Heute, am 2. November 2026, ist in Frankfurt am Main im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Jüdische Akademie eröffnet worden. Für die Universität Frankfurt ist das Thema nicht weit weg: Die neue Einrichtung des Zentralrats der Juden in Deutschland liegt mitten in derselben Stadt, in der jüdisches Denken, Wissenschaft und gesellschaftliche Debatten seit Langem aufeinandertreffen.

Die Akademie soll ein Ort der Bildung und Begegnung sein. Der erste Spatenstich erfolgte 2021, die Baukosten belaufen sich auf rund 40 Millionen Euro. Unterstützt wurde der Bau von Bund, Stadt Frankfurt und Land Hessen. Es ist die erste überregionale, nichtuniversitäre jüdische Bildungseinrichtung in Deutschland seit der Schoah.

„Ein Meilenstein“ in aufgeheizter Zeit

Bei der Eröffnung forderte Steinmeier die Parteien auf, keine Antisemiten in ihren Reihen zu dulden. Der Schutz jüdischen Lebens dürfe im politischen Machtkampf niemals zur Verhandlungsmasse werden, sagte der Bundespräsident. Antisemitismus dürfe in Deutschland keinen Einfluss auf die Regierungsarbeit gewinnen.

Parolen wie „Tod den Juden“ oder Forderungen nach der Auslöschung Israels dürften in keiner Partei Verständnis oder Zustimmung finden. Klare Worte, gerade weil der politische Alltag oft mit weichgespülten Formulierungen arbeitet.

Zentralratspräsident Josef Schuster bezeichnete die Akademie als „Meilenstein“. Sie fülle eine gesellschaftliche Leerstelle und solle zeigen, dass jüdisches Leben mehr sei als jüdisches Leiden. Das Gebäude stehe für den Anspruch der jüdischen Gemeinschaft, in Deutschland zu Hause zu sein.

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Dieser Anspruch wird durch den zunehmenden Judenhass seit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 infrage gestellt. Schuster betonte, die Behauptung, Judenhass habe keinen Platz in der Gesellschaft, verleugne die Realität. Antisemitismus versuche, Widersprüche der Welt aufzulösen und die Schuld Juden zuzuschieben – deshalb sei er ein Feind der Aufklärung. Bildung sei ein Mittel dagegen, zu dem die neue Akademie beitragen solle.

Jüdische Perspektiven im offenen Austausch

Die Jüdische Akademie ist eine Bildungsinstitution des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie will jüdische Perspektiven selbstbestimmt in gesamtgesellschaftliche Diskurse einbringen und versteht sich als Ort jüdischen Denkens. Wissenschaftlicher, philosophischer und kultureller Austausch gehören ebenso dazu wie das Bilden, Gestalten und Fördern von Diskursen.

Auf dem Programm stehen das Zusammenleben in einer modernen, demokratischen Gesellschaft, Religion und Tradition, Antisemitismus, Kunst und Ethik sowie Geschichte und Erinnerung. Angeboten werden Fortbildungen, Konferenzen, Tagungen und Seminare. Angesprochen sind die jüdische Gemeinschaft, Akteure aus Wissenschaft, Politik und Kultur – und die breite Öffentlichkeit.

Damit endet die Arbeit nicht an der Eingangstür und auch nicht bei akademischen Debatten. In Berlin arbeitet das Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung, kurz KOAS, als bundesweit tätiges Institut an ähnlichen Fragen. Es entwickelt und setzt Projekte und Programme in antisemitismuskritischer Bildung und Forschung um.

Vom Fachbereich in Thüringen zum bundesweiten Institut

Das KOAS ging aus einer 2007 gegründeten Fachstelle in Thüringen hervor und wurde 2014 als Institut in Trägerschaft der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V. in Berlin etabliert. Zu seinen Aufgaben gehören die Koordination und Konzeption von Bildungsprojekten und Netzwerken, die Entwicklung innovativer Bildungsprogramme, die Förderung des fachlichen Austauschs sowie die Qualifizierung und Begleitung antisemitismuskritischer Organisationsentwicklung. Außerdem berät das Institut fachpolitische Entscheidungsträger.

Seit 2017 forscht das KOAS zu Antisemitismus in institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten. Mit den Bereichen „Bildung, Forschung und Diskurs“ will es Antisemitismuskritik als wissenschaftliches, pädagogisches und gesellschaftliches Handlungsfeld weiterentwickeln, fachliche Debatten anregen und den Austausch zwischen Wissenschaft, Bildungspraxis und Zivilgesellschaft fördern.

Erkenntnisse aus Praxis und empirischer Forschung werden über Fachkonferenzen, Studienberichte, Publikationen sowie zielgruppenspezifische Bildungs-, Transfer- und Diskursformate verbreitet. Die seit 2021 bestehende Forschungskooperation mit der Fachhochschule Potsdam wurde 2026 in eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung, IRex, der Universität Tübingen überführt. Seit 2025 ist das KOAS außerdem Partner im Kooperationsverbund Antisemitismus, KOVA, der im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert wird.

Termine, Studien und Material für die Praxis

Vorträge, Bildungsprogramme, Workshops und Seminare zu bestimmten Themen können beim KOAS angefragt werden. Für den 3. November 2026 sind zwei Veranstaltungen genannt: die digitale Fortbildungsreihe „Umgang mit Antisemitismus“ im Rahmen der Tempelhof-Schöneberger Aktionswochen gegen Antisemitismus von 16:30 bis 19:30 Uhr sowie die Fortbildung „Zum Umgang mit aktuellem Antisemitismus in der polizeilichen Arbeit“, ebenfalls von 16:30 bis 19:30 Uhr. Am 4. November 2026 folgt von 18:30 bis 20:30 Uhr ein Podium mit Marina Chernivsky unter dem Titel „Was hilft gegen Antisemitismus?“

Zu den aktuellen Inhalten und Projekten zählen ein Abschlussbericht zu den Auswirkungen des terroristischen Anschlags vom 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland, das Forschungsprojekt „KiDem – Jüdische Kindertagesstätten und demokratische Teilhabe“ sowie „AKTIF“, ein Professionalisierungsprogramm für Fachkräfte zum Umgang mit Antisemitismus in Institutionen.

Hinzu kommen eine Praktikumsausschreibung für September bis Dezember 2026, ein Factsheet zur Studie „Umgang mit Antisemitismus im Kontext der Polizei in Thüringen“ und die Podcastfolge „Antisemitismuskritische Bildung in der KiTa“ mit Romina Wiegemann. Als Leseempfehlung nennt das KOAS Marina Chernivskys „Qualitätsmerkmale antisemitismuskritischer Bildung“ von 2025.

Weitere Angebote sind die Bundesländerstudienreihe „Antisemitismus im Kontext Schule“, das Unterrichtsmaterial „Antisemitismus? Gibt’s hier nicht. Oder etwa doch?“ ab der 8. Klassenstufe, das Methodenbuch „Praxiswelten – Zwischenräume der Veränderung“ und die Broschüre „Lernen am sicheren Ort!“. Das KOAS ist außerdem an Studienförderungen, Bildungsprojekten, Forschungspartnerschaften und der Zweigstelle „Praxisstelle Thüringen“ beteiligt.

In Frankfurt bekommt der Gedanke nun ein Haus: mit Seminarräumen, Konferenzen und jüdischen Perspektiven, die nicht bloß Gegenstand von Gesprächen sein sollen, sondern selbst den Ton angeben. Draußen läuft der November weiter, drinnen beginnt die Arbeit erst.