungsgast war Nvidia-Chef Jensen Huang. Am Montagabend trat er gemeinsam mit Merz auf der Bühne auf. Der zweitägige Gipfel soll rund 200 Vorstandschefs aus Großunternehmen, Investmentbanken und Fonds aus dem In- und Ausland nach Berlin bringen. Am eigentlichen Konferenztag nehmen neben Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) zahlreiche weitere Kabinettsmitglieder teil. Am Dienstag wird die Veranstaltung an der privaten Wirtschaftshochschule ESMT im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude am Berliner Schloßplatz fortgesetzt.
Privates Geld für die Modernisierung
Der Staat will in den kommenden Jahren mit umfangreichen kreditfinanzierten Ausgaben die Infrastruktur modernisieren und Unternehmen bei klimafreundlicheren Produktionsprozessen unterstützen. Mit dem schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastrukturmodernisierung und Klimaschutz starte Deutschland die größte Modernisierungsoffensive seiner jüngeren Geschichte, erklärte Merz. Dazu kommen deutlich gestiegene Verteidigungsausgaben und der geplante Ausbau des EU-Binnenmarkts.
Für nachhaltiges Wirtschaftswachstum reichen die öffentlichen Investitionen nach Einschätzung von Ökonomen allerdings nicht aus. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing nannte die Aufgabe zu groß, um sie allein mit staatlichen Mitteln zu bewältigen. Gesucht wird deshalb zusätzlich privates Kapital für Maschinen und Anlagen, Forschung und Entwicklung, moderne Produktionsstätten und Software. Merz rief Investoren auf, sich an der Modernisierung Deutschlands zu beteiligen.
Als Vorbild gilt der französische „Choose France“-Gipfel von Präsident Emmanuel Macron im Schloss Versailles. Der Berliner Gipfel soll ein „starkes Willkommens-Signal“ senden und konkrete Investitionen anstoßen. Deutschland verweist dabei auf solide Finanzen und ein Triple-A-Rating als einziges G7-Land, einen stabilen Rechtsstaat, die höchste Zahl an Patenten unter den europäischen Ländern, gute Universitäten und qualifizierte Fachkräfte. Hinzu kommen der zollfreie EU-Binnenmarkt und die Lage im Zentrum Europas.
Die Zahlen liefern allerdings einen kleinen Dämpfer für die Feststimmung: Laut Allianz Research sanken die Gesamtinvestitionen in Deutschland zwischen 2019 und 2025 um 6,4 Prozent. Im übrigen Euroraum stiegen sie um 6,7 Prozent, in den USA sogar um 20,2 Prozent. Als Gründe für die Zurückhaltung gelten hohe Energiekosten, hohe Steuern und Abgaben sowie umfangreiche Bürokratie.
KI zwischen Fabrikhalle und Rechenzentrum
Mit Nvidia vereinbarte die Bundesregierung eine Zusammenarbeit zur Entwicklung künstlicher Intelligenz. Das Bundeswirtschafts- und das Forschungsministerium unterzeichneten am Montag beim Investitionsgipfel in Berlin eine entsprechende Absichtserklärung mit dem US-Chipentwickler. Geplant ist eine Initiative für moderne KI-Modelle für „Physical AI“ – also für künstliche Intelligenz, die in physischen Systemen wie Robotern eingesetzt wird.
Die Initiative soll auf deutschen Industriedaten, Fertigungskompetenzen und Ingenieurswissen aufbauen. Nvidia will sein Engagement mit deutschen Partnern ausweiten und spezialisierte, offene Modelle für industrielle KI entwickeln. Zugänglich werden sollen sie künftig nicht nur für Großunternehmen, sondern auch für kleine und mittlere Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen. Ziel ist ein modernes KI-Ökosystem in Europa, eine breitere industrielle Nutzung und mehr technologische Souveränität Deutschlands.
Bei großen internationalen Sprachmodellen liegt Deutschland hinter anderen Ländern zurück. In der industriellen KI sehen Experten dennoch erhebliches Potenzial: Deutschland hat eine starke Industrie und viele verfügbare Industriedaten. Siemens-Chef Roland Busch bezeichnete industrielle KI als große Chance und forderte schnelleres Handeln.
