Die Linke zwischen Comeback und Strukturwandel: Mehr Mitglieder, jüngere Wählerschaft, westdeutscheres Profil
Berlin, FU Berlin, 19. Oktober 2026. Die Linke ist zurück – zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Mit 64 von 630 Sitzen ist sie die kleinste der drei Oppositionsfraktionen im 21. Deutschen Bundestag. In den neuesten Sonntagsfragen kommt sie im Mittel auf 11,1 Prozent und liegt damit auf Platz fünf. Für eine Partei, die noch vor wenigen Jahren um ihre parlamentarische Existenz rang, ist das eine bemerkenswerte Kurve.
Bei der Bundestagswahl 2025 holte Die Linke 8,8 Prozent der Zweitstimmen und 64 Sitze. 2021 waren es lediglich 4,9 Prozent gewesen; damals gelang der Einzug mit 39 Abgeordneten über drei Direktmandate und die Grundmandatsklausel. Das bisher beste Bundestagswahlergebnis stammt aus dem Jahr 2009: 11,9 Prozent. Auf europäischer Ebene fiel die Entwicklung zuletzt deutlich magerer aus. Bei der Europawahl 2024 erreichte die Partei 2,7 Prozent, nach 5,5 Prozent im Jahr 2019. Wegen der fehlenden Sperrklausel zog sie dennoch ins Europäische Parlament ein.
Neue Gesichter, viele Mitglieder
Seit Juni 2026 wird die Partei von Ines Schwerdtner und Luigi Pantisano geführt. Schwerdtner ist seit Oktober 2024 Parteivorsitzende und wurde im Juni 2026 mit 85,7 Prozent bestätigt. Pantisano kam mit 53,3 Prozent zum Co-Vorsitzenden hinzu; er folgte auf Jan van Aken. Stellvertretende Vorsitzende sind Wenke Brüdgam, Özlem Alev Demirel, Olga Fritzsche, Luise Neuhaus-Wartenberg, Theo Glauch und Ates Gürpinar. Janis Ehling arbeitet als Bundesgeschäftsführer, Sebastian Koch als Bundesschatzmeister.
Die Bundestagsfraktion führen Heidi Reichinnek und Sören Pellmann. Bodo Ramelow ist Vizepräsident des Bundestages. Am 25. Februar 2025 hatte Die Linke mit 64 Abgeordneten wieder eine Fraktion gebildet; zuvor war sie seit 2023 lediglich als Gruppe vertreten. Für die Bundestagswahl 2029 ist eine Spitzenkandidatur noch nicht entschieden. 2025 traten Reichinnek und Jan van Aken als Spitzenduo an.
Der Mitgliederzuwachs wirkt fast wie ein eigener politischer Nachrichtenstrang. Ende 2025 zählte die Partei 123.126 Mitglieder – gegenüber 58.532 Ende 2024, ein Anstieg um 110,4 Prozent. Mitte Juni 2026 waren es gut 126.000, Anfang September mehr als 131.500. Das Durchschnittsalter sank Ende 2025 auf 38,6 Jahre, nachdem es 2024 noch rund 45 Jahre betragen hatte. Der Frauenanteil lag bei 44,6 Prozent.
Der Blick zurück macht den Sprung noch kantiger: Zwischen 2010 und 2023 war die Mitgliederzahl von 73.658 auf 50.251 gesunken. Statistisch sichtbar werden solche Veränderungen auch in einem 2025 veröffentlichten Statistik-Report zur Partei Die Linke. Die redaktionell zusammengestellte Sammlung umfasst 76 Seiten, ist auf Deutsch als PPTX und PDF erhältlich, kostet 495 Euro und enthält unter anderem Daten zu Mitgliedern, Finanzen, Wahlen, Wählerwanderungen, Umfragen und Parteikompetenzen.
Ostpartei mit westdeutscherer Wählerschaft
Historisch war Die Linke vor allem in Ostdeutschland stark. Inzwischen stammen jedoch rund drei Viertel ihrer Wähler aus Westdeutschland. Bei der Bundestagswahl 2025 kam sie im Osten auf 12,8 Prozent, im Westen auf 7,9 Prozent. Der Anteil der Stimmen aus den alten Bundesländern stieg von 45,5 Prozent im Jahr 2005 über 57,7 Prozent 2009 auf 75,2 Prozent 2025. Damit ist die Wählerschaft der Linken inzwischen westdeutscher geprägt als die von AfD und BSW.
Seit 1990 war Die Linke durchgehend in allen ostdeutschen Landtagen und im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten. 2007 zog sie in Bremen erstmals in ein westdeutsches Landesparlament ein. Vor der Bundestagswahl 2025 war sie – abgesehen von Bremen – außerdem in Hamburg, zeitweise im Saarland und bis 2023 dauerhaft in Hessen landespolitisch vertreten. 2024 scheiterte sie in Brandenburg erstmals in Ostdeutschland am Wiedereinzug in einen Landtag; in Sachsen gelang der Wiedereinzug nur über die Grundmandatsklausel.
