In Frankfurt am Main eröffnet heute, am 3. November 2026, die Jüdische Akademie. Der Festakt ist für Montag angesetzt; erwartet werden unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD). Für Frankfurt ist das mehr als ein neuer Veranstaltungsort. Im Westend entsteht ein Haus, in dem jüdische Perspektiven ihren festen Platz in gesellschaftlichen Debatten bekommen sollen.

Nach Angaben von Zentralratspräsident Josef Schuster handelt es sich um die erste überregionale, nicht-universitäre jüdische Bildungseinrichtung in Deutschland seit der Schoa. Trägerin ist der Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Akademie versteht sich als Ort jüdischen Denkens und will jüdische Perspektiven selbstbestimmt in gesellschaftliche Diskurse einbringen – wissenschaftlich, philosophisch und kulturell.

Ein Haus für viele Debatten

Angesprochen sind jüdische ebenso wie nichtjüdische Menschen: die jüdische Gemeinschaft, Akteure aus Wissenschaft, Politik und Kultur sowie die breite Öffentlichkeit. Geplant sind Fortbildungen, internationale Konferenzen, Fachtagungen, Seminare und abendliche Podiumsdiskussionen. Auch die Frankfurter Goethe-Universität ist Kooperationspartnerin.

Auf dem Programm stehen Religion, Philosophie und Ethik, Geschichte und Erinnerung, Politik und Gesellschaft sowie Kunst, Film und Literatur. Die Akademie nennt außerdem das Zusammenleben in einer modernen, demokratischen Gesellschaft, Religion und Tradition, Antisemitismus sowie Kunst und Ethik als thematische Schwerpunkte. Ihre Aufgaben beschreibt sie mit drei Begriffen: Bildung, Gestaltung und Förderung des Diskurses.

Jüdisches Leben soll dabei nicht nur dann sichtbar werden, wenn antisemitische Vorfälle Schlagzeilen machen. Der Zentralrat sei bislang vor allem in solchen Zusammenhängen gefragt worden, sagt Schuster. Die Akademie soll nun die Vielfalt jüdischen Lebens zeigen – und zwar als Teil der deutschen Kultur, nicht als etwas Außergewöhnliches oder Exzentrisches. Gerade angesichts des wachsenden Antisemitismus und des Erfolgs der AfD sei es wichtig, die Normalität jüdischen Lebens in Deutschland sichtbar zu machen.

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Dialog, auch wenn es knirscht

Ein Schwerpunkt liegt auf dem interreligiösen Dialog, insbesondere zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Gemeinschaften. Unterschiede sollen ausgehalten, Gemeinsamkeiten gestärkt werden. Das klingt nicht nach einer Runde, in der alle am Ende dieselbe Meinung haben. Auch polarisierende Themen wie der Nahost-Konflikt sollen kontrovers diskutiert werden.

Die Akademie will damit innerjüdisch und gesellschaftlich wirken. Ihre Räume sind also nicht als abgeschotteter Treffpunkt gedacht, sondern als Ort, an dem Wissenschaft, Politik, Kultur und Öffentlichkeit miteinander ins Gespräch kommen – manchmal vermutlich vorsichtig, manchmal ziemlich direkt.

Von Berlin nach Frankfurt

Die Idee für die Akademie entstand in den 2010er-Jahren. Eine zunächst erfolglose Standortsuche in Berlin führte schließlich nach Frankfurt. Für die Stadt sprachen laut Schuster die lebendige jüdische Gemeinde, die zentrale Lage und die gute Verkehrsanbindung.

Im Frankfurter Westend verbindet das Gebäude eine frühere Professorenvilla der Goethe-Universität mit einem mehrgeschossigen Neubau. Entworfen wurde der Neubau vom Frankfurter Architekten Zvonko Turkali. Die Projektkosten belaufen sich auf rund 40 Millionen Euro. Finanziert wird das Vorhaben vom Bund, dem Land Hessen, der Stadt Frankfurt und dem Zentralrat der Juden.

Vom Campus der Uni Frankfurt ist die neue Einrichtung damit nicht weit entfernt – und doch setzt sie einen eigenen Akzent. Nicht als Universität, aber mit enger Verbindung zu ihr; nicht nur für ein Fachpublikum, sondern auch für Menschen, die einfach neugierig sind. In den kommenden Veranstaltungen soll sich zeigen, wie gut dieser Spagat im Alltag funktioniert.