Huang betonte das Vertrauen Nvidias in Deutschland. Nach Angaben des Unternehmens investierte Nvidia im vergangenen Jahr fast eine Milliarde US-Dollar in Deutschland und ist an zahlreichen Start-ups und etablierten Unternehmen beteiligt. Vor dem Gipfel hatte Huang allerdings auch den technologischen Rückstand kritisiert. Deutschland werde als einst eines der technologisch fortschrittlichsten Länder inzwischen weit abgehängt. Eine europäische Tendenz, Dinge zu stark zu analysieren und dadurch zu verzögern, nannte er als möglichen Grund. Talent sei reichlich vorhanden – jetzt müsse man schneller handeln.
Reformen, Rentenstreit und ein großes Fragezeichen
Merz bekräftigte den Reformkurs der Bundesregierung. Geplant sind Reformen der Sozialsysteme zur Begrenzung der Sozialausgaben, die Digitalisierung der Verwaltung, flexiblere Arbeitsmarktregeln und kürzere Planungs- und Genehmigungsverfahren, etwa für Rechenzentren. Der Abbau bürokratischer Hürden gehört ausdrücklich dazu. Vorhaben wie die Rentenreform sind innerhalb der schwarz-roten Koalition jedoch umstritten.
DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier bezeichnete den Gipfel als wichtiges Signal, verlangte aber konkrete zusätzliche Investitionen und dauerhaft bessere Standortbedingungen. IW-Direktor Michael Hüther formulierte es nüchterner: Unternehmen entschieden sich nicht wegen einer Werbeveranstaltung für Deutschland, sondern danach, ob sie dort profitabel wirtschaften können. Das sitzt. Ein roter Teppich ersetzt keine funktionierende Genehmigung.
In einem Bloomberg-Interview sagte Merz, Europa könne sich zwischen den Wirtschaftsmächten USA und China behaupten. Der europäische Markt umfasse rund 450 Millionen Verbraucher, etwa 100 Millionen mehr als die USA. Investitionen und Bürokratieabbau sollen helfen, den wirtschaftlichen Rückstand aufzuholen.
Die Initiative „Made for Germany“ nennt fünf zentrale Investitionsfelder: industrielle KI, Transformation und Zukunftstechnologien, Energiesysteme, Infrastruktur sowie Sicherheit und Verteidigung. Für diese Bereiche wird bis 2035 ein Investitions- und Finanzierungspotenzial von rund 2,9 bis 4,1 Billionen Euro veranschlagt. Weitere Chancen sieht die Bundesregierung bei der geplanten neuen „Kapitalrente“ für die Altersvorsorge.
Pharmaindustrie wartet nicht gern
Wie empfindlich das Verhältnis zwischen Politik und Unternehmen ist, zeigte sich schon vor dem Gipfel. Der Schweizer Pharmakonzern Roche kündigte an, wegen Sparvorgaben im deutschen Gesundheitswesen alle Investitionen in Deutschland zu überprüfen. Roche-Deutschlandchef Daniel Steiners sagte, die Politik habe zuletzt viel Vertrauen zerstört.
Hintergrund ist ein Gesetz zur Kostensenkung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erklärte, die Bundesregierung arbeite daran, die finanzielle Belastung der Pharmabranche zu verringern. Für die Berliner Investitionswerbung ist das eine unangenehme Begleitmusik: Während der Kanzler internationale Geldgeber willkommen heißt, prüfen Unternehmen gleichzeitig, ob sie ihre Vorhaben im Land noch halten wollen.
Von der Universität Bonn aus betrachtet wirkt der Berliner Kraftwerksrahmen fast wie eine passende Kulisse: viel Energie, große Maschinen, Zukunftsversprechen. Ob daraus tatsächlich neue Fabriken, Forschungsvorhaben und Rechenzentren entstehen, hängt weniger vom Glanz des Gipfels ab als von Kosten, Tempo, Regeln und der Frage, ob Unternehmen am Ende verlässlich planen können. Das von EY bereitgestellte PDF enthält ausschließlich komprimierte Binärdaten; ein auslesbarer Nachrichten- oder Berichtstext ist darin nicht vorhanden.
