Koalition ringt um die Zukunft der abschlagsfreien Frührente
FU Berlin, 26.09.2026 – Die Koalition ringt um die Zukunft der abschlagsfreien Frührente. Nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern suchen Union und SPD nach einem Kompromiss. In der CDU werden die Rentenpläne teilweise für die schlechten Wahlergebnisse verantwortlich gemacht, während vor allem ostdeutsche Ministerpräsidenten die Reform kritisieren.
Im Zentrum steht ein Nachfolgemodell der Regelung, die Franz Müntefering als SPD-Arbeitsminister eingeführt hatte. Er setzte den schrittweisen Anstieg des Rentenalters auf 67 Jahre durch und ermöglichte eine abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Seine Regelung galt ab einem Mindestalter von 65 Jahren; Zeiten der Arbeitslosigkeit wurden nicht auf die 45 Beitragsjahre angerechnet.
Streit um die „Rente mit 63“
Heute können Menschen mit 45 Beitragsjahren bis zu zwei Jahre vor der regulären Altersgrenze ohne Abschläge in Rente gehen. Bekannt wurde das Modell als „Rente mit 63“. Die Altersgrenze steigt parallel zur regulären Altersgrenze und liegt derzeit bei 64 Jahren und acht Monaten. Fast 30 Prozent der neuen Altersrentner nutzen diese Möglichkeit.
Die Regierungskommission aus Fachleuten sowie Unions- und SPD-Abgeordneten hatte Ende Juni 33 Reformempfehlungen vorgelegt. Kanzler Friedrich Merz und die SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil kündigten zunächst an, alle Empfehlungen umzusetzen. Bas nannte das Paket ein „Gesamtkunstwerk“. Nach den Wahlen stehen nun Teile davon infrage.
Merz will die Reform fortsetzen, in der SPD wachsen die Zweifel. Bas fordert einen „Realitäts- und Gerechtigkeitscheck“. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hatte im Wahlkampf die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente abgelehnt. Auch die Linke und der DGB sehen darin eine Anerkennung langer Erwerbszeiten und geleisteter Beiträge.
Die Kommission hält das Modell dagegen für ungerecht, weil vor allem Besserverdienende, gesündere Menschen und Männer davon profitierten. Nach Ansicht von DIW-Professor Peter Haan werden damit Menschen unterstützt, die häufig noch länger arbeiten könnten. Schwesig argumentiert, eine Abschaffung würde besonders Ostdeutsche treffen. DGB-Vize Anja Piel sagt: Wer 45 Jahre gearbeitet, Beiträge gezahlt, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt habe, verdiene einen abschlagsfreien Übergang in den Ruhestand.
Mehrere Modelle liegen auf dem Tisch
Als Kompromiss wird diskutiert, die Altersgrenze nach Münteferings Vorbild weiterzuentwickeln. Bis 2031 steigt sie ohnehin schrittweise auf 65 Jahre. Anschließend könnte sie parallel zur regulären Altersgrenze weiter steigen. Bei einer regulären Altersgrenze von 67,5 Jahren im Jahr 2040 wäre eine abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren dann ab 65,5 Jahren möglich.
Die Bundesregierung plant zudem, die Regelaltersgrenze nach 2031 moderat an die steigende Lebenserwartung anzupassen. Änderungen sollen im Verhältnis 2:1 auf Erwerbs- und Rentenphase verteilt werden. Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes würde die Regelaltersgrenze zwischen 2031 und 2041 schrittweise von 67 auf etwa 67,5 Jahre steigen.
Eine weitere Option wäre, die anrechenbaren Zeiten für die 45 Beitragsjahre einzuschränken. Derzeit zählen neben Erwerbszeiten Kindererziehung – bis zu zehn Jahre je Kind –, Krankengeld, die Pflege von Angehörigen und der Bezug von Arbeitslosengeld I. Diese Zeiten könnten begrenzt oder teilweise gestrichen werden. Arbeitslosigkeitszeiten wären dann wie bei Münteferings Regelung ausgeschlossen.
Auch ein abgestuftes Abschlagsmodell ist im Gespräch. Wer vorzeitig in Rente geht, ohne 45 Beitragsjahre vorweisen zu können, verliert derzeit dauerhaft 0,3 Prozent der Rente pro Monat. Künftig könnte der Abschlag geringer ausfallen, je näher jemand an 45 Beitragsjahre herankommt. Nach einem Vorschlag der Grünen müsste jemand mit 43 Beitragsjahren geringere monatliche Abschläge hinnehmen als jemand mit 37 Beitragsjahren.
Alternativ könnte die Zahl der erforderlichen Beitragsjahre steigen: Bei 45 Jahren gäbe es dann geringere Abschläge, abschlagsfrei wäre die Rente erst ab 47 Beitragsjahren.
Eine Sonderregelung für besonders belastende Berufe nach österreichischem Vorbild ist ebenfalls auf dem Tisch. Die österreichische „Schwerarbeitspension“ erlaubt Beschäftigten etwa im Bau oder in der Pflege einen früheren Renteneintritt, allerdings mit geringeren Abschlägen als in Deutschland. Führende SPD-Politiker brachten dieses Modell ins Gespräch, CSU-Chef Markus Söder befürwortete Ausnahmen für bestimmte Branchen.
Was sich außerdem ändern soll
Der abschlagsfreie Renteneintritt für besonders langjährig Versicherte, also die „Rente mit 63“, soll nach den Regierungsplänen abgeschafft werden. Voraussetzung sind derzeit mindestens 45 Versicherungsjahre. Für die „Rente für langjährig Versicherte“ mit Abschlägen soll die Altersgrenze von 63 auf 64 Jahre steigen; nötig sind dafür 35 Versicherungsjahre. Anschließend soll auch diese Altersgrenze parallel zur Entwicklung der Regelaltersgrenze angehoben werden.
Bei der Altersteilzeit ist vorgesehen, das Mindestalter von 55 auf 58 Jahre zu erhöhen und die Regelung künftig an die Regelaltersgrenze zu koppeln. Altersteilzeit im Blockmodell soll nicht mehr möglich sein.
Viel Geld, viel politischer Druck
Finanziell steht einiges auf dem Spiel. Die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente würde langfristig rund zehn Milliarden Euro einsparen. Nach Angaben von Kommissionsmitgliedern wird dieses Geld gebraucht, um andere Bestandteile der Reform zu finanzieren. Ohne Reform würden die Rentenbeiträge für Beschäftigte und Arbeitgeber weiter steigen; ab 2031 würde zudem das Rentenniveau sinken.
DIW-Experte Haan erwartet, dass zur Finanzierung der Reform bestimmte Gruppen schlechtergestellt werden müssen. Ein Scheitern wäre zugleich eine politische Niederlage der Koalition. Umfragen zufolge lehnt eine große Mehrheit der Bevölkerung die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente ab.
Der DGB kündigte für Samstag Protestkundgebungen in 15 Großstädten an. Damit dürfte der Streit nicht nur in Fraktionssitzungen und Ministerpräsidentenkonferenzen weitergehen, sondern auch auf Straßen und Plätzen – mit Transparenten, Megafonen und vermutlich ordentlich Gegenwind.