Die Vorgängerin PDS verdoppelte nach 1994 in den neuen Ländern ihre Stimmenanteile und wurde schrittweise dritt- oder zweitstärkste Kraft. Regierungsbeteiligungen mit der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg gingen bei folgenden Wahlen allerdings teilweise mit deutlichen Stimmenverlusten einher. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt überholte die PDS ab 1999 beziehungsweise 2002 als Oppositionspartei die SPD. Von 2009 bis 2017 lag Die Linke bei Bundestags- und Europawahlen in Ostdeutschland vor den Sozialdemokraten.
Ab 2013 setzte die AfD die ostdeutsche Position der Linken zunehmend unter Druck. 2014 konnte Die Linke Verluste durch den Wahlerfolg in Thüringen und die Übernahme des Ministerpräsidentenamts teilweise ausgleichen. Zwei Jahre später verdrängte die AfD sie in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern vom zweiten beziehungsweise dritten Platz. Bei der Europawahl sowie den Landtagswahlen 2019 in Brandenburg und Sachsen kam Die Linke jeweils nur knapp über 10 Prozent. In Thüringen blieb sie 2019 wegen der hohen Popularität des Ministerpräsidenten Bodo Ramelow stärkste Kraft und übertraf ihr Ergebnis von 2014.
Bei der Bundestagswahl 2021 und den Landtagswahlen von 2021 bis 2024 setzte sich der Abwärtstrend fast überall fort; eine Ausnahme war Baden-Württemberg 2021. Ab 2024 verlor die Partei zusätzlich viele Stimmen an das BSW. Vor dem Wiedererstarken ab Ende 2024 war sie in Ostdeutschland auf Platz drei in Thüringen und Sachsen-Anhalt, auf Platz vier in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sowie auf Platz sechs in Sachsen und Brandenburg gefallen.
Wahlen zwischen Ernüchterung und Rückenwind
Die Zahlen der vergangenen Jahre lesen sich wie eine lange Reihe kleiner Dellen: Saarland 2022: 2,6 Prozent; Schleswig-Holstein 2022: 1,7 Prozent; Nordrhein-Westfalen 2022: 2,1 Prozent; Niedersachsen 2022: 2,7 Prozent. In Bremen 2023 erreichte die Partei 10,9 Prozent, in Bayern 1,5 Prozent und in Hessen 3,1 Prozent. Bei der Europawahl 2024 waren es 2,7 Prozent, in Sachsen 4,5 Prozent, in Thüringen 13,1 Prozent und in Brandenburg 3,0 Prozent.
2025 folgten 8,8 Prozent bei der Bundestagswahl und 11,2 Prozent in Hamburg. 2026 kam Die Linke in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jeweils auf 4,4 Prozent, in Sachsen-Anhalt auf 8,6 Prozent, in Berlin auf 25,7 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern auf 6,5 Prozent. Das beste Ergebnis dieses Zeitraums erzielte sie in Berlin 2026, das niedrigste in Bayern 2023. Bei 13 von 18 Wahlen sank ihr Stimmenanteil gegenüber der jeweils vorherigen Wahl.
Im Bundestagswahlkampf 2025 verschoben sich die Wanderungsbewegungen trotzdem. Nur wenige Wähler wechselten noch zur AfD, und weniger Menschen gingen zum BSW als nach den ostdeutschen Landtagswahlen erwartet. Mehr als eine halbe Million frühere SPD-Wähler wechselten zur Linken. Rund 700.000 ehemalige Grünen-Wähler kamen hinzu, vor allem in westdeutschen Hochburgen.
Im Monatsmittel der Umfragen stieg Die Linke seit der Bundestagswahl 2025 von 10,2 Prozent im März auf 10,8 Prozent; die Spannweite lag zwischen 9,9 und 11,5 Prozent. Die Grünen legten im selben Zeitraum von 11,7 auf 15,1 Prozent zu. Das ist kein Wettrennen mit Zielfoto, aber die Abstände erzählen etwas über die neue politische Unruhe.
Bei den 18- bis 24-Jährigen erzielte Die Linke 2025 27,3 Prozent – ihr mit Abstand bestes Ergebnis in einer Altersgruppe und mehr als dreimal so viel wie im Gesamtergebnis. Bei den 25- bis 34-Jährigen lag sie etwa doppelt so hoch wie insgesamt. Ab 44 Jahren blieb sie deutlich unter ihrem Durchschnitt. Bei den 18- bis